Wenig Kohle in der Bergstadt
Stadtgeschichte: Bei der Suche nach dem schwarzen Brennmaterial war in Oerlinghausen bald Schicht im Schacht. Nur der Abbau von Kalkstein hielt sich bis vor 25 Jahren
Oerlinghausen. Löcherig wie ein Schweizer Käse ist er nicht gerade, der Tönsberg. Doch zahlreiche Höhlen und Schächte durchbohren ihn. Immer wieder suchten Bergleute nach Kohle unter Oerlinghausen. Aber die Ausbeute an dem begehrten Brennmaterial war eher mager. Ein industrieller Bergbau mit Fördertürmen und Kokereien ist der Bergstadt erspart geblieben.
Um 1600 bereits holte Graf Simon VI. einige Bergleute aus dem Harz ins Land, damit sie in der Bergstadt Bohrversuche nach Kohle abbauen sollten. Man hatte zuvor tatsächlich einige Kohlebrocken an den Hängen des Tönsbergs gefunden. Die Harzer Kumpel trieben diverse Stollen auf der Nordseite des Tönsbergs in den Boden. Und da der Graf so erpicht auf die autonome lippische Energiequelle war, stand bald am Grabeneingang ein großes Schild: „Grube Simon“. Bergmeister Georg Starcke, der Führer der Bergleute, avancierte zum Günstling des Hofes und durfte sich sogleich ein schönes Haus an der Tönsbergstraße 7 bauen. Anfangs konnte Starcke in der Tat einige Zentner gefundene Kohle für gräfliche Schlosshöfe liefern. Doch bald begann auch er mit einem weiteren Schachtsystem an der Braker-Wand nach Kohle zu suchen.
SABOTAGE GEGEN BERGBAU
Die Oerlinghauser stöhnten unter der Belastung durch den Bergbau. Denn Graf Simon hatte die Lieferung von teurem Grubenholz und anderen Dienstleistungen durch die umliegenden Höfe Barkhausen und Menkhausen angeordnet. Auch zeichneten sich die Pfarrer Bergius u. Niehr gerade durch mustergültiges Verhalten aus (Hofneid, pöbelnd und streitlustig), indem sie nachts oftmals durch die Straßen gezogen sein [sollen]. Die Folge: Es gab Sabotageakte der Oerlinghauser gegen den Bergbau. Man lieferte kein Holz, oder es wurden Maschinen und Geräte in die Schächte gekippt. Zudem wurde immer weniger Kohle gefördert. Im Jahre 1611 stoppte Graf Simon das Projekt. Es war ihm zu teuer und risikoreich geworden.
Ein Stollen lieferte so viel Kohle, dass die Rentkammer Bergbaugelder bewilligte
Immer wieder gab es in späteren Jahrhunderten neue Abbauversuche. Zum Beispiel in der „Kuhkuhle“ im Schopketal (Landerbusch), wo ein Schacht über Tönsberg hin betrieben wurde. Doch nur dünne Kohleflöze und minderwertige Kohle kamen zutage. Die engagierte Fürstin Pauline (1799 - 1820) hat fast zwei Jahrhunderte später mehr Glück. Ein neuer Stollen, der von der Grube aus Richtung Tönsberg gegraben wurde, lieferte tatsächlich so viel Kohle, dass die Lippische Rentkammer (Finanzbehörde) weitere Bergbaugelder bewilligte. In Detmold bezahlte man bereits die neue Unabhängigkeit des Landes von außerlippischen Energielieferungen.
Ende 1803 hatte der Schacht im Oerlinghauser Osten bereits eine Länge von fast 100 Metern erreicht, und man lieferte an manchen Tagen bis zu „2 Fuder“ - fast zwei Tonnen. Das „Schwarze Gold“ aus Oerlinghausen kam dem Bad Salzufler Salzwerk zugute, das sonst den Brennstoff doppelt so teuer außerhalb des Landes kaufen musste. Doch alsbald stellte sich Ernüchterung ein, denn die Ausbeute an Kohle wurde immer dünner, zum Schluss völlig unwirtschaftlich. Noch einige Male keimte Hoffnung auf alternatives Brennmaterial auf. Bei Straßenbauarbeiten im Jahre 1868 zum Beispiel entdeckten Straßenarbeiter zwischen Oerlinghausen und Helpup eher einige Kohlebrocken.
Zuvor schon war in der Tönsbergstraße, dort wo heute das Bürgerhaus steht, eine dünne kohlehaltige Schicht gefunden worden, so dass sich offenbar ein Abbaustollen in den Tönsberg hinein lohnte. Schließlich aber von Schicht zu Schicht. Mitte des 19. Jahrhunderts glaubte endlich auch die lippische Landesregierung, dass sich in Oerlinghausen kein wirtschaftlicher Kohlebergbau wie im Ruhrgebiet oder im Saarland erreichen ließ.
SPÄTER SCHUTZBUNKER
Doch der Oerlinghauser Bergbau hatte auch sein Gutes. Durch Probebohrungen aus Fürstin Paulines Zeiten stieß man auf bituminöshaltiges Schiefergestein am Tönsberg-Nordhang, dessen Abbau sich noch bis 1928 rentierte. Sehr nützlich waren auch die Stollen an der Tönsbergstraße und in der Schopke. Die Becker’sche Brauerei konnte um 1860 herum in den dunklen und kalten Gewölben hervorragend das frisch gebraute Bier kühl halten. Und im Zweiten Weltkrieg dienten die tiefen Stollen unter dem Tönsberg und im Landerbusch (Schopke) als Luftschutzbunker - wichtige Schutzräume in den letzten Kriegstagen, als Oerlinghausen fest umkämpft wurde.
Gleichwohl gab es in Oerlinghausen lukrativen Bergbau - als Tagebau. Erstens den Sandabbau des Hornsteinwerks, der bis in unsere Tage läuft. Und zweitens den Kalkstein. Kalk wurde in der Bergstadt im großen Stil gewonnen. Brennöfen für das Kalkgestein standen in Helpup, in Währentrup, am Menkhauser Berg und natürlich am großen Kalkwerk am Barkhauser Berg. Noch bis 1980 sprengte man dort in der Nähe des Oerlinghauser Sportplatzes den Kalkstein aus dem Berg und brannte ihn gleich zu Kalkmörtel.
Letztlich verdrängte aber Zement den Kalk als Baustoff. Der letzte markante Brennofen am Sportplatz, an den sich viele Oerlinghauser noch erinnern können, wurde abgerissen. Der Naturschutzbund (NABU) übernahm das Abbaugebiet am Barkhauser Berg. Heute nisten im ehemaligen Tagebaugelände wieder viele seltene Vogelarten - die Natur ist zurückgekehrt in den Oerlinghauser Bergbau.
[Bild: Historischer Kalkofen am Barkhauser Berg: Das Foto entstand Anfang der 1930er Jahre. Der Tagebau von Kalkstein wurde erst vor 25 Jahren eingestellt.]
[Bild: Kohlefunde: Die Oerlinghauser Hauptstraße um 1900 - mit Blick Richtung Simonsplatz. Vor gut 30 Jahren riefen entdeckte Arbeiter Kohlebrocken beim Aushub der Straße.]