Neu-London im Teutoburger Wald
Von Hermann Schüler
Mr. Whitby lacht, als das englische Sprichwort zitiert wird: Mein Heim ist meine Burg. Doch ist nicht klar ersichtlich, ob er sich mit seinem Lachen für ein Kompliment bedanken will, oder ob er das Zitat für deplatziert hält. Denn sein Beruf als Soldat zwingt ihn reichlich oft, seine Heimstatt zu wechseln. So ist Oberfeldwebel Whitby mit seiner Familie beispielsweise von der britischen Krankolonie Aden in den Oerlinghauser Birkenweg zugezogen.
Rund 280 britische Familien haben in den letzten 15 Monaten ihre Burgen in einem neugewachsenen Amtsvierteil des lippischen Städtchens im Teutoburger Wald bezogen, bis dato über seine engere Umgebung hinaus bekannt als „Stadt des Segelflugs“ und Lagerplatz eines historischen Freilichtmuseums, genannt „Das Germanengehöft“. Wenn die letzte Wohnung in dem neuen Stadtteil - von den Alteingesessenen neutral mit „Die NATO-Siedlung“ bezeichnet - ihre Insassen gefunden hat, haben rund 350 Familien englischer Zunge ihre zumindest zeitweilige Aufenthalt an diesem Ort genommen. Männer, Frauen und Kinder, sind das kompakte 1.500. Werden sie eine Stadt in der Stadt bilden? Ein kleines London, Manchester, Edinburgh auf deutschem Festland? Oder werden sie versuchen - bei aller Einschränkung durch die intakt gebliebenen Fäden nationaler Zugehörigkeit -, einen Platz in dem größeren deutschen Gemeinwesen zu finden?
Die deutschen Einwohner Oerlinghausens haben sich inzwischen gewöhnt an das Mehr an Straßenverkehr, verursacht durch die vielen Fahrzeuge in- und ausländischer Herkunft mit dem schwarzen britischen Nummernschild. Ebenso gehören spaziergehende englische Familien und die einkaufenden Mütter mit den auffällig hochrädrigen Kinderwagen zum gewohnten Stadtbild. Abends an der Theke seiner Stammwirtschaft erscheint der Oerlinghauser oftmals in einem meist schweigsamen, aber immer freundlich lächelnden Nachbarn gar nicht überrascht den Engländer. Gelegentlich hat man sich über die „Schlagbäume“ der Sprachgrenze hinweggesetzt und Bekanntschaften angeknüpft, und im Einzelfall ist es schon zu Besuchen von englischen Familien bei Deutschen gekommen - und umgekehrt. Sind aber die Deutschen auch insgesamt bereit, in den Engländern nicht nur durch übernationale Verträge aufgezwungene Zufallsgäste zu sehen, sondern ihnen einen legitimen Anteil am Leben in der städtischen Gemeinschaft zu gewähren?
Stadtdirektor Otto Witt im Oerlinghauser Rathaus weiß, wie das alles begonnen hat. „An uns wurde der Gedanke der NATO-Siedlung herangetragen, als wir mitten in der Planung unserer Neustadt Oerlinghausen-Süd waren, eines Stadtteils, der neben neuer Industrie 5.000 Menschen aufnehmen soll. Die Wohnungsnot bei den englischen Streitkräften in Ostwestfalen ist groß. Die Familien wohnen in Notunterkünften und Baracken, und die britischen Behörden führen Warenlisten, die ebensolang sind wie jene, die deutsche Gemeinden von ihren Wohnungssuchenden angelegt haben.“
Der Grund der Wohnungsmisere liegt auf der Hand. In den vergangenen Zeiten des National Service, der allgemeinen Dienstpflicht, rekrutierte sich die Rheinarmee größtenteils aus jungen, unverheirateten Genossen, die nicht mehr als Bett und Spind in einer Kasernenstube beanspruchten. Heute hat Großbritannien eine Armee von Berufssoldaten. Die lange dienenden Unteroffiziere, Techniker und Schreibkräfte sind meist verheiratet, und sie wünschen nicht nur, sondern haben auch ein Recht darauf, mit ihren Familien zusammenzuleben. Hinzu kommt, daß gerade der englische Soldat hartnäckig darauf besteht, nach dem Dienst sein ziviles Leben führen zu können, was u. a. auch von der Tatsache unterstrichen wird, daß sich Unteroffizier Smith, Gefreiter Brown oder Stabsfeldwebel Hughes außerhalb ihrer Dienstzeit nie anders als in Zivilkleidern in der Öffentlichkeit sehen lassen.
