Napoleonische Kriegskassette unter Gerümpel

Ein vergessenes Requisit aus Napoleons Zeiten nach 140 Jahren wiedergefunden

 

Oerlinghausen. Nun sind es 140 Jahre her, als die Armee des großen Korsen geschlagen ihren Rückzug antrat. Bonaparte fuhr nach der Schlacht an der Beresina Tag und Nacht auf einem Schlitten in westlicher Richtung und erreichte am 18. Dezember Paris. Die Überreste seines Heeres zogen, von Hunger gequält, zerlumpt und halb erfroren, in kleine Trupps aufgelöst, ihm nach.

Auch unser Gebiet durchzogen sie. Überall flehten sie um „couché“ (Nachtlager), sie forderten zu essen und zu trinken. Wo man nicht freiwillig gab, wurde geraubt und geplündert. Das einst stolze Heer war zur Landplage geworden. Nur wenige Eingesessene fühlten noch Mitleid mit diesen an sich armen Menschen.

In Mackenbruch, etwa 5 Kilometer von Oerlinghausen entfernt, hält ein Trupp unter Führung eines Obristen an. Er führt ein merkwürdiges Gespann hinter sich her, einen alten Bauernschlitten, mit Kisten und Plunder beladen.

Der Obrist wird von einem halbverhungerten Pferd getragen. Er zieht eine zerknitterte Karte hervor und fragt ein am Wege stehendes altes Mütterchen: „Ici Machelbrüch?“ Was versteht schon die Alte von „ici“? Doch Machelbrüch, ja, das kann doch nur ihre Bauernschaft sein.

In ihrer Mundart erwidert sie: „Jo dät es Mackenbreck!“ Wieder eine Frage des Obristen: „Où est la Brothes Chaussee?“ Das Mütterchen versteht nur Chaussee und erwidert französisch: „Voilà!“ Denn soviel hatte sie schon von den vielen durchziehenden Franzosen gelernt. Sie zeigt nach Westen, wo die Straßen durch die von Napoleon angepflanzten Pappeln gekennzeichnet sind.

Langsam bewegt sich der Treck nach dieser Richtung. Dem alten Mütterchen kommen die Tränen in die Augen, als sie den armen zerschundenen und erfrorenen Soldaten nachschaut. Am Wege liegen einige Bauernhöfe. Hier wird geplündert und requiriert. Auf einem anderen Hofe machen sie Halt.

Hier finden sie ein Quartier. Hier gibt’s noch zu essen und zu trinken. Sie fühlen sich wohl und machen keine Anstalten, ihren Quartiergeber zu verlassen. Schließlich reißt auch diesem die Geduld. Es hatte sich herumgesprochen, daß das Wort „Kosak“ Wunder auslöste. Und so sagte eines Tages der Hofbesitzer zu den unliebsamen Gästen immer heftiger: „Kosak, Kosak!“

Das hatte seine Wirkung. Sie packten ihren Plunder zusammen. Nur das Überflüssige warfen sie fort, darunter auch einen eisernen Kasten, und diesen fanden wir in einem alten Gebäude zwischen allerhand Gerümpel nach 140 Jahren wieder. Es ist eine napoleonische Kriegskassette.

Der eiserne Kasten ist 54 cm lang, 17 cm breit und 38 cm hoch. An der Schmalseite ist der napoleonische Adler angeheftet, und darunter sind zwei gekreuzte Gewehre angebracht, dessen Läufe einen Siegeskranz zieren.

Die Rückseite der Kassette zeigt dreimal die siebenzackige Krone Napoleons. Die Vorderseite ist mit zwei Adlern geschmückt. Unter dem Schloß steht eine Engelsfigur mit Köcher, die das Spundloch eines Weinfasses mit einem Holzhammer einschlägt. Den Deckel zieren neben einem kunstvollen Griff vier Rosetten. Innen ist die Schatulle mit Holz ausgeschlagen. Die Truhe ruht auf vier Löwenpranken. Nur noch zwei unbedeutende französische Münzen bildeten den Inhalt.

H. D.

[Bild: Die napoleonische Kriegskassette, die in Mackenbruch wiedergefunden wurde.]