150 Jahre altes Haus soll Spitzhacke zum Opfer fallen

Interview mit Bürgermeister Dreckshage

 

Oerlinghausen. Das alte Pfarrhaus aus dem Jahre 1823 unterhalb der evangelischen Kirche soll abgerissen werden. Dieser Beschluß der evangelischen Kirchengemeinde ist wohl nicht mehr rückgängig zu machen, nachdem der Rat der Stadt mit Mehrheit in nichtöffentlicher Sitzung eine Schenkung des Gebäudes (unser Bild) ausgeschlagen hat. Über die Entscheidung des Rates gibt es unterschiedliche Meinungen. Bürgermeister Konrad Dreckshage fordert die Erhaltung dieses Gebäudes, das seiner Meinung nach in eine Altentagesstätte oder eventuell in ein „Deutsches Segelflugmuseum“ umgewandelt werden könnte. Die NW sprach mit dem Bürgermeister:

NW: Herr Bürgermeister Dreckshage, hat die letzte Stunde des alten Pfarrhauses an der evangelischen Kirche geschlagen oder ist der alte Fachwerkbau noch zu retten?

Dreckshage: Das kann man zum augenblicklichen Zeitpunkt noch nicht genau sagen. Es scheint allerdings so, als müsse das Haus abgerissen werden.

NW: In der letzten Ratssitzung wurde vom SPD-Ratsherrn Werner Koch diese Frage im öffentlichen Teil aufgeworfen. Später soll dann nichtöffentlich weiterverhandelt worden sein...

Dreckshage: Das stimmt, wir haben allerdings nur kurz darüber diskutiert...

NW: Die evangelische Kirchengemeinde hat der Stadt das Pfarrhaus als Geschenk angeboten und der Rat soll mit überwiegender Mehrheit der SPD-Fraktion die Schenkung ausgeschlagen haben.

Dreckshage: Ich darf zwar normalerweise aus „geschlossenen“ Sitzungen nicht berichten. Aber in diesem Falle ist doch so viel an Gerüchten im Umlauf, daß ich dazu doch einiges sagen muß. Es stimmt leider: Der Rat hat die Schenkung mit knapper Mehrheit abgelehnt.

NW: Sie sagen „leider“. Heißt das, daß Sie persönlich gegen diesen Beschluß waren?

Dreckshage: Das ist inzwischen kein Geheimnis mehr. Ich bin der Ansicht, wir sollten versuchen, dieses Kleinod für Oerlinghausen auf jeden Fall zu erhalten. Das alte Pfarrhaus stammt aus dem Jahre 1823 und paßt ausgezeichnet in den historischen Kern der über 900 Jahre alten Stadt.

NW: Nun soll das Pfarrhaus im Innern ziemlich verkommen sein. Was müßte die Stadt Ihrer Schätzung nach aufwenden, um das Haus wieder herzurichten?

Dreckshage: Da schwanken die Angaben zwischen 250.000 und 800.000 Mark. Die erste Zahl stammt aus dem Jahre 1972, die letzte hat unser Bauamt in einer überschlägigen Rechnung ermittelt.

NW: Herr Dreckshage, welche Pläne hätten Sie mit dem alten Pfarrhaus?

Dreckshage: Man könnte meines Erachtens eine ganze Menge darauf machen. Mein persönlicher Wunsch wäre es, wenn wir hier eine Altentagesstätte einrichten würden. Dies hätte unser „Arbeitskreis für ältere Mitbürger“, in dem sich wöchentlich durchschnittlich 200 Bürger treffen, endlich ein eigenes Haus.

NW: Natürlich wäre die Stadt bei der derzeitigen finanziellen Situation nicht in der Lage, die Renovierungskosten allein zu tragen. Gibt es Interessenten, die möglicherweise eine solche Altentagesstätte betreiben würden?

Dreckshage: Die Arbeiterwohlfahrt für den Bezirk Östliches Westfalen in Bielefeld hat beispielsweise großes Interesse daran, geeignete Räumlichkeiten für die Altenbetreuung zu schaffen.

NW: Sind seitens der Stadt schