Trauerbuche gestern noch nicht gefällt - Zwei Naturfreunde besetzten den Baum
Keine Hilfe für Baumschützer aus Düsseldorf - Prof. Grathoff hofft auf Kommunalpolitiker
Prof. Richard Grathoff, Mitunterzeichner des Telegramms, war um 11 Uhr der erste Baumschützer, der von Bürgermeister Horst Steinhäuser telefonisch aus Düsseldorf über den ablehnenden Bescheid des Ministers erfuhr. Da sich Grathoff zu diesem Zeitpunkt in Bielefeld aufhielt, holte seine Frau das Zöpel-Schreiben, das inzwischen im Rathaus vorlag. Sie hatte vom Vorzimmer des Stadtdirektors um 11.20 Uhr darüber Nachricht bekommen.
Professor Grathoff bemängelte am Nachmittag gegenüber der NW, daß der Minister ausschließlich auf das Schreiben des „Notkomitees“ vom Enos August eingegangen sei, nicht aber auf die am Sonntag übermittelte Eingabe. Immerhin seien hierin neue Gesichtspunkte geschildert worden (s. NW von Montag, 16. Oktober).
„Ein Armutszeugnis“
Grathoff wörtlich: „Ich hätte etwas mehr Weisheit vom Minister erwartet. Wenn er damit zu erkennen gibt, daß bei einem beispielsweise 200 Jahre alten Fachwerkhaus alles zu dessen Erhalt getan wird, aber nicht geschieht, wenn das Leben eines einmaligen, 150 Jahre alten Baumes auf dem Spiel steht, dann stellt er sich selbst ein Armutszeugnis aus. Das gelte aber auch für die Kommunalpolitiker und die Stadtverwaltung. Wenn der Baum fällt, dann wird so mancher Politiker hierüber fallen, in Düsseldorf wie in Oerlinghausen“, sagte Grathoff.
Der Soziologieprofessor äußerte gestern die Hoffnung, daß der neue Stadtrat noch eine Wende herbeiführen werde. Da der Miteigentümer des Grundstückes zu erkennen gegeben habe, nicht um jeden Preis das Projekt durchziehen zu wollen, gebe es noch die Möglichkeit, daß die Stadt bzw. die Landesentwicklungsgesellschaft (LEG) ihn aus dem Vertrag entlasse und damit neue Fakten schaffe.
Grathoff versicherte, es gebe einen Kreis von gut zehn Oerlinghauser Bürgern, die bereit seien, insgesamt 500.000 Mark für den Rückerwerb des Grundstücks auf den Tisch zu legen. Die Stadt müsse in diesem Fall die Schadenersatzansprüche der Eigentümer begleichen.
Auf dem Grundstück campierten seit 5.15 Uhr drei Schüler des Gymnasiums, ehe im Laufe des Vormittags neue, vor allem jugendliche Baumschützer hinzukamen. Um 6.45 Uhr war es etwa ein Dutzend, darunter Wolfgang Opitz von den Naturfreunden Oerlinghausen/Leopoldshöhe. Prof. Richard Grathoff vom „Notkomitee Trauerbuche“ wartete zu dieser Zeit zu einem Treffen in Bielefeld auf einen Anruf des Bürgermeisteramtes und Landtagsabgeordneten Horst Steinhäuser.
Um zehn Minuten nach sieben Uhr war die Zahl der Baumschützer auf über 30 angewachsen, unter ihnen auch Willi Wächter von den Naturfreunden, der den Sonntag den drei Tage davor bei des gescheiterten Fällung verursachten Einschnitt in die Buche mit Baumharz versetzt hatte.
Um 7.32 Uhr tauchte erstmals ein Streifenwagen der hiesigen Polizeiwache mit zwei Beamten auf. Die Unruhe unter den Anwesenden wurde größer. Eine Viertelstunde später fand Eva Nachbar Zustimmung für ihren Vorschlag, eine Telefonliste anzulegen, da nicht viele zur Arbeit oder zur Schule konnten.
Kurz vor acht Uhr bestätigte die ansonsten passive Polizei der NW, daß „heute nichts passiert“ und: „Wir erzählen ihnen nichts Falsches.“
Um 8.10 Uhr fuhr Bauträger Rupert Schreiner vor und klärte die sichtlich erregten jungen Leute über die Rechtslage auf: „Was machen Sie hier, dies ist eine Baustelle.“ Er wies darauf hin, daß sie sich unrechtmäßig auf dem Gelände aufhielten. „Wenn hier irgendein Unfall passiert, gibt es Probleme mit der Versicherung.“ Außerdem mußten zwei Fahrzeuge und ein Anhänger, die mitten auf dem Baustelle gekennzeichneten und nahezu vollständig eingezäunten Gelände abgestellt waren, weg.
Schon am Vorabend machte die Polizei die NW darauf aufmerksam: „Sie wissen ja, daß es Hausfriedensbruch ist, wenn Sie das Gelände betreten.“
Ab 8.30 Uhr stellte ein Arbeiter der Firma MAC weitere Zaunelemente auf, um noch vorhandene Lücken zu schließen. Jedoch blieben den ganzen Tag über Durchschlupfe offen. Die Polizei scheint aber recht ein, als immer wieder Leute das abgesperrte Areal betraten.
Gegen 12 Uhr, als sich die Antwort aus Düsseldorf herumgesprochen hatte, stieg der erste Baumschützer in die Krone. Auch Harald Busch, Forstwirt aus Oerlinghausen und Träger des Umweltschutzpreises der Stadt vom 1988, gelangte mit einer Bergsteigerausrüstung über eine Leiter ins Astwerk.
Tore ab 22 Uhr dicht
Beide blieben bis zum Abend in gut 15 Meter Höhe und beobachteten das Treiben unten, wo auch nach Einbruch der Dunkelheit noch rund 80 Baumschützer und Schaulustige ausharrten. Nach 22 Uhr wurden die bis dahin noch geöffneten Tore im Bauzaun geschlossen.
Wie die NW weiter erfuhr, soll nach derzeitigem Stand in der letzten Novemberdekade mit den Rohbauarbeiten begonnen werden. Außerdem ist geplant, bis zum Winter die Kellerdecke herzustellen.
[Bild: In der Bergstadt fliegen zwei Naturfreunde in die Baumkrone und dort bis abends aus.]
[Bild: Bauträger Rupert Schreiner wurde von den zumeist jugendlichen Baumschützern heftig mit Worten attackiert.]
[Bild: Professor Richard Grathoff vom „Notkomitee“ bezeichnet den Bescheid des Ministers als Armutszeugnis.]
[Bild: Auf die Schnelle half Willi Wächter wie den Naturfreunden Oerlinghausen/Leopoldshöhe ein Transparent angefertigt, das am Nachmittag am Bauzaun befestigt wurde. Foto: Holzkamp]