Neue L751-Trasse führt durch Naturdenkmal
Hobby-Historiker erinnert an die Geschichte des Landerbusches - Von Fritz Soll sen.
Oerlinghausen. Alle die am Landerweg und Steinbült wohnen und über 30 Jahre alt sind, sehen nun ein Stück ihrer Jugendzeit endgültig verschwinden. Die Trasse der neuen Straße beseitigt ein für alle mal was schon vor 40 Jahren die Müllkippe der Stadt Oerlinghausen vollbracht hat. Aber von damals bis heute haben wir es totgeschwiegen. Noch die letzten Wanderkarten der Stadt Oerlinghausen wiesen den Landerbusch als Naturschutzgebiet aus. Aber geschützt hat ihn niemand. Ich sehe sie noch vor mir, die große Tanne mit dem Schild des Kreises Lippe „Natur-Denkmal“. Jetzt kamen die Holzfäller und schlugen mit Erlaubnis den schönen Baumbestand - auch die Tanne - ab. Heute brauchen wir dem ehemaligen Vogelschutzgehölz keine Tränen mehr nachweinen, denn jetzt wird ein nutzloses Gelände einer neuen Bestimmung zugeführt.
Was war der Landerbusch? Ursprünglich gehörte er zur Vogtei Oerlinghausen. Er reichte vom Landerhaus bis zum Schopkebach. Das Tal - etwa die Hälfte des Besitzes - diente als Vorfluter für die Wassermassen, die bei starkem Regen den westlichen Teil des Tönsberges herunterkamen (Göddernstraße). An der tiefsten Stelle des Tals (Müllkippe) befanden sich fünf Quellen, und im unteren Teil kurz vor dem Schopkebach waren 200 Jahre lang die Flachsrötten des Dorfes.
Das Landerhaus war zu Zeiten der Vogtei ein kleiner Kotten und diente dem Vogte Bracht (bis 1752) als Tafelkotten. In der Hauptsache wurden hier Weinbergschnecken gezogen. Als 1752 der gesamte Besitz des inzwischen verstorbenen Vogtes Bracht versteigert wurde, erwarb ein Mann namens Grote, genannt Berkemeier, den Besitz in der Lander. Dazu gehörten mehrere Grundstück auf dem Boden und in der „Langengrund“ (heute Gundlach). Als das heutige Pfarrhaus (1823) gebaut wurde, stand das alte Pfarrhaus zum Verkauf. Zwei unverheiratete Brüder - Nachkommen des Berkemeier von 1752 - kauften das alte Pfarrhaus, ließen es abreißen und um drei Fachwerke kleiner unten an der Göddernstraße wieder aufbauen. Der Kotten wurde in den Fachwerkbau mit einbezogen, was heute noch zu sehen ist. Hier zog Karl Berkemeier ein, während sein Bruder Fritz nach Amerika ging und dort als Sklavenhändler tätig war. Er „machte“ viel Geld und schickte es seinem Bruder Karl. Dieser genoß das Leben und ließ sich rund ums Landerhaus einen kleinen Park anlegen. Im Tal des Landerbusches ließ er sich eine Brauerei mit Felsenkeller errichten. Als er sich finanziell übernommen hatte und der Verkauf schon zur Debatte stand, kehrte Bruder Fritz mit genügend Gold-Dollar in die Heimat zurück, und alles kam wieder in Ordnung. Um 1870/75 zogen beide Brüder in ein Haus an der Tönsbergstraße. Nach ihrem Tod wurde das Haus abgerissen. Im Landerhaus zogen anschließend Mieter, die auch die Ländereien beackerten. Während dieser Mietzeit war sogar ein Kramladen im Haus. Die größten Geschäfte machte Krämer Drexhage meistens am Sonntagmorgen, wenn die Kirchgänger aus der weiten Senne zum Gottesdienst kamen.
Den ganzen Komplex kaufte im Jahre 1921/22 die Dorfgemeinde Oerlinghausen von den Erben des Berkemeier mit Namen Limberg, in der Hauptsache um Bauland zu schaffen (Landerweg). Das Tal wurde nach dem Erwerb sofort als Vogelschutzgehölz erklärt, später wurde es Naturschutzgebiet. Das Landerhaus, heute noch ein Zeugnis vergangener Jahrhunderte, blieb von den Verantwortlichen der Stadt unbeachtet. Versuche, es von privater Seite unter Denkmalschutz zu stellen, blieben erfolglos. Das Brauhaus ist nicht mehr, der Felsen- oder Bierkeller ist vom Müll verschüttet. 1945 war er Zufluchtsstätte, als der Krieg Oerlinghausen erreichte.