Die Stadt Oerlinghausen fand sich jedenfalls bereit, die Verträge abzuschließen, nach denen draußen in der Senne Wohnblocks, auch zwei Hochhäuser, Kinderspielplätze, Garagen und andere zweckdienliche Bauten von einer Baugesellschaft errichtet werden konnten. Die Wohnungen bieten allen heutzutage verlangten Komfort bis hin zur Fernheizung.
Ganz im Hintergrunde stand für die Oerlinghauser Verantwortlichen auch jene Überlegung: Wenn einmal, in einem allerdings in unbekannter Zukunft liegenden Zeitpunkt, die Truppen der britischen Bündnispartner die Bundesrepublik verlassen sollten, dann könnte die Stadt mit einem Schlag so viele Wohnungen gewinnen, daß die Wohnungsnot auf lange Zeit gebannt wäre.
Die Verbindungen einer Stadt zu ihren Bürgern sind vielfältig. Und selbst jemand, der nichts von „diesem Behördenkram“ wissen möchte, ist auf ihre Dienste angewiesen, braucht Wasser, Strom, läßt seinen Müll von der städtischen Abfuhr beseitigen und muß diese Dienste entsprechend bezahlen. Oft wird hier, auf dem Gebiet der „technischen Dienstleistungen“, direkte Kontakte zwischen der Stadt und ihrer englischen Einwohnerschaft wirksam.
Stadtdirektor Witt: „Die britischen Familien erhalten die gleichen Leistungen wie die Deutschen zum gleichen Preis. Sie bezahlen aber nicht an uns direkt, sondern wir bekommen die Summe für die gesamte Abgabe vom englischen Bezirks Office in Bielefeld überschrieben.“
Soll das vielleicht gar heißen, die Browns und Smiths sind lediglich „der Last“? Mr. Whitby: „Oh no! Wir haben Zähler für jeden einzelnen Haushalt, die registrieren unseren Verbrauch. Ich zahle zwar monatlich nur eine gewisse Pauschale für Wasser, Strom oder Fernheizung bei meiner Dienststelle ein. Doch wenn sich am Jahresende herausstellt, daß ich mehr verbraucht habe, muß ich nachzahlen, bei weniger Verbrauch bekomme ich das Geld gutgeschrieben.“
Auf jeden Fall ist es also nicht mit diesem direkten Draht zwischen Stadt und Bürger, der sonst für jenen, den öffentlichen Dingen noch so Fernstehenden, ein lebensnotwendiges Muß ist. Und Oerlinghausens Stadtdirektor beantwortet die weitere Frage, ob es sonst schon einmal zu persönlichen Kontakten im Rathaus gekommen sei, klipp und klar mit nein. Ausnahmen bilden lediglich die Arztbesuche britischer Offiziere, die ihre Privatpraxis in Oerlinghausen aufsuchen. Doch wohnen diese nicht in der NATO-Siedlung, „wir geben ihnen eine Liste der Ärzte in der Nähe, die finden sie ganz interessant.“
Alle Verhandlungen aber werden mit dem englischen Verbindungsoffizier in Bielefeld oder der Wohnungsbaugesellschaft geführt.
Zwischen den gleichmäßigen und platzsparenden Wohnblocks tummeln sich die Kinder auf kleinen, aber geschickt komponierten Spielplätzen mit Geräten nach englischem Vorbild. Es sind viele Kinder. Die Familien sind ja relativ jung, der rüstige Nachwuchs ist für die Bevölkerungsquerschnitt. Alle Ehepaare sind zwischen 20 und 45; die Opas und Omas blieben in Old England.
