Flugzeugunglück bei Lämershagen
„Cessna“ stürzte ab -
Pilot tot - Nebel und „Bielefelder Berg“ wurden Dortmunder Arzt zum Verhängnis
Dem 33 Jahre alten Dortmunder
Arzt und Sportflieger Dr. Norbert Schulte wurde das diesige Wetter des
gestrigen Tages zum Verhängnis: Um 12.50 Uhr prallte die von ihm gesteuerte
viersitzige Reisemaschine unmittelbar bei der Ortschaft Lämershagen gegen den
Südhang des Hülsenberges. Die Maschine wurde total zerstört und Dr. Schulte
sofort getötet.
Die Unfallstelle, auf der
Bergkuppe in dichter Luftlinie zwischen dem Haus am Hülsenberg, Lämershagen Nr.
48, und der Gastwirtschaft Deppe gelegen, hielt ein Bild der Verwüstung. Die
Maschine hat die auf der Kuppe stehenden Bäume zum Teil gesplittert, zum
anderen Teil entwurzelt. Dabei ist die viersitzige Reisemaschine vom
italienischen Typ „Cessna 175 A“ mit dem Erkennungszeichen D - EMAQ
auseinandergerissen worden.
Einzelteile der verunglückten
Maschine, die sich bei der Bodenberührung überschlug, liegen über eine weite
Fläche verteilt. So liegt der Motor etwa 300 Meter von der eigentlichen
Absturzstelle entfernt. Er hat sich tief in den regenweichen Boden einer Wiese
gebohrt. In einiger Entfernung liegt die völlig verbogene Luftschraube, ein Rad
ist über die Wiese bis zum fast 300 Meter entfernten Waldrand gerollt.
Nach der Sachlage ließ sich
der Unfall wie folgt rekonstruieren: Nach Angaben der Bordpapiere hat Dr.
Schulte vom Flugplatz Dortmund aus um 12.30 Uhr in Richtung Dortmund gestartet.
Mit geringer Reisegeschwindigkeit flog er der tiefliegenden Wolken- und gelegentlichen
Nebelwand, die sich in geringer Höhe über der Autobahn in Richtung Westen. Es
ist anzunehmen, daß der Pilot unmittelbar nach
Erreichen der Lämershagener Skischanze die Sicherheit
verlor und sich nicht getraute, in die über dem Bielefelder Berg liegende
Nebel- und Regenwand hineinzustoßen. Er zog seine Maschine in eine steile
Linkskurve und prallt fast im gleichen Augenblick bodenberührend gegen den
Hang.
Angehörige der Lämershagener Feuerwehr waren als erste an der
Unfallstelle, ohne jedoch Hilfe leisten zu können. Als sie ihn aus den Gurten
des auf dem Rücken liegenden Flugzeugrumpfes befreit hatten, war Dr. Schulte
bereits seinen schweren Verletzungen erlegen.
Die Unfallstelle liegt in
Luftlinie nur wenig über 300 Meter von der Stelle entfernt, an der vor etwa
einem Jahr eine mit zwei Bundeswehrangehörigen besetzte Do 27 bei ähnlicher
Wetterlage abstürzte. Sagte Polizeihauptkommissar Ostertag an der jetzigen
Unfallstelle: „Ich bin jetzt hier seit 23 Jahren im Dienst. Ich kann schon
gar nicht mehr sagen, wieviel Maschinen ich hier schon vor, im und seit dem
Krieg aus dem Berg geholt habe!“
Wie wir durch Rückfrage
feststellen konnten, hatte die abgestürzte Maschine bis zum Augenblick des
Unglücks keinen Funksprechverkehr mit den Flugplätzen Oerlinghausen oder Windelsbleiche aufgenommen.
Mehrere Bewohner von
Lämershagen waren Augenzeugen des Unglücks, wenngleich sie den Aufschlag der
Maschine auf der Bergkuppe nicht mehr beobachten konnten, weil das Gelände von
ihnen Standort nicht mehr einzusehen war.
Eine Frau, die vor der
Haustür gestanden hatte, berichtete: „Ich sah das Flugzeug, als es in
niedriger Höhe und ziemlich langsam die Häuser überflog. Man konnte erkennen,
wie das rote Leitwerk hin- und herwackelte. Über dem
Berg hing dichter Nebel, und als es dann krachte, war mir klar, daß das Flugzeug abgestürzt war. Kurz darauf wurde die
Sicht […..] wieder besser!“
Auch der Weber Reinhard
Blanke, der vor der Tür des Hauses Lämershagen Nr. 49 stand, hatte den Anflug
der Maschine beobachtet: „Ich hatte Nachschicht und war gerade erst
aufgestanden. Es war kurz vor 13 Uhr, da heulte der Motor auf, so als ob der
Pilot noch einmal verzweifelt Vollgas gegeben hätte. Dann erfolgte ein Knall,
und ich sah, wie der Motor durch die Luft und den Hang hinunterunterstürzte.“
In seiner Wohnung im Lämershagener Spritzenhaus hatte auch der Feuerwehr-Mann
Heinz Fuhrmann Motorengeräusche und kurz darauf ein Krachen und Splittern
gehört. „Ich vermutete sofort einen Absturz und gab Alarm. Wir machten unser
Fahrzeug klar und fuhren mit fünf Mann hinauf an die Unfallstelle. Aber da war
nichts mehr zu retten. Der Pilot war schon tot. Er hing, etwas eingeklemmt, in
den Gurten.“
Ein Segelflieger, der
zufällig des Weges gekommen war, glaubt, daß die im
Bereich der Unfallstelle des öfteren auftretenden
Abwinde mit zu dem Absturz beigetragen haben. „Ohne diese Abwinde wäre es
dem Piloten vielleicht gelungen, über der Schneise wieder an Höhe zu gewinnen.“
Das ist zwar nur eine Vermutung, aber Tatsache ist, daß
über den zerklüfteten Bergen und Tälern des Teutoburger Waldes der Auf- und
Abwinde manchmal ganz abrupt wechseln. (Siehe auch unter „Weser und Rhein“.)
[Bild: Passierte und
entwurzelte Bäume, dazwischen die Trümmer der Unglücksmaschine: So sah es gestern mittag auf der Kuppe des Hülserberges
bei Lämershagen aus. Im Untergrund an der über den Berg führenden Straße
Lämershagen - Senne die Gastwirtschaft Deppe (Pfeil). (Aufnahmen: Schoner)]
[Bild: Der fast
zertrümmerte Flugzeugrumpf, in dem noch der Sitz des Piloten mit den Gurten zu
erkennen ist (Pfeil).]
[Bild: Polizei und
Feuerwehr konnten den Piloten nur noch tot bergen. Für ihn kam jede Hilfe zu
spät. Aus seinen Flugpapieren ging hervor, daß er
ungefähr zu der Zeit, als das Unglück passierte, in Dortmund landen wollte.]
[Bild: Etwa 100 Meter von
der Absturzstelle entfernt bohrte sich der Motor in den weichen Wiesenboden.]
[Bild: Über die sich
unterhalb des Hanges befindliche Wiese wurde die Leiche des toten Fliegers
zunächst nach Lämershagen gebracht.]