„Palm, Palm, Posken – lot den
Kuckuck rosken...“
Von den alten
Osterbräuchen unserer Heimat sind nur noch wenige lebendig geblieben
In fast allen Familien wird
morgen früh der Osterhase seine leuchtend bunten Eier verstecken, und eifrige
Kinderaugen werden hinter Büschen und Blumen ein fröhliches Suchen beginnen.
Wer keinen Garten hat, in dem kommt der Osterhase in die Wohnung und legt Eier
und andere kleine Geschenke hinter Sofakissen und Bücherregale. Denn selbst der
Städter, der sich sonst kaum um alte Überlieferungen kümmert, möchte diesen
Brauch - einen der ganz wenigen, die sich bis auf unsere Tage erhalten haben -
nicht missen. Sogar auf dem Lande erinnert man sich heute noch an die Fülle der
schönen Sitten, in denen Rückblicke auf heidnischer Vergangenheit mit
christlichen Symbolen verquickt waren und die früher dem rauen bergischen
Osterfest Farbe und Zauber verliehen.
Schon am Palmsonntag begann
das vorösterliche Treiben. Im Kreise Bielefeld zogen die Kinder mit
Weidenzweigen von Haus zu Haus. Dabei sangen sie: „Palm, Palm, Posken, lot den Kuckuck
rosken, lot de Vögel singen, lot de Palmen springen...“ Dann schmierten die Nachbarn am Palmsonntag süße
Kringel, die an die Weidenzweige gehängt wurden. Zu Hause kamen die Zweige in
eine Vase in der „guten Stube“, und die kleinen Ledermännchen
vernaschten die Brezel nach und nach. Wie die Leute noch den Weihnachtsbaum „plündern“.
Zwischen Bielefeld und Herford war ein anderer Brauch im Schwange. Hier gingen
die Jungen und Mädchen mit blühenden Palmblättchenzweigen
umher und riefen auf jedem Hof: „Ich hoke de
Palmen!“ Der besuchte Bauer oder die Bäuerin mußten
versuchen, geschwind die „Kiddchen“ mit Wasser
zu besprengen, während die Kinder mit den Zweigen hin und her hüpften. Gelang
es den Nachbarn nicht, spendeten sie als „Löschgeld“ ein Ei, einen
Osterfladen.
Zwischen Palmsonntag und
Ostern lag die „stille Wochen“, in der jedes laute Wort und Lachen
vermieden werden mußten. Am „stillen Freitag“
durfte vor dem morgendlichen Kirchengang keine Silbe gesprochen, kein Bissen
gegessen und kein abgenutzter Knopf angenäht werden. Nur das Vieh wurde versorgt.
In fast allen gläubigerer Bevölkerung verbrannte man
den „Palmen“ des Vorjahres, sagen, daß „Freitage
de Düwel op Reisen geht“. Der Aberglaube der Bennelsingern veranlaßte
den Prediger von Oerlinghausen, das 1788 in einem Brief zu beklagen, daß die Bevölkerung tatsächlich glaube, Christus sei als
Osterlamm am Karfreitag geschlachtet und am Sonnabend in die Sonne gesetzt
worden, wo es am ersten Ostertag tanzte und bei Sonnenaufgang gesehen werden
könne...
Auch das Auferstehungsfest
selbst war wie kein anderer christlicher Feiertag von heidnischen Bräuchen
umrankt. Die Bauern der Grafschaft Ravensberg
wanderten am ersten Ostertag zu bestimmten Bergen oder alten Bäumen, wie schon
ihre germanischen Urväter in Hainen und Bäumen den Sitz der Götter vermuteten
und hier zu Kulthandlungen zusammenfanden. Gegen Abend prasselten die
Osterfeuer hinter jedem Haus, und die alten Leute zählten die Feuer ringsumher,
denn so viele Flammenstellen sie sahen, so viele Jahre hatten sie nach einem
verbreiteten Volksglauben noch zu leben.
Für die Jugend gab es
fröhliche Spiele mit Bällen, Holzscheiben und Eiern, „Osterball-Schlagen“,
„Eierwerfen“, „Eierkullern“ zählten zu den volkstümlichen
Belustigungen. Das Ei als Inbegriff der Fruchtbarkeit - das Ei - als in
heidnischer Zeit der Göttin Ostara geweiht - gehörte zu allen Zeiten zu den
österlichen Symbolen, doch erst im vorigen Jahrhundert verdrängte es die
anderen Sinnbilder der Auferstehung.
Der Hase als eierlegender
Kinderfreund ist eine der jüngsten Erscheinungen im österlichen Brauchtum, und
auch das Buntfärben der Eier wurde in unserer Heimat erst vor einhundert Jahren
zur Gepflogenheit. Schon damals machte den Kleinen die Suche nach den
versteckten Ostereiern genauso viel Spaß wie heute. Und gerade so andächtig
staunend wie die Kinder eines weniger aufgeklärten Jahrhunderts stehen immer
noch unsere Jüngsten vor dem Wunder, daß einmal im
Jahr der Hase Eier legen kann. Darum singen sie hier und dort wohl auch in
diesem Jahr wieder den ravensbergischen Kinderreim: „Austerhinken, Austerhaiken,
legg us Aier
in't Nästken, gröne un ock
roide un besonners grote...“ [FSj: Bedeutung des Spruchs: „Osterhühnchen,
Osterhähnchen, leg uns Eier ins Nestchen, grüne und auch rote und besonders
große...“]
-RUM-
[Bild: Der Osterhase und eine
Menge liebevoll bemalter Eier gehören zu den wenigen überlieferten
Osterbräuchen, die heute noch in allen Familien lebendig sind. (Foto: Carl Menelhorst)]