Senior der deutschen Textilindustrie

Georg Müller, Oerlinghausen, 75 Jahre alt - Ein Leben der Arbeit und der Erfolge

 

Eine der markantesten und bedeutendsten Persönlichkeiten der deutschen Textilindustrie, der Seniorchef der Firma Carl Weber & Co. in Oerlinghausen, Georg Müller, vollendet heute sein 75. Lebensjahr. Scharf profiliert wie der Kopf dieses Mannes, an dem es nichts zu rätseln und zu deuteln gibt, ist sein Wesen. Körperliche Frische und Spannkraft, geistige Aufgeschlossenheit und Beweglichkeit zeichnen den 75-jährigen aus, der auf ein Leben zurückblicken kann, das wie wenige bis an den Rand von Arbeit, Verantwortung und Erfolg erfüllt war und noch ist.

1878 wurde Georg Müller als erster Sohn des Kommerzienrates Bruno Müller in Oerlinghausen geboren. Nach bestandener Reifeprüfung ging er seinen Weg, den Weg, der ihm die Möglichkeit gab, seine vielseitigen Anlagen zu jener Harmonie zwischen praktischer Erfahrung und fundiertem Wissen zu entwickeln, die alle an ihm bewundern. Als Lehrling im väterlichen Betrieb fing er an. Nach seiner einjährigen Dienstzeit studierte er Kunstgeschichte und Nationalökonomie, um sich nach dem Besuch des Technikums für Textilindustrie in Sorau klar und entschieden der technisch-wirtschaftlichen Praxis zuzuwenden. Weber und Warenbeschauer, Schlosser und Schmied, Webstuhlbauer und Reisemonteur, Verkäufer und Betriebsbeamter! - Georg Müller hatte sein Leben fest in die Hand genommen und formte es auf diesen Stationen mit der Ausdauer und Zähigkeit des Westfalen.

Die Aufgaben

Er brauchte nicht auf sie zu warten, das Leben stellte sie ihm schon in jungen Jahren. 1908 übernahm er die Leitung des väterlichen Webereibetriebes und meisterte diese erste große Aufgabe seines Lebens mit jenem unternehmerischen Elan, der ihn auch in den schwierigsten Situationen später niemals verließ. Mit dem Weitblick des Kaufmanns und dem Wissen des Technikers widmete er seine ganze Kraft der Mechanisierung und dem Ausbau des Unternehmens.

Mitten in dieser Arbeit wurde er, für den Felddienst nicht geeignet, wenige Tage nach dem Ausbruch des ersten Weltkrieges mit Versorgungsaufgaben auf dem Leinengebiet im Kriegsministerium betraut. Lange vorher hatte Georg Müller, der den weiten Horizont von den Höhen seiner Vaterstadt im besten Sinne des Wortes sich zunutze machte, die Gefahren erkannt, die der deutschen Rohstoffversorgung im Falle einer Blockade drohten.

Immer wieder erhob er seine Stimme für die Förderung und Steigerung des Flachsanbaues, der in Westfalen wie in vielen anderen Gebieten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts fast völlig zum Erliegen gekommen war. Er hatte damit eine Aufgabe angepackt, die einen großen Teil seines Lebenswerkes ausmacht und die ihn heute, vier Jahrzehnte später, nach dem der Währungsreform folgenden Rückgang des deutschen Leinengewerbes durch die Subventionierung dieser Industrien im Ausland wieder auf den Plan rief. In die Bielefelder Leinenindustrie führen die Wurzeln seines väterlichen Unternehmens, und der Kampf für das Bielefelder Leinen ist für Georg Müller zu allen Zeiten nicht nur ein wirtschaftliches, sondern auch ein kulturelles Ziel gewesen, das er keinen Augenblick aus dem Auge verlor.

Schon früh war man auf den ideenreichen, vorausschauenden Unternehmer und Textilfachmann aufmerksam geworden und hatte ihn in die führenden Gremien der Textilindustrie gerufen. Kurz nach dem ersten Weltkrieg übernahm er den Vorsitz im Verband deutscher Leinenwebereien und seit 1933 auch den der Fachgruppe Textilindustrie, die damals die gesamte Textilwirtschaft Deutschlands repräsentierte, als deren Vertreter er Mitglied des Präsidiums des Reichsverbandes der deutschen Industrie und des vorläufigen Reichswirtschaftsrates wurde. Besondere Verdienste erwarb er sich als Leiter der umfangreichen Textilenquete Ende der 20er Jahre. In den Jahren 1925 bis 1927 arbeitete er als Generalsachverständiger der deutschen Industrie an den Handelsverträgen mit Frankreich, Italien und den UdSSR mit und übte in dieser Eigenschaft maßgebenden Einfluß auf die Neuordnung der deutschen außenpolitischen Beziehungen nach der Inflation aus. Auch in den folgenden Jahren wurde Georg Müller vom Reichswirtschaftsministerium immer wieder mit Sonderaufgaben betraut und führte noch 1933/34 die Neuorganisation der Wirtschaftsgruppe Textilindustrie durch. Dann jedoch legte er sämtliche Ehrenämter nieder und widmete sich nur noch seinem eigenen Unternehmen, das er durch Angliederung von umfangreichen Betrieben der Vor- und Nachindustrie zum führenden Leinenbetrieb Deutschlands entwickelte.

In dem Werdegang und der Persönlichkeit Georg Müllers lag es begründet, daß er es war, der 1945 die Voraussetzungen für ein Wiedererstehen der textilindustriellen Organisationen schuf. Im „Aeropag“ rief er zunächst einen Arbeitskreis ins Leben, dem führende Männer der Textilindustrie Westdeutschlands angehörten und der entscheidend an der Gründung von Gesamttextil (Gesamtverband der Textilindustrie) beteiligt war. Mit der Ernennung zum Ehrenbeiratsmitglied von Gesamttextil, dem er mit seinem abgewogenen und klaren Urteil in allen umstrittenen Fragen nach wie vor ein wertvoller Ratgeber ist, ehrte die deutsche Textilindustrie den Mann, der als ihr Senior mit 75 Jahren noch einer der Aktivsten ist.

Der Mensch

Es ist das Ungewöhnliche an Georg Müller, der sich allen Geburtstagsgratulanten mit (unbekanntem) Reiseziel entzogen hat, daß alle Tatkraft und unbeugsame Energie sich in einem ungemein liebenswürdigen und zuvorkommenden Wesen manifestieren, das allen, die das Leben oder die Arbeit mit ihm zusammenführt, den Weg zu ihm so leicht macht. Der Kaufmann und der Praktiker haben den Künstler in ihm keinen Augenblick verdrängen können, sondern er ergänzt ihn mit jenem Maß an Phantasie und Einfallsreichtum, das ihn nicht zuletzt immer wieder einen Ausweg aus den schwierigsten Situationen finden läßt. Hinzu kommt jener Anteil an zurückhaltendem tiefinnerem Humor, der vielen Menschen Westfalens in die Wiege gegeben ist, und vor allem ein ausgeprägter Sinn für Gerechtigkeit und ein soziales Empfinden, das die Synthese zwischen der Hilfe im einzelnen und der Verantwortung gegenüber der Allgemeinheit jederzeit findet.

So steht Georg Müller auch an seinem 75. Geburtstag als Seniorchef seines Unternehmens als einer der bedeutendsten Männer der deutschen Textilindustrie und als nimmermüder Herold Bielefelder Leinens mitten in Arbeit und Erfolg.