Wie aus dem Hedwigshaus wurde, was es ist

Von der Kaltwasseranstalt zur Schankwirtschaft Geschichten um den „Wilden Jäger“

 

Am Nordabhang des Tönsberges, am Ende der Hermannstraße, gab es bis in die dreißiger Jahre die Gaststätte „Wilder Jäger“. Seit 1954 ist das Haus im Besitz des St.-Hedwigs-Werkes und wird nach mehreren Erweiterungen und Ausbauten heute auch als Volkshochschule benutzt. Da es in der Nähe des „Wilden Jäger“ einen Teufelsgrund und seit eh und je einen Hexentanzplatz, ein Blockhaus und einen Blocksberg gibt, wäre ein Zusammenhang mit der germanischen Sagenwelt durchaus denkbar. Jedoch in diesem Fall hat der „Wilde Jäger“ wirklich nichts mit Hexen und Wotan zu tun, denn der Name entstand auf folgende Weise:

Nachdem in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts die Idee des naturheilkundlichen Prießnitz in Deutschland allgemeine Verbreitung gefunden hatte, entstanden überall Kaltwasseranstalten. Auch in Oerlinghausen sollte eine solche Einrichtung entstehen. Man gründete eine Aktiengesellschaft und erwarb das Grundstück am Tönsberg, auf dem heute das Haus „Wilder Jäger“ steht. Hauptaktionäre waren damals Carl Stölting und Maurermeister August Richter. Dieses Grundstück war geeignet, weil man beim Kohlesuchen um 1700 nicht auf die erhofften Steinkohleflöze gestoßen war, sondern oberhalb des „Wilden Jägers“ eine ergiebige Wasserquelle angebohrt hatte. Dies war die Quelle des Haferbaches, der heute nach Durchfließen vieler Teiche bei Eggenhausen in die Werre mündet. Die Quelle wurde eingefasst und in ein um 1860 errichtetes einfaches Gebäude, die Kaltwasseranstalt, geleitet.

Im Jahr 1863 erwarb der Steuerrevisor Carl Stölting das „Bad“, und daneben baute August Richter ein feines Haus. Er schuf ausgedehnte Gartenanlagen, eine Kegelbahn und erweiterte die Badeanstalt durch Einbau mehrerer Wannen. Durch die Unterstützung des Oerlinghauser Arztes Dr. Caspari wurden Wannen- und Duschbäder, Fichtennadel- und Dampfbäder verabreicht. Durch Erhalt der Wirtschaftskonzession konnte Carl Stölting seinen Gästen ab 1871 auch Getränke anbieten.

Bollhöfer: Jäger und Heimatdichter

Nach Stölting erwarb der Maurermeister Richter das Haus und verpachtete es. Im Laufe der nächsten Jahre haben viele Pächter versucht, dort ihr Glück zu machen. Einer von ihnen war der frühere Landwirt Eduard Bollhöfer, der ab 1880 dort die Schankwirtschaft betrieb. Er kam vom Bollhof in Asemissen, von dem auch der lippische Mundart- und Heimatdichter August Bollhöfer stammte. Eduard Bollhöfer war um 1880 durch eine Erbschaft Besitzer von Grundstücken und der alten Posthalterei Gröppel in Oerlinghausen geworden. Im Jahr 18871887 hatte er einen Teil seines Grundbesitzes an die Schulgemeinde Oerlinghausen verkauft, die noch im selben Jahr mit dem Bau einer Schule begann (das heutige Rathaus). Sein geerbtes Wohnhaus, Schulstraße 22, verkaufte er 1897 an den Zigarrenmacher A. Gronemeier. Mit einem stattlichen Vermögen ausgestattet, war es für ihn nicht schwer, den „Wilden Jäger“ zu pachten und einige Umbauten vorzunehmen.

Eduard Bollhöfer war ein leidenschaftlicher Jäger und galt als vorzüglicher Hundedresseur. Er wurde zu mancher Jagd eingeladen und erhielt damals von seinen Freunden den Spitznamen „Wilder Jäger“. Dieser Name hat sich dann auf das Haus übertragen, und es behielt ihn auch, als Bollhöfers Pacht längst abgelaufen war und andere Pächter dort die Schankwirtschaft betrieben. Da die letzten Pächter das Haus als Schankwirtschaft betrieben, war der Badebetrieb zum Erliegen gekommen. Besonders erschwerend waren für die Betreiber von Privatheilanstalten die strengen Prüfungen, und nicht selten wurde die Konzession verweigert. So erging es auch Wilhelm Redeker aus Berlin, der 1900 den Badebetrieb im „Wilden Jäger“ wieder aufnehmen wollte. Am 9. Juni 1900 bekam er von der Fürstlich Lippischen Regierung folgende Beurteilung:

„Die von Ihnen nachgesuchte Konzession zum Betriebe einer Privatheilanstalt im sogenannten ‚Wilden Jäger‘ bei Oerlinghausen wird Ihnen hiermit versagt. Sie haben zwar von einer Berliner Prüfungskommission ein Zeugnis erworben, indem Sie den Anforderungen für Gesundheitspflege und arzneilose Heilkunde entsprochen haben. Über den Wert des Zeugnisses ist uns über den Polizeipräsidenten aus Berlin eine ungünstige Auskunft erteilt worden. Uns wurde mitgeteilt, das Zeugnisse dieser Prüfungskommission, die sich aus zwei Ärzten und einem Kurpfuscher zusammensetzt, keinen Wert besitzen.

Darauf haben wir Sie durch den Physikus Dr. Volkmann in Schötmar prüfen lassen, ob Sie die Sachbildung besitzen, um eine Privatkuranstalt wie Sie es geplant haben, ordnungsgemäß leiten zu können. Aus dem Bericht von Dr. Volkmann sind wir zu der Überzeugung gekommen, dass dies bei Ihnen nicht zutrifft. Nach alledem liegen genügend Tatsachen vor, Ihnen die nachgesuchte Konzession zu versagen.

Abgesehen hiervon, müssen auch die eingereichten Pläne und Beschreibungen als unzureichend bezeichnet werden. [...] Es kommt noch hinzu, daß mit dem Badebetrieb gleichzeitig eine Schankwirtschaft betrieben werden soll. Ein derartiger Betrieb pflegt aber manche Unruhe mit sich zu bringen, daß dies aus gesundheitlichen Rücksichten nicht geduldet werden kann. Demgemäß wird Ihnen aus den angegebenen Gründen die Konzession versagt.“

Überreicht wurde diese Absage von Polizeidiener Mösemann, von dessen Tochter ich diese Aufzeichnungen erhielt. Nach Wilhelm Redeker kamen andere Pächter, die entweder Bäder verabreichten oder die Schankwirtschaft betrieben. Seit 1910 kam der Badebetrieb ganz zum Erliegen. Zeitzeugen berichteten über die Gaststätte „Wilder Jäger“, daß sie in ihrer besten Zeit gut besucht war und Konzerte von Musikkapellen und Gesangvereinen sich im Sommer abwechselten.

Während des Ersten Weltkrieges erwarb der Kaufmann Otto Simon im Auftrag der Berliner Landesbank den „Wilden Jäger“. Otto Simon, der bis 1921 Direktor der Rekord-Zementfabrik war, baute für sich und vier andere Familien Wohnungen, die an die Firma Weber vermietet wurden. Die Zeit verging, und andere Besitzer zogen ein. Es zeigten sich Verfallserscheinungen, und es war ein Glücksfall, als das St.-Hedwigs-Werk das Gebäude erwarb.

Zu dieser Zeit wurde die Quelle des Haferbaches, die mit ihrem Wasser die Bäder gefüllt hatte, verrohrt und zum ersten Becken geführt. Das Wappenemblem mit einem Reiter auf einem Pferd am Giebel des Hauses, welches 1921 vom Eigentümer Otto Simon durch einen befreundeten Berliner Künstler geschaffen worden war, ist seit den letzten Renovierungsarbeiten nicht mehr vorhanden. Es sollte den „Wilden Jäger“ Eduard Bollhöfer darstellen, der wie eine Sagengestalt vom Tönsberg über sein Jagdrevier zum Blocksberg brauste.

Obwohl das Haus heute St.-Hedwigs-Heim heißt, ist der Name „Wilder Jäger“ unter der hiesigen Bevölkerung noch nicht verschwunden und ein geläufiger Begriff.

[Bild: Bis 1954 der „Wilde Jäger“ – heute ist das Gebäude im Besitz des St.-Hedwigs-Werkes.                                Foto: Bridenfeld]

[Bild: Der „wilde Jäger“ Eduard Bollhöfer mit seinem Jagdhund.]