Brunnen möglichst ins Stadtbild integrieren
Erhard Schulze ging der Sache auf den Grund
Oerlinghausen (bes). Die Chancen stehen gut für den alten Brunnen, der jüngst bei Kanalbauarbeiten an der Oerlinghauser Niederstraße entdeckt worden war (die NW berichtete ausführlich). Denn als der Landeskonservator jetzt den Schacht besichtigte, fand er Beachtliches vor: Obwohl der Brunnen runde 70 Jahre abgedeckt war, ist das Bruchsteinmauerwerk sehr gut erhalten. Das Urteil des Fachmanns war eindeutig: Nach Möglichkeit soll das Baudenkmal erhalten bleiben und in eine verkehrsberuhigte Maßnahme eingebunden werden. Für die Stadt Oerlinghausen winkt ein finanzieller Anreiz, den ungewöhnlichen Fund der Nachwelt zu erhalten: An den Restaurierungskosten will sich der Landeskonservator mit einem Drittel - maximal 10.000 Mark - beteiligen. Nun haben die Politiker das letzte Wort.
Immerhin gibt es jetzt einen in der Bergstadt, der der ganzen Angelegenheit im wahrsten Sinne des Wortes auf den Grund gegangen ist: Erhard Schulze, Kanalexperte beim Oerlinghauser Bauamt. Durch ein kräftiges Seil gesichert stieg er in die Tiefe hinab. Was er auf dem Weg nach unten vorfand, beschreibt er gegenüber der NEUEN WESTFÄLISCHEN: „Das Mauerwerk ist tadellos erhalten.“ Schulze bestätigte damit, was der Landeskonservator schon beim ersten Anblick vermutet hatte.
12,15 Meter unter der Straßenoberkante liegt die Sohle des Brunnens, über dessen Entstehungsdatum immer noch gerätselt wird. Was für die Oerlinghauser Stadtväter in ihrer Entscheidung wichtig sein wird: Der Schacht ist immer noch feucht. Hoffnungen, die Wasserstelle wieder aktivieren zu können, erhalten erste Berechtigung. „Näheres muß aber ein Brunnenspezialist klären“, überläßt Erhard Schulze die Entscheidung den Fachleuten.
Jene Arbeiter, die den Brunnen vor langen Jahren bauten, haben ganze Arbeit geleistet. Das schwere Bruchsteinmauerwerk hatte sieben Jahrzehnte allen Belastungen standgehalten. Immerhin verlief über dem Schachteingang eine Straße. Die etwas mehr als 12 Meter tiefe Röhre abzusenken, kann keine leichte Aufgabe gewesen sein. In den harten Sandstein mußte ein Loch gegraben werden, das von oben ausgemauert wurde. Durch sein eigenes Gewicht rutschte das sogenannte Trockenmauerwerk nach.
Diese Bauweise macht auch die Funktionsweise des alten Brunnens deutlich. Denn der Schacht führte nicht bis zu einer Wasserstelle. Die schweren Bruchsteine wurden vielmehr ohne Mörtel gegeneinander verklemmt, so daß zwischen ihnen Ritzen blieben, das Ganze trotzdem aber Halt bekam. Durch die schmalen Hohlräume tropfte das kühle Naß aus mehreren wasserführenden Schichten auf die Sohle. „Das ist noch ganz deutlich zu erkennen“, beschreibt Erhard Schulze, „unten glitzern die Steine im Schein der Lampe ganz silbrig.“
Die „Seilschaft“ an der Niederstraße blieb von den Oerlinghausern nicht unbemerkt. Und unter dem Publikum fand sich auch ein sachkundiger alter Herr. „Aus dem Brunnen habe ich als Sechsjähriger noch Wasser geholt“, erinnert er sich an das Jahr 1911. Doch als die große Trockenheit in demselben Jahr kam, versiegte auch diese Quelle; widerspricht er der Auffassung, der Brunnen sei als einer der wenigen noch aktiv gewesen. „Wir mußten bis Landerbusch laufen und dort mit einem Eimer das Wasser holen.“ Schon relativ kurze Zeit nach der Trockenheit waren die Mühsalen vorbei: Oerlinghausen bekam eine zentrale Wasserversorgung, der alte Brunnen verschwand.
Daß an seiner Stelle nun möglicherweise ein neues Pumpenbauwerk errichtet wird, stieß unter den Zuschauern auf durchweg positive Resonanz. „Das ist sicherlich eine Bereicherung unseres Stadtbildes“, hieß es unter anderem. Der Platz an der Ecke Niederstraße/Hauptstraße könne sich harmonisch in den alten Stadtkern einfügen.