Cord Henrich ließ das Haus für Barthold bauen
Der Bartholdskrug am Hellweg bei Oerlinghausen 250 Jahre alt - Als das Schmugglerunwesen in Blüte stand
Oerlinghausen. Von 200 bis 300 Jahre alten Eichen- und Lindenbeständen umgeben, liegt am Hellweg in der Heide der weitbekannte Bartholdskrug, der am kommenden Sonntag, dem 22. Dezember, auf eine 250-jährige Krugwirtschaft zurückblicken kann. Der sauber geschnitzte Türsturzbalken über dem Eingang zum Kruge verkündet, daß ein gewisser „Cord Henrich Grete (vom großen Hof in Oerlinghausen stammend) und seine Ehefrau Catrina Barkhausen, haben das Haus lassen bauen vur (für) ihren Sohn Jakob Barthold Anno 1713“. Nach ihm benannte man den Krug hinfort Bartholdskrug. Seine große historische Bedeutung reicht 200 Jahre zurück. Damals war er als „Schmugglerkrug“ weit und breit bekannt.
Es hatten sich viele deutsche Länder zu einem Zollverein zusammengeschlossen. Preußen, Württemberg und Bayern legten alsbald die zwischenstaatlichen Zollgrenzen nieder, doch das Lipperländchen nicht. Es fanden sich Leute genug, die hieraus ihren Nutzen suchten. Ein Schmugglerwesen schlimmster Art entwickelte sich um Oerlinghausen. Man war in Bielefeld und Brackwede froh, wenn man die über Grenz nach hier gebrachten Waren, wie Zucker, Tabak und Kaffee, in der lippischen Senne von „hintenherum“ zollfrei bekommen konnte. Hier beim Bartholdskruge fanden sich Käufer preußischer Herkunft fortwährend ein, um die Schmugglerware bei Nacht und Nebel über den Schopkebach zu schaffen.
Manche Anekdoten aus jener Zeit, die vom letzten Krüger Grete so gern zum besten gegeben wurden, erinnern an die Vorkommnisse jener Tage: „Kommt da eines Tages ein Schmuggler mit Kaffee, den er von den Händlern zollfrei erworben, an die Stelle, wo der Grenzstein anzeigt, daß jenseits des Friedens Freuden beginnt, um ihn in Sicherheit zu bringen. Plötzlich kracht ein Schuß. Der Schmuggler ist mit einer Schrotladung des dort postierten Försters auf sein Hinterteil getroffen, wutentbrannt eilt er zurück, zeigt auf das lippische Hoheitszeichen, die Rose, und schreit: ‚Dat sülte in Deppelt (Detmold) büßen, dat hät int Lippske schoten.‘“
„Ein andermal“, so erzählt der alte Grete, „kommt ein Schmuggler hoch zu Roß durch den tiefen Sennesand geritten. Da kommt der Oberzollkontrolleur aus Brackwede ihm entgegen. ‚Guten Tag, Herr Kontrolleur‘, grüßt der freundlich. ‚Was hat er denn in dem Sack?‘ ‚Da drin ist Schmuggelware, die hat der Unterkontrolleur dem Schmuggler abgenommen, und ich soll sie nach Brackwede zum Oberkontrolleur schaffen.‘ ‚Recht, mein Sohn, da gab er sie bei meiner Frau ab?‘ ‚Ach, Herr Oberzollkontrolleur, mit den Weibsleut will ich nicht gern was zu tun haben. Kann mir der Oberzollkontrolleur das Säckchen nicht selbst geben?‘ ‚Wieviel?‘ ‚Einen Taler, 15 Silbergroschen, hat mir der Unterkontrolleur versprochen.‘ ‚Na, weil du es bist, eigentlich ein bißchen viel - nimm und grüße meine Frau!‘ ... Roß und Reiter sah man nicht wieder.“
Sieben Generationen der Gretes haben den 108 Morgen großen Hof, darunter 50 Morgen Ackerland, und den Krug bewirtschaftet. Friedrich August Grete, der Letzte seines Stammes, starb im gesegneten Alter von 84 Jahren. Er hatte nur einen Sohn und eine Tochter. Sein Sohn August, der ihm als achter seines Geschlechtes folgen sollte, starb an den Folgen eines im ersten Weltkriege zugezogenen Leidens im Alter von 34 Jahren. Der „alte Grete“ sah sich also gezwungen, seinen Hof mit Krugwirtschaft in andere Hände zu geben. Der neue Besitzer ist nunmehr seit 24 Jahren Heinrich Neuwöhner aus Stukenbrock. Er führt den Krug und die Landwirtschaft in althergebrachter Weise fort. 1938 sah er sich gezwungen, einen Teil der Deele in Wirtschaftsräume umzuwandeln. Das ist ihm sehr gelungen. Alles ist so antikisiert, so gemütlich und stilecht, wie zu Urväters Zeiten.
Noch immer tickt die alte aus dem Jahre 1710 stammende Kastenuhr. Drei Kamine sorgen für eine wohltuende Wärme. Gemütlich nehmen sich die Ofenbänke aus. Unter der balkengetragenen Decke hängen im neuen Zimmer die sehr schönen, stilvollen, handgeschmiedeten Leuchten. Die handgeschmiedete eiserne Ofentür, die eisernen Türbeschläge u. a. m. mehr erinnern an die gute alte Zeit. Und wie damals, so reicht man auch heute noch Schinkenplatten und Wurstbrote aus eigener Hausschlachtung. Und am 250 Jahre alten Balken über der Theke steht der einladende Spruch:
„Wer Dag vör Dag sin Arbeit deit un ümmer upp’n Posten steht un deit dat froh un deit dat gern, de kann sick ook mal amüsiern!“
Diem.