Das Werk im Walde ist ein Fingerzeig - Ein Beispiel zum Thema „Abwanderung“
Stadt und Landkreis hatten das Nachsehen
Dreimal dürfen Sie raten, was dieses Bild darstellt. Ein Waldsanatorium? Eine moderne Freiluftschule? Ein „Waldmanns-Heil“-Institut für Kornforschung? Dreimal falsch! Die Lösung ist viel einfacher und für die meisten wohl auch unerwartet: Unser Foto zeigt die neuen Produktions- und Wohngebäude der bis zum vorigen Jahr in Bielefeld ansässigen Kleiderfabrik Endres an der Straße von Schloß Holte nach Oerlinghausen. Aber nicht deshalb interessiert uns diese moderne Anlage, weil sie sich so harmonisch in die Sennelandschaft einfügt und ein hervorragendes Beispiel landschaftsnaher Baugesinnung ist. Uns führte ein anderer, aus der Bielefelder Sicht gesehen, weit weniger erfreulicher Grund in das Direktionszimmer „mitten im Walde“. Das Unternehmen gehört zu jenen, die aus der Stadt abwanderten, weil es ihnen nicht gelang, die Raumfrage in Bielefeld zu lösen. Es ist ein Beispiel einer Entwicklung, die viele Fragen aufwirft, auch oder gerade für den Bielefelder Raum.
1945 gegründet, entwickelte es sich zunächst in gemieteten Räumen, zog mehrmals um, bemühte sich um den Ankauf eines geeigneten Grundstücks oder um den Erwerb von Gelände, um selbst zu bauen, und scheiterte an der Raumnot der Stadt. Aber geschehen mußte etwas. Nicht nur, daß die Räume zu klein geworden waren und ihre Struktur die Rationalisierung hemmte, auch deshalb, weil, wie es die Inhaber ausdrückten, „weder die Kunden noch wir selbst wußten, wo wir die Fahrzeuge in dem ständig zunehmenden Verkehr an der Bahnhofstraße abstellen sollten, ohne daß gleich ein Polizist daneben stand“. So kam es, daß die Firma, die auf dem Boden der Stadt entstanden und in wenigen Jahren zu Leistung und Selbständigkeit herangewachsen war, trotz der engen Verbindungen zu Bielefeld und gewissermaßen „wider Willen“ aus den Mauern Bielefelds hinaustrebte, um die eigene Existenz und Entwicklung nicht zu gefährden.
Das ist ein Vorgang, der weit über den Einzelfall hinaus symptomatisch ist für eines der ernstesten Probleme des Bielefelder Raumes, dem er zeigt die wesentlichen Gründe für Abwanderungstendenzen auf, die an vielen Stellen unserer Wirtschaft erkennbar sind. Außerdem ist gerade dieser Fall ein Fingerzeig für jene, die noch immer glauben, die Stadt und der Landkreis könnten im längst im Gange befindlichen Wettbewerb die von der fortschreitenden Industrialisierung aufgeworfenen Fragen unabhängig voneinander oder sogar gegeneinander lösen. Die neue Fabrik und die neuen Wohnhäuser stehen auf „lippischem“ Boden, das heißt: 150 Arbeitsplätze und fast 30 Wohnungen gingen dem Bielefelder Raum bereits bis jetzt verloren, ein Verlust also für den Arbeitsmarkt und den Steuersäckel.
Es wäre müßig und würde das hier sichtbar gewordene Dilemma nicht aus der Welt schaffen, darauf hinzuweisen, daß die Firma Endres schon seit 1948 einen Zweigbetrieb in Lipperreihe eröffnete. Der Umstand, daß das Nachbargelände, auf dem Platz genug für ihren Gesamtbetrieb war, zum Verkauf anstand, trat erst ein, als sie sich jahrelang in Bielefeld vergeblich nach einer Lösung umgesehen hatte.
Für das Unternehmen selbst war die Übersiedlung in die Senne keineswegs nur ein „Honigschlecken“. Der Entschluß, mitten im Walde zu bauen, enthielt mehrere „Unbekannte“. Haben wir genügend Arbeitskräfte? Finden und besuchen uns die Kunden? Die zweite Frage wurde überraschend schnell und positiv beantwortet. „Wir haben heute engeren und besseren Kontakt mit den Kunden als in der Stadt mit ihren Ablenkungen und Verkehrsschwierigkeiten“, sagte man uns, und wer sich umsieht, zweifelt nicht daran, daß dieses Werk im Grünen eine lockende und anziehende Reise hat, die gerade auf einen stadtmüde gewordenen Kaufmann oder Wirtschaftler nicht ohne Wirkung bleiben.
Die Frage nach den Arbeitskräften dagegen bereitet noch immer Kopfschmerzen, erfordert ständige Aufmerksamkeit und eine Reihe besonderer Maßnahmen, um die Schwierigkeiten zu meistern. Dazu gehört der energisch betriebene Bau von Wohnungen in Werksnähe, Bereitstellung werkseigener Verkehrsmittel für die in Bielefeld und Brackwede wohnenden Gefolgschaftsmitglieder und - das scheint auch auf lange Sicht gesehen der erfolgversprechendste Weg zu sein - eine verstärkte Förderung und Ausbildung junger Menschen, vor allem junger Mädchen aus der näheren Umgebung. Daß gerade die Näherinnenberufe besonderen Anreiz bieten, ist verständlich, denn er läßt sich wie wenig andere ein ganzes Leben lang nutzbringend anwenden. Trotzdem ist der Drang der Jugend vom Land in die Stadt eine interessante Feststellung, trotz langer Fahrzeiten und erheblicher Fahrkosten bei vielen noch ausschlaggebend.
Diesen Schwierigkeiten steht eine Reihe erheblicher Vorteile gegenüber. Sie ergeben sich nicht nur aus dem Grundstückspreis des Geländes, sondern vor allem auch aus seiner Ausdehnung. (30.000 Quadratmeter sind eine Garantie für große Entwicklungsmöglichkeiten.) So konnte das neue Werk so gebaut werden, daß die Produktion von der Anlieferung des Rohmaterials und dem Zuschnitt bis zur konfektionierten Ware im fließenden Arbeitsprozeß in einem Block erfolgt. Zu dieser erfolgreichen Rationalisierung kommt die Möglichkeit der Konzentration aller Produktionsstätten und der Verwaltung an einer Stelle und in zweckmäßiger räumlicher Beziehung zueinander.
Alles in allem: Die Vorteile überwiegen die Schwierigkeiten und negativen Erscheinungen der Umsiedlung, wie man uns versicherte, bei weitem. So erfreulich diese Bilanz für das einzelne Unternehmen ist, so ernst sollte sie als Fingerzeig von allen zuständigen Stellen und Gremien der Stadt und des Landkreises genommen werden, die für die industrielle Entwicklung und Aufschließung des Bielefelder Raumes verantwortlich oder mitverantwortlich sind.
rp.