Diskussion um altes Pfarrhaus von Oerlinghausen geht weiter

 

Oerlinghausen. Architekt Günter Krügerke aus Oerlinghausen befaßt sich in einem Brief an die Redaktion mit dem „Vergutachten“ Thiele und „weiteren Einzelheiten, die für die Beurteilung der Gesamtsituation (in Sachen Pfarrhaus) von Wichtigkeit“ sind. Hier der Wortlaut des Schreibens von Architekt Günter Krügerke, der im Auftrag der evangelischen Kirche Pläne für ein neues Pfarrhaus erstellt hat, das auf dem Gelände, wo jetzt noch das Fachwerkhaus aus dem Jahre 1823 steht, errichtet werden soll:

„Der Initiator der Bürgerinitiative, Dr. Wachsmuth, Oerlinghausen, versucht durch das Vergutachten der Architekten Thiele, Bielefeld, den Erhalt des Pfarrhauses zu stützen, jedoch wird die objektive Basis nicht gefunden. Es ist nicht richtig von einem historischen Bauwerk auszugehen, da das alte Pfarrhaus nichts dergleichen erkennen läßt. Nur in der Baumasse kann die Relation zur Kirche positiv gesehen werden.

Auch das Vergutachten der Architekten Thiele, Bielefeld, in dem die Renovierungskosten mit 300.000 DM angegeben wurden, sollte den objektiven Leser nicht irreführen, da dieses Gutachten nur auf einer oberflächlichen Ortsbesichtigung basiert und dabei die wirtschaftliche Nutzung des Gebäudes gänzlich vernachlässigte. Es muß einfach davon ausgegangen werden, daß auch bei der Erstellung eines Vergutachtens nicht nur der bauliche Zustand, sondern auch die spätere Nutzung des betreffenden Gebäudes entsprechend berücksichtigt wird.

Wenn sich die Vergutachter mehr von diesen Gesichtspunkten hätten leiten lassen, wären sie sicherlich zu einer realen Summe gekommen, die bei etwa 750.000 DM liegen müßte. Weitere Einzelheiten sind für die Beurteilung der Gesamtsituation von Wichtigkeit:

  1. Keine Subventionierung durch die Lippische Landeskirche.
  2. Erstes Gespräch mit Herrn Bürgermeister Dreckshage und Herrn Dr. Wachsmuth auf Grund des im April 1973 eingereichten Abbruchantrages, am 18. Mai 1973.
  3. Ortsbesichtigung durch den Landeskonservator Dr. John, Münster, am 8. Oktober 1973, der für die Erhaltung des Pfarrhauses plädiert, jedoch ein unter Denkmalschutzstellen nicht befürworten kann. Bezuschussung bei Renovierung? Eine Zusage aus Mitteln der Denkmalspflege erfolgte bis zum heutigen Tage nicht.
  4. Auf Empfehlung des Landeskonservators wurde das Pfarrhaus der Stadt Oerlinghausen als Schenkung angeboten. Rat und Hauptausschuß lehnten die Annahme der Schenkung ab, da die Renovierungskosten, von Herrn Potthast - Stadtbauamt Oerlinghausen - mit 800.000 DM ermittelt, nicht vertretbar seien. Die von der Stadt Oerlinghausen, Herrn Potthast, ermittelten Renovierungskosten stützen sich auf die gegebenen baulichen Verhältnisse und das tatsächliche Bauvolumen, so daß die vom Verfasser genannten etwa 750.000 DM eine reale Basis bilden.“

Anmerkung: Die Diskussion um das alte Pfarrhaus, dessen Schenkung der Rat ausgeschlagen hat und das damit zum Abbruch verurteilt wurde, ist von der NEUEN WESTFÄLISCHEN an die Öffentlichkeit getragen und unter Berücksichtigung aller Standpunkte weiterverfolgt worden. Zum besseren Verständnis des gesamten Komplexes seien den sachlichen Äußerungen von Architekt Krügerke einige Argumente gegenübergestellt, Argumente, die nicht etwa Fronten verhärten, sondern dem besseren Verständnis dienen sollen:

So ist beispielsweise die Behauptung, der Initiator der Bürgerinitiative Dr. Wachsmuth-Melm (Ministerialrat) und Rektor a.D. Bruno Hunke wird merkwürdigerweise meistens unterschlagen) versuche durch das Vergutachten Thiele das Pfarrhaus zu erhalten, sachlich falsch, zumindest jedoch bedenklich. In den Aufruf und zahlreichen Veröffentlichungen geht es nicht um die Erhaltung des Pfarrhauses um jeden Preis, sondern zuerst um eine möglichst präzise Ermittlung der Renovierungskosten. Ob das Vergutachten Thiele nur auf einer oberflächlichen Ortsbesichtigung basiert, wie Krügerke behauptet, vermag der Verfasser dieser Anmerkung nicht zu beurteilen. Festzustellen bleibt allerdings, daß dieses „Vergutachten“ immerhin zwei engbeschriebene Schreibmaschinenseiten umfaßt, während das Gutachten des Stadtbauamtes nur aus einem ausgefüllten Vordruckblatt ohne jegliche Einzelangaben besteht.

  1. Die mögliche Nutzung konnte in dem Vergutachten nicht berücksichtigt werden, weil darüber im Rat überhaupt noch nicht öffentlich diskutiert worden ist. Inwieweit hat Herr Krügerke natürlich recht, bei dem offensichtlich präzise Vorstellungen von der Nutzung des Pfarrhauses bestehen, denn sonst wäre er nicht auf die Summe von 750.000 Mark gekommen.
  2. Wieso die Besprechung vom 18. Mai 1973 für die „Beurteilung der Gesamtsituation von Wichtigkeit“ sein soll, ist schleierhaft. Die Kirche hat das Pfarrhaus erst Anfang November 1973 zur Schenkung angeboten.
  3. Ein Denkmalschutzgesetz, auf das sich Architekt Krügerke beruft, gibt es in Nordrhein-Westfalen nicht. Landeskonservator Dr. John hat ein solches Gesetz frühestens für 1977 in Aussicht gestellt.
  4. Eine Bezuschussung von Renovierungskosten kann nur auf Antrag erfolgen. Ein Antrag ist jedoch nicht gestellt worden.
  5. In der letzten öffentlichen Sitzung hat Bauamtsleiter Potthast ausdrücklich bemerkt, daß seine Kostenschätzungen von 800.000 Mark einen Unsicherheitsfaktor enthielten, weil über die Nutzung des Pfarrhauses keinerlei Pläne bestünden.

 

Piet

[Bild: Das alte Pfarrhaus in Oerlinghausen hat eine Schokoladenseite...    Foto: Arbeiter]

[Bild: ...und eine (schiefer)graue Rückfront.      Foto: Arbeiter]