Ein Stück Geschichte lag hinter der Wand

Antiken Blasebalg bei Hausabriß gerettet

 

Oerlinghausen (nw). Am Sonnabend wurde einen Tag später als vorgesehen das über 100 Jahre alte Moritzsche Haus an der Hauptstraße abgerissen. Am Freitagmorgen, als das Gebäude eigentlich schon dem Erdboden gleichgemacht sein sollte, gelang es Handwerkern im Auftrag von Hermann Gräfe einen Gegenstand von historischem Wert vor der Zerstörung zu retten: einen fast 180 Jahre alten Blasebalg, der Bestandteil der früheren Schlosserei Moritz war.

Hermann Gräfe, der Vorsitzende des Verkehrs- und Verschönerungsvereins, hatte erst kurz vor dem Abriß des Hauses Hinweise darauf erhalten, daß sich in den Werkstatträumen noch Gegenstände von geschichtlicher Bedeutung befanden. Bei Nachforschungen entdeckte man auch tatsächlich einen überdimensionalen Blasebalg, der durch eine Holzverkleidung verdeckt in eine Wand des Werkstattraumes eingebaut war. Alles was von dem antiken Gerät innerhalb der Werkstatt zu sehen war, war der Stutzen aus dem früher die Luft in das Schmiedefeuer blies. Der Blasebalg wurde aus der Wand gerissen und vorerst einmal zum Gretenenshof gebracht. Bei Licht entdeckten Hermann Gräfe und seine Mitarbeiter die eingeschnitzte Jahreszahl 1804.

Die „Luftpumpe“ war also älter als das erst im Jahr 1862 wiedererbaute Haus, das Jahre zuvor bei einem Feuer zerstört worden war. „Bevor das Gebäude zum ersten Mal niederbrannte, war da aber auch schon eine Schmiede drin“, erinnern sich Erna und Richard Moritz. Sie sind die letzten, die das Haus an der Hauptstraße noch bewohnt haben. „Den Blasebalg müssen die Leute wohl rechtzeitig sichergestellt haben...“, meint Erna Moritz. Auf jeden Fall haben ihre Vorfahren das Gerät übernommen und damit die Glut, in der das Eisen für Gitter, Zäune und Beschläge erhitzt wurde, auf hohe Temperaturen gebracht. Bis 1965 haben Angehörige der Familie Moritz noch das Schlossereihandwerk in der Hauptstraße 72 betrieben. Den Blasebalg hatte mittlerweile ein Ventilator ersetzt. Der alte Balg geriet in Vergessenheit.

Wäre der Abrißbagger „rechtzeitig“ gekommen, dann wäre mit dem alten Blasebalg ein wichtiges Dokument der Handwerksgeschichte zerstört worden. Wenn schon alte Häuser abgerissen werden sollen und mit ihnen nicht nur ein Stück Schönheit und Stadtgeschichte vernichtet wird, so scheint es angebracht, diese vorher noch einmal auf verborgene „Schätze“ zu untersuchen. Der Moritzsche Blasebalg wird demnächst in Detmold im Museum zu besichtigen sein.

[Bild: Vor 180 Jahren wurde mit diesem Blasebalg bereits das Schmiedefeuer auf die nötigen Temperaturen gebracht. In welchem Museum er demnächst zu bestaunen ist, wird sich noch entscheiden.       Foto: Jo Meander]