Wer war Ferdinand Freiligrath?
Straßennamen und ihre Bedeutung (VI): Vom westfälischen Heimatdichter zum „Revolutionär“
Oerlinghausen (mop). Starke soziale, liberale und vor allem vaterländische Empfindungen treten in den Gedichten Ferdinand Freiligraths zutage. Diesen populärsten und beliebtesten Dichter der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wollen wir in unserer sechsten Folge über Straßennamen und ihre Bedeutung portraitieren. Seine Heimatliebe wird wohl auch der Grund sein, daß der Herr Freiligrath sowohl in Oerlinghausen, am Hang oberhalb des Marktplatzes, als auch in Detmold im Regierungsbezirk „seine“ Straße bekommen hat.
„Die Heimat grüßt er tausendmal, die seine und die meine, den Lipperwald, das Wesertal, Schaumburg und Externsteine.“
Immer stößt man in Ferdinand Freiligraths Lyrik auf die „heimatlichen lippischen Berge“, die „lebendige Heimat“, „mein Westfalen“ und natürlich „meinem herrlichen Teutoburger Wald und das westfälische Wesertal“. Zu seiner größten Freude gehörte es, am Feiertag und an freien Tagen die landschaftlich so reizvollen Berge und Wälder seiner westfälisch-lippischen Heimat zu erwandern und diesen Gefühlen mit Worten Ausdruck zu verleihen. Später, als er seine Schaffenskraft der Kriegstaktik zuwandte, tat er dies mit genau dem gleichen Eifer und hat dabei zum großen Teil die eigene Substanz verbraucht. Um seinen Sinneswandel von Natur zur Revolution zu erklären, muß man wohl mit der Wiege des Ferdinand Freiligrath beginnen. Und diese befand sich in Detmold, wo er am 17. Juni 1810 geboren wurde.
Freiligrath war der Sohn des Bürgerschullehrers Johann Wilhelm Freiligrath aus Kettwig, den der Generalsuperintendent Ferdinand […..], weil er ihn von Kettwig her kannte, nach Detmold berief. Und nach diesem Onkel wurde das Patenkind auch benannt. In der Residenzstadt besuchte Ferdinand auch das Gymnasium bis zur Prima. Dann mußte er, ganz entgegen seinen künstlerischen Neigungen, bei seinem Stiefonkel in Soest den Kaufmannsberuf erlernen. Das „Haus zur Rose“, in dem der Lehrling von 1825 bis 1832 bei seinem Onkel gewohnt hat, wird heute Freiligrath-Haus genannt.
Nach dessen Lehrjahren gab er als 20-jähriger die erste Sammlung seiner Lyrik heraus. Er hatte großen Erfolg, was nicht zuletzt auf die Empfehlung von Adelbert von Chamisso zurückzuführen ist, dem er seine Werke zur Prüfung vorgelegt hatte. Von diesem Triumph angespornt, gab Freiligrath seinen Beruf auf und begab sich auf eine Wandertour durch Lippe und Westfalen, um Stoff für sein Werk „Das malerische und romantische Westfalen“ zu sammeln. Der Dichter […..] die Möglichkeit des freien Schaffens. Um seinen jugendlichen Sturm und Drang nicht in kleinliche Verhältnisse einspannen zu müssen, lehnte er die angebotenen Bibliothekarstellen in Detmold und Weimar ab.
Ferdinand Freiligrath war ein typischer Westfalen; solch einer, mit dem man erst einen Sack Salz essen muß, damit man mit ihm warm wird, der aber ungemein zuverlässig ist. Varnhagen von Ense spricht von seinem „etwas knorrigen westfälischen Aussehen“ und Heinrich Bürgers beschreibt seine „westfälische Art, welche Unscheinbarkeit des äußeren Wesens liebt“.
Sein künstlerischer Ruf war schon nach kurzer Zeit so weit gedrungen und allgemein unbestritten, daß ihm der König von Preußen ab 1. Januar 1842 eine lebenslängliche Pension aussetzte.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Freiligrath unpolitisch neben den Spannungen und Problemen seiner Umwelt gelebt. Seine Erkenntnisse über die wahren Zustände und das herrschende Unrecht in Deutschland reiften langsam, dafür aber auch um so gediegener und verläßlicher.
Nach Gesprächen mit den Lyriker Georg Herwegh und Hoffmann von Fallersleben änderte er sein Weltbild völlig, verzichtete auf die königliche Pension und begann, den mächtigen literarischen Schmiedehammer für die Revolution in seine kräftigen westfälischen Hände zu nehmen.
Bald darauf (1844/45) lernte er in Brüssel Karl Marx kennen und arbeitete in seinem Blatt „Neue Rheinische Zeitung“ mit. Der Höhepunkt seines kämpferischen Sinneswandels wird in dem Gedicht „Die Toten und die Lebenden“ erreicht. Als die „Neue Rheinische Zeitung“ im Frühjahr 1849 Erscheinungsverbot erhält, wird Freiligrath sogar steckbrieflich gesucht und setzt sich schnellstens nach London ins Exil ab.
Von dort kehrt er erst siebzehn Jahre später nach Deutschland zurück. Sein Empfang gleicht einem Triumphzug. Am 21. Juli 1869 wird er vom Gesangverein „Arion“ zu dessen 10-jährigen Bestehen nach Bielefeld eingeladen. Aus diesem Anlaß trägt er auch sein Gedicht „Im Teutoburger Wald“ vor. Auf die Festtage in Bielefeld folgte eine Gesellschaftsfahrt nach Detmold. Dabei dürfte Freiligrath auch über den Kamm durch Oerlinghausen gewandert sein, wo er wie in allen anderen Dörfern, mit geflaggten und geschmückten Häusern, Ansprachen und Gesängen geehrt wurde.
Es sollte für den Dichter der letzte Besuch in seiner Heimat gewesen sein. Danach läßt er sich in Cannstatt bei Stuttgart nieder. Als er sechs Jahre später das Hermannsdenkmal einweihen soll, muß er wegen einer Beinverletzung absagen.
Am 18. März 1876 stirbt er im Alter von 66 Jahren in Cannstatt.