Kleine Stadt mit großen Plänen

Gespräch mit Bürgermeister Heinrich Kramer - Reges Leben hinter Oerlinghausens idyllischer Fassade - Siedlungsvorhaben auch für Bielefeld attraktiv

 

Oerlinghausen. Bürgermeister Heinrich Kramer, 49 Jahre alt und im Amt, seit er nach seiner Wahl 1946 den Schreibtisch in den Bielefelder Dürkopp-Werken verließ und den Schlussstrang an die Nägel hängte, um sich ganz seinen mannigfachen Aufgaben als Kommunalpolitiker zu widmen, blickt mit Genugtuung auf ein Experiment, das während der Pfingstfeiertage seine Feuerprobe bestand. Die enge, kurvenreiche Hauptstraße, die auf den Kopf 3776 Einwohner zählenden Bergstädtchen heute dank eines vom Straßenverkehrsamt Lemgo veranlassten für die linke Straßenseite (vor dem Rathaus schräg gegenüberliegenden Apotheke bis zum Kastanienkrug) erlassenen Halteverbots und eines Parkverbots für die rechte Straßenseite nicht einen einzigen Verkehrsschaden zu verzeichnen. Angesichts der durch den Oerlinghausener Flugtag eingetretenen Überbeanspruchung der Straße eine Art Rekord.

Die neugetroffene Regelung soll darum auch in Zukunft beibehalten werden. Die Bedenken, die von den anliegenden Geschäftsleuten geltend gemacht werden, kennt Bürgermeister Kramer wohl, und da er kein Freund harter Entschlüsse ist, sollen bei einer zugesagten nochmaligen Überprüfung der Anordnung besondere Starts ausgebügelt werden.

Mit derselben „weichen“ Hand will Kramer zusammen mit den Mitgliedern seines 18-köpfigen Rats eine andere Angelegenheit bereinigen. Unter den großen Projekten, die den Rat seit Jahr und Tag bewegen, steht der Bau einer Freiluft-Versuchsschule am Südhang des Tönsberges oben. Träger dieser - wie Kramer sagt, in Deutschland einmaligen - Schule ist ein Verband westdeutscher Großstädte, voran Dortmund, die gesundheitsgefährdete Kinder in diese Schule entsenden wollen, deren Unterricht sich vornehmlich in frischer Luft und in besonders durchlüfteten Klassenräumen abspielen soll. Rund 65.000 Quadratmeter Gelände stehen bereit, die zum Teil von der Stadt Oerlinghausen zur Verfügung gestellt wurden. Weitere 11.000 Quadratmeter können auf dem Wege der Enteignung der damaligen Grundbesitzer beschafft werden. Kramer hat jedoch auch hier die Hoffnung noch nicht aufgegeben, am Wege des Tausches um das zwar angezeigte, aber noch nicht durchgeführte Enteignungsverfahren herumzukommen. Ob das gelingt, wird sich in den nächsten Tagen entscheiden.

Während die 250 Kinder, die die neugeplante Schule bevölkern werden, jeweils nach drei oder vier Monaten wechseln werden, wird die benötigte Lehrpersonal - man rechnet mit 16 bis 18 Lehrern, einigen Kindergärtnerinnen für die außerschulische Betreuung und sonstigem Personal - in Oerlinghausen selbst finden. Der Bau der Schule wird darum gleichzeitig die Erschließung des am Tönsberg gelegenen Geländes beginnen. Die Erstellung von Bauleit- und Durchführungsplänen wird den Rat in den nächsten Sitzungen beschäftigen.

Bielefelder stark interessiert

Diese Pläne betreffen gleichzeitig ein zweites, von der Stadt vorgesehenes Siedlungsgebiet, das sich bereits heute des größten Interesses solcher Bielefelder erfreut, die gewillt sind, die Enge der Stadt mit der landschaftlichen Schönheit der Senne zu vertauschen. Durch den Ankauf des Sültemeierschen Hofes ist Oerlinghausen in den Besitz von 40 Hektar neuen Siedlungs- und gewerblich nutzbaren Landes gekommen, das geeignet ist, einigen tausend Menschen eine neue Heimstatt zu bieten.

Die Lage des Sültemeierschen Hofes ist günstig. Die Stadt Oerlinghausen hat dies erkannt und wird ihn abreißen, um das Gelände zu erschließen. Familie Westerheide - wir sehen sie im Gespräch mit Bürgermeister Heinrich Kramer und dem Redakteur der „WZ“ - wird sich jenseits der am Hofe vorbeiführenden Straße ein neues Heim bauen. Für das neue Siedlungsgelände interessieren sich auch zahlreiche Bielefelder Bauherren.

Der Erhalt der örtlichen Textilindustrie und der Konzentrationsaufgabe des ortsansässigen Handwerks, hinzu kommen 63.000 DM, die die Stadt Bielefeld für rund 650 Pendler zu zahlen hat, die täglich dorthin zur Arbeit fahren. Nahe zu übersehen ist hier allerdings, dass Oerlinghausen selbst Anzugleich für rund 380 Einpendler entrichtet. An weiteren Zuweisungen stehen der Stadt 65.000 DM zur Verfügung.

[Bild: Sechzig Jahre hat diese Mauer standgehalten. Jetzt wurde sie in Höhe des „Essener Hofes“ ein Opfer der Lastwagenverkehre. Sie stürzte, glücklicherweise ohne Schaden anzurichten, in breiter Front ein. Die Instandsetzungsarbeiten sind im Gange.]

[Bild: Die Tage des Sültemeierschen Hofes sind gezählt. Die Stadt Oerlinghausen hat ihn gekauft und wird ihn abreißen, um das Gelände zu erschließen. Familie Westerheide - wir sehen sie im Gespräch mit Bürgermeister Heinrich Kramer und dem Redakteur der „WZ“ - wird sich jenseits der am Hofe vorbeiführenden Straße ein neues Heim bauen. Für das neue Siedlungsgelände interessieren sich auch zahlreiche Bielefelder Bauherren.]