100 Jahre Rektorschule Oerlinghausen
Ein freudiges Jubiläum für die Bergstadt - Feierstunde des Städtischen Gymnasiums im Stadthotel
Als sich gestern vormittag Eltern, Lehrer, Schüler und „Ehemalige“ des Oerlinghauser Gymnasiums aus Anlaß des einhundertjährigen Bestehens der Schule zu einer Feierstunde im Saal des Stadthotels trafen, geschah das in einem Gefühl des Stolzes und der Dankbarkeit zugleich. Mit Stolz gedachten die Oerlinghauser Einwohner der wechselvollen Entwicklung ihrer traditionsreichen Rektorschule, und voller Dankbarkeit sprachen sie von den mutigen Gründern und selbstlosen Förderern ihrer Schule, ohne deren Einsatz es nicht möglich gewesen wäre, sie auf ihr heutiges Ausmaß zu erweitern und sie in einem solchen Umfang zu einem Tempel der Kultur und des Wissens auszubauen.
Pastor Weerth, der 1862 als neuer Pastor nach Oerlinghausen kam, war der Initiator der 1867 erfolgten Schulgründung. Angeregt durch Gespräche mit dem jungen Textilfabrikanten Carl Weber, mit dem Apotheker Melm und mit den Landwirten und Großgrundbesitzern der Umgegend, wie Tonge-Niederbarkhausen, Meier zu Asemissen, Meier zu Ermgassen, Bollhöfer, Upmeier, Haverig und andere, beschloß er als bestellter Schulinspektor, sich für die Einrichtung einer „Mittelschule“ einzusetzen, um eine Vorbereitungsanstalt für den Besuch von Gymnasien zu schaffen.
Überall fand Pastor Weerth freudige Zustimmung und Opferbereitschaft, nicht nur bei den 1.100 Einwohnern Oerlinghausens, sondern auch bei den Bauern. In der Folgezeit wurde die Rektorschule vorzugsweise von Söhnen und Töchtern der umliegenden Höfe besucht. Gerade sie bildeten das sichernde, stabile Element, auf Grund dessen diese Privatschule jahrzehntelang ohne gemeindliche oder staatliche Zuschüsse existieren konnte.
Pastor Weerth ließ sich die Kosten der Einrichtung und ersten Gehälter von Oerlinghauser Bürgern garantieren. Bänke, Tische, Wandtafeln und dergleichen wurden in der Gertkammer (Anbau der Kirche) aufgestellt. Als erster Lehrer wurde Pfarramtskandidat Gerstung angestellt, der vorher Lehrer an der Töchterschule in Detmold war.
Die Zahl der Schüler wuchs schnell. Schon nach drei Jahren erwies sich die Gertkammer als zu klein. Ein Zimmer im Hause der Leinenlegge, Jägerstraße 2, wurde zu Hilfe genommen und mit neuen Bänken ausgestattet. Diese weit auseinanderliegenden Schulräume waren ein „gräflicher Behelf“. Als 1870 die Legge aufgehoben wurde, kaufte Weerth das Haus und stellte es der Rektorschule zur Verfügung. Ein Teil des Unterrichts wurde weiter in der Gertkammer abgehalten. 1873 war die Schülerzahl auf 38 angestiegen. Wenn auch schon seit geraumer Zeit die neben der Kirche liegende Küsterschule als Aushilfe benutzt wurde, so war der Unterricht in der kleinen, niedrigen Legge doch eine Qual für Lehrer und Schüler.
Pastor Weerth dachte deshalb schon lange an den Bau eines eigenen Schulgebäudes. 1876 erwarb er zu diesem Zweck von der Kirchengemeinde ein Grundstück neben dem Pustkuchen’schen Kolonat und verkaufte dafür sein Haus Jägerstraße 2 an den Schneidermeister Louis Schellmann. Das neue Schulgebäude bot endlich mehr Platz und hat der Rektorschule bis 1948, d. h. bis zur Fertigstellung des jetzigen Gymnasiums, gedient. Vier Generationen Oerlinghauser Familien sind darin unterrichtet und gut vorbereitet worden in Sexta, Quinta, Quarta und Untertertia für den Besuch des Gymnasiums, des Lyzeums oder des Seminars in Detmold, Lemgo, Salzuflen oder Bielefeld. Die Mühe, die sich vor hundert Jahren verantwortungsbewußte Männer um eine Verbesserung des Unterrichts der Jugend machten, hat überreiche Früchte getragen.