Der Simonsplatz - eine Geschichte ohne Ende
DER GASTKOMMENTAR - Von Diplom-Ingenieur Architekt Peter Obbelode
Oerlinghausen. Der Simonsplatz - eine unendliche Geschichte. Zu diesem Thema nimmt heute in einem Gastkommentar der Preisträger des Wettbewerbs von 1979, Diplom-Ingenieur Architekt Peter Obbelode Stellung. Obbelode hat die Pläne auf Wunsch des Rates mehrfach geändert und konnte bis zuletzt auf die Planung Einfluß nehmen. Wie immer weisen wir daraufhin, daß die Gastkommentatoren an dieser Stelle ihre eigene Meinung vertreten, die nicht unbedingt mit der der Redaktion übereinstimmen muß. Peter Obbelode schreibt:
„Von Herrn Schremer, dem die Stadt Oerlinghausen nun das vorerst letzte Kapitel um den Simonsplatz verdankt, sei hier nur nebenbei die Rede. Dieser Mann, der aufgrund seiner Vergangenheit - um es vorsichtig zu sagen - als ‚umstrittene Erscheinung‘ gilt, hat mich getäuscht und das, obwohl mir ein Teil seiner Vergangenheit bekannt war. Selbstschuld, wird da mancher denken, natürlich. Ein Trost, ich befinde mich in guter Gesellschaft, auch der Stadtdirektor, der aufgrund der Grundstücksverhandlung vom 15. Januar 1986 davon ausging, daß der 1. Preis gebaut wird, wurde getäuscht, ebenso der Bielefelder Anwalt, der sich finanziell an dem Projekt beteiligen wollte oder will, glaubte an die Realisierung des einst preisgekrönten Entwurfes. Und es wird - meiner Meinung nach - auch trotz des Wissens, um das Vorgehen um den Simonsplatz weiterhin blamieren geben, die diesen Mann vertrauen und die dann von diesem Mann getäuscht werden. Selbst schuld?
Und nun zu dem Projekt. Seinerzeit wurde ein städtebaulich orientierter Ideenwettbewerb ausgeschrieben, der die Richtung zeigen sollte, wie die Bebauung in Zukunft auf dem Simonsplatz aussehen hatte. Es wurden acht völlig verschiedene Lösungen angeboten. Meine Lösung wurde prämiert und zur Grundlage des jetzt rechtskräftigen Bebauungsplanes. Darüber hinaus ist von mir in den letzten sieben Jahren eine im Konzept baureife Lösung weiterentwickelt worden, die natürlich aufgrund der Urheberschutzfragen nicht weiter verfolgt werden durfte. Herrn Schremer und seine Architekten mußten nun aufgrund meiner städtebaulichen Lösung, die durch die Vergabe des ersten Preises Eigentum der Stadt Oerlinghausen geworden ist, eine neue baubare Vorstellung entwickeln. Es ging also darum, eine bis ins Detail vorgedachte, ausgereifte städtebauliche Konzeption in eine neue baubare Lösung zu wandeln. Was dabei herausgekommen ist, ist nicht meßbar in Quadratmetern und Kubikmetern. Eine Bebauung in diesem Stallhang (8 Meter Gefälle) wird immer zu einer komplizierten Bauweise führen müssen. Darum ist allein von Bedeutung, wie man mit den Massen umgeht, wie man sie beherrscht, formuliert, gruppiert, ordnet. Vergleichbar vielleicht mit einem Dompteur, der seine Wildkatzen lenken, leiten und führen kann. Was hier vorgestellt worden ist - wie es mit einem anderen Bild zu umschreiben - kommt mir vor, als sei ein Elefant durch den Porzellanladen gelaufen.
Hier soll ein stadtkernbildendes Ensemble entstehen, das sich in die Topografie, die Landschaft und die gebaute vorhandene Situation einpaßt, etwas Neues zwar, das aber trotzdem nicht fremd ist. Eine Großstadtstruktur wie hier vorgestellt, ist nicht nur unangemessen, sondern fremd und wird zu einem stadtzerstörerischen Element.
Der Simonsplatz in seinen gewachsenen Proportionen und Größenordnungen sowie seinen reizvollen Höhenunterschieden, seinen Vorgaben für die Stellung der neuen Platzwände, wird ‚weggeplant‘. Die neuen Platzwände halten den Platz nicht maßstäblich, proportioniert. Die Bebauung wird nicht an die gewachsenen Höhenvorgaben angepaßt, der Platz wird an die Gebäude ‚nivelliert‘. Diese Besonderheit, diese typische Oerlinghauser Situation, wird wegrationalisiert.
Die Stellung der Baukörper und deren Ausbildung hat - wie man hört - zu der Bezeichnung ‚Schachtelhausen‘ geführt. Es ist wirklich nicht nachvollziehbar wie man zu diesen chaotischen, obendrein teuren, verschachtelten Baukörpern kommt, die sich noch völlig unmotiviert einseitig über die Mauer setzen. Charakteristisch für Oerlinghausen sind große klare Baukörper, die sich talartig bis zu fünf Geschossen erheben.
Oerlinghausen ist eine Stadt mit 15.000 Einwohnern, verstreut in einem großen Umkreis. Die Versorgungsmöglichkeiten sind vielfältig, also wird nur ein kleiner Teil der Bevölkerung zu diesem neuen Stadtkern kommen. Um sicherzustellen, daß sie wiederkommen, muß ein vielfältiges Angebot vorhanden sein, das zudem noch optimal organisiert sein muß. Das heißt, die Parkplätze, der Großraumladen, die Einzelhandelsgeschäfte, das Café und sonstige Gastronomie müssen konzentriert an einer Verkehrsachse liegen.
Das Organisationsprinzip des neuen Entwurfs ist nach allen Seiten offen. So liegt das Projekt an einem riesigen Verkehrs-Knotenpunkt mit endlosen Käuferströmen, die aus allen Richtungen kommen. Der Eingang zu dem Großraumladen liegt auf dem Berg. Die dazu gehörigen Parkplätze im Tal. Eine endlos lange Treppe klebt an einer nahezu acht Meter hohen Mauer und führt von dem Parkplatz nicht etwa auf einen kleinen Platz, sondern vor ein Schaufenster unter eine Galerie. Überhaupt, was soll eine Galerie mit Fernsicht ins Schopketal? Die Käufer kommen aus der Fußgängerzone aus der Hauptstraße und die liegt nun mal auf der anderen Seite.
Bei aller Sympathie für die Stadt Oerlinghausen, deren Verwaltung und deren Stadtväter, und bei allem Verständnis für den dringenden Wunsch, diese Baulücke endlich schließen zu wollen: Dieses Projekt sollte so jedenfalls nicht gebaut werden. Das wäre ein Gewinn für Oerlinghausen.“