Ein neuer Kranz - aber das alte Leid
Gedanken zum Karfreitag - Von Roland Tischbier
Ostern ist für Christen das Fest der Auferstehung, der Hoffnung und Symbol des Lebens. Leben ist für uns alle unmittelbar mit dem Begriff der Schöpfung verbunden, und wir Menschen brauchen zu unserer inneren Zufriedenheit, für unsere Geborgenheit und Ruhe die Heimat. Schöpfung und Heimat sind nicht ohne Emotionen zu beschreiben und zu erleben. Der innere Antrieb, die Kraft für den Kampf um die Heimat kommt aus der Emotion - gerade diese aber wird in der Oerlinghauser Kommunalpolitik immer mehr angefeindet, lächerlich gemacht und als Aggression abgewertet.
Gefragt sind sachbezogene, emotionslose, möglichst lasche Hybrid-Bürger. So sind es der Bürokratie und der Kommunalpolitik am liebsten! Oerlinghausen ist reich - Stadtsanierung, neuer Marktplatz, 6.000 Pkw, Schwimmbad, Turnhallen und schöne Parkplätze gleich um die Ecke.
Wie arm geworden aber sind wir und unsere Kinder an natürlichem Reichtum, der mehr für die Seele tut als uns Bürgermeister, Stadtdirektor, der Rat, das Bauamt, das Straßenbauamt in den letzten Jahren zum Wohlbefinden gegeben haben.
Die Armuts-Statistik 1987: nur noch
● 22 Schwalbennester in Oerlinghausen
● eine Nachtigallen-Brut
● fünf Gartenrotschwanz-Bruten
● eine Schleiereulen-Brut
● keinen Steinkauz
● immer weniger natürliche Steinmauern
● kaum noch Eidechsen
● 60 Prozent aller Schmetterlingsarten verschwunden
● Orchideenwiesen regelmäßig geplündert
● Die Waldränder mit Müll und Gartenabfall belastet.
Alle großen alten Obstbäume „Unter der Howe“ zerstört. Die neuen Stadtkernstrukturen sind autogerecht, vor allem aber kinderfeindlich. Riesige Pflasterflächen, nirgendwo ein Fleckchen Boden, Wiese, natürliche Spielstrukturen. Dafür pflegeleichte Kanal-Spielplätze wie neben dem Pfarrhaus an der ev. Kirche. Kein Oerlinghauser Bach, Tümpel oder Teich mit trinkbarem Wasser. Die Fische vergiftet. Die öffentlichen Grünanlagen zum Hunde-Kotplatz degradiert.
Die Trauerbuche am Simonsplatz steht stellvertretend für alle die zerstörten Stückchen Heimat. CDU, SPD und FDP haben das Todesurteil über die Trauerbuche längst gesprochen - im Namen der Sachlichkeit. Und während wir alle von Umweltschutz schwafeln, wird nur der richtige Abholztermin heiß diskutiert - damit nicht etwa einer mit Fotoapparat oder gar Protest dazwischenfunken kann.
Wenn die Oerlinghauser Heimat ob der zugefügten Schäden schreien könnte, wir müßten uns vor Schmerz die Ohren zuhalten.
Ostern 1988, vielleicht für unsere Trauerbuche am Simonsplatz das letzte Frühlingsjahr. Dafür der Kranz und der Hilferuf: „Timore mortis clamo, me audire non vultis“ („Ich schreie in Todesangst, ihr wollt mich nicht hören“).
[Bild: Ein neuer Kranz an der gefällten Trauerbuche am Simonsplatz. Doch das Leid, die Sorge um diesen herrlichen Baum, der demnächst wieder seine Blätter sprießen lassen wird, ist geblieben. Foto: Burkamp]