Soweit die Kinder schulpflichtig sind, müssen sie Schulen in Bielefeld und Gütersloh besuchen. So ist Mr. Whitbys Sohn, der in Gütersloh die Secondary School frequentiert, der deutschen Realschule vergleichbar.
Den rund 200 bis elfjährigen Grundschülern möchte man jedoch die langen Anfahrtswege mit den Schulbussen ersparen, und wünschte deshalb eine Schule in der Nähe. Die entsprechenden Ersuchen ging an die Oerlinghauser Stadtverwaltung ab. Aber so gern man dort auch helfen wollte, der Bauleitplan der neuen Südstadt wies nur eine - deutsche - Volksschule aus. Wie man das Problem löst? Nun, man sah eine Lösung darin, daß englische und deutsche Kinder gemeinsam in einer Schule unterrichtet werden. Namentlich für deutsche Pädagogen war es ein faszinierender Plan; denn das englische Schulsystem - mehr auf die schöpferische Art zu erklären, in der sich die Beziehungen zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen anbahnen. Den „leisen Verdacht“ stellt sich ein, daß mit dieser Barriere in der Verständigung ein wenig kokettiert wird.
Stadtdirektor Witt erinnert sich, wieviel Mühe bei der Planung darauf verwandt wurde, den britischen Siedlungskomplex nicht abseits zu legen, sondern dem deutschen Wohngebiet so richtig in die Hand - ein solches allem entgegenwirkt werden, was so etwas wie eine Getto-Situation entstehen lassen könnte. Und er bekräftigt: „Die Stadt wünscht Kontakte, und wir werden alle Kontakte fördern. Allerdings hat es den Anschein, als ob die englische Seite etwas gehemmt ist.“
Der Public Relations-Offizier der Bielefelder Garnison, Major Riley, meint demgegenüber, daß die Initiative von deutscher Seite ausgehen sollte. „Können deutsche Vereine nicht Einladungen an Engländer richten?“ Er verweist auf das Bielefelder Beispiel, wo Vertreter beider Gruppen sich in der „Brücke“ regelmäßig treffen und ihre Probleme besprechen.
Allerdings könnte es Deutschen wie Engländern, wenn sie beide in einer Abwarteposition beharren, ergehen, wie den Königskindern im Lied: „Sie konnten zusammen nicht kommen, das Wasser war viel zu tief.“
Die Hauptschwierigkeit scheint einfach die zu sein: Es hat sich bisher noch niemand gefunden, der die Kontaktpflege so richtig in die Hand nimmt. Das könnte auf englischer Seite ein Komitee sein, das einmal ohne bürokratische Umwege Wünsche und Anregungen der britischen Bevölkerungsteile der Stadtverwaltung vorbringt, zum anderen sich als Gesprächspartner der deutschen Vereine und Institutionen zur Verfügung stellt. Auf der anderen Seite sollten sich auch deutsche zusammenfinden, die bereit sind, dem englischen Nachbarn zu helfen, ein Bürger der städtischen Gemeinde zu werden. Das muß keinen offiziellen Anstrich haben, doch kann die Begleitung von Stadtvertretern der Sache nur förderlich sein.
Noch ist das englische Gemeinwesen im Teutoburger Wald sehr jung, die deutsch-englische Nachbarschaft unerprobt. Die Zeit kann vieles bewerkstelligen. Dennoch wäre es falsch, die Dinge einfach treiben zu lassen. Die Zeit kann die Menschen miteinander leben, und wenn der Raum noch so klein, da und dort gestaltet werden.
[Bild: Zwischen Birken und Sand: Englische Wohnsiedlung in Oerlinghausen. Foto: Schüler]
[Bild: Feierabend bei den Whitbys: Deutsches Programm im Fernsehen. Foto: FP (Thorborg)]