„Erschütternde“ Wirkung eines Lastwagens - Millionstel Millimeter Schwingungen gefilmt

Vor dem Bau der zweiten Bielefelder Wasserleitung aus der Senne:

 

Die Schwingungsmessungen an der Unterführung der Bielefelder Wasserleitung unter der Autobahn westlich der Auffahrt Brackwede haben gestern begonnen. Den Stadtwerken, in deren Auftrag das Curt-Risch-Institut an der Technischen Hochschule Hannover die Untersuchungen durchführt, kommt es, wie Direktor Heidemann erklärte, darauf an, festzustellen, ob die durch den Autobahnverkehr hervorgerufenen Erschütterungen zu einem Rohrbruch führen können, wie er sich im November vorigen Jahres an dieser Stelle ereignete. Die Geschäftsleitung der Stadtwerke gibt sich dabei keineswegs irgendwelchen, von vornherein träumerischen Hoffnungen auf etwaige Schadenersatzansprüche gegenüber der Autobahnverwaltung hin. Sie will vielmehr die Ergebnisse dieser Messungen bei dem Bau von Wasserleitungen in der Zukunft praktisch auswerten und Störungsmöglichkeiten durch die Wahl des geeigneten Materials und die günstigste „Lagerung“ der Rohre weitgehend ausschalten. Das gilt vor allem auch für die geplante zweite Hauptversorgungsleitung, die in der Gegenrichtung zur Wasserrückführungsleitung durch das Schopketal und den „Wassertunnel“ bei Oerlinghausen über Hillegossen nach Bielefeld geführt werden soll.

Was haben ein Lichtstrahloszillograph und ein Lastkraftwagen mit fünf Tonnen Koks miteinander zu tun? Mit dieser Frage könnte ein Quizmeister wahrscheinlich sogar einen gewitzten Lastkraftwagenfahrer in stammelnde Verlegenheit bringen. Mit uns würde ihm dies nicht mehr gelingen, ... nachdem der Leiter des Curt-Risch-Instituts, Prof. Dr.-Ing. habil. H. W. Koch, uns gestern an Ort und Stelle in die Geheimnisse der Schwingungsmessungen einweihte.

„Der Lichtstrahloszillograph“, so wurden wir mit überlegener Sachkenntnis dahingeführt, „registriert auf einem Film, die von elf Meßgeräten wahrgenommenen und in elektrische Werte umgesetzten Erschütterungen, die der Lastkraftwagen mit dem Koks bei der Fahrt über die Autobahn auf den Betonkanal hervorruft, in dem die Bielefelder Wasserleitung die Autobahn an der Prüfstelle unterquert.“

Die Meßapparatur arbeitet mechanisch-elektronisch. An den Meßstellen werden verschiedene „Schwingungsgeber“ angesetzt; in diesem Falle Tauchspulgeräte im Scheitel des Betonkanals und auf dem Leitungsrohr, bewegliche Stützen zwischen dem Rohr und der Kanaldecke und „Dehnungsstreifen“, die mit einem Spezialkleber auf dem Rohr befestigt werden. Jedes der Meßgeräte steuert im Oszillographen eine Lichtspur, die einen Film belichtet, auf dem auf diese Weise alle gemessenen Schwingungen, bis zu 10 können es sein, parallel nebeneinander registriert werden.

Die Messungen, so erklärte Prof. Dr. Koch, sollen Aufschluß geben über mögliche Auswirkungen von Verkehrserschütterungen auf den Betonkanal und das darin verlegte Gußstahlrohr. Gemessen werden die Schwingungen der Betonkanaldecke und des Wasserrohres und auch die im Gußstahlrohr auftretenden dynamischen Spannungen bei verschiedenen Schwingungsfrequenzen.

Wie weit die Meßtechnik in den letzten Jahren fortgeschritten ist, wird beispielsweise in den Dehnungsstreifen sichtbar. Diese kann beispielsweise Größenordnungen von 1/1.000.000 Millimeter mehr. Die Untersuchungen des Curt-Risch-Instituts dauern zwei Tage, wobei die Vorbereitungsarbeiten weitaus mehr Zeit in Anspruch nehmen als die Schwingungsmessungen selbst.

rp.

 

[Bild: Was nicht gemessen wurde: Die temperaturbedingten „Schwingungen“ der Arme, mit denen Prof. Koch (links) und Direktor Heidemann ihr Gespräch am Rand der Einsatzgeschichte zum Betonkanal führten.]

[Bild: Während der Lastkraftwagen mit 5 Tonnen Koks über den Meßkeil der Prüfstelle auf der Autobahn rollt, beobachtet der Leiter des Curt-Risch-Instituts, Prof. Dr.-Ing. habil. Koch, die Ergebnisse in dem mit den modernsten Geräten ausgerüsteten Meßwagen, im Vordergrund rechts der „zungenbrechende“ Lichtstrahloszillograph, der die Messungen von elf Meßstellen „verfilmt“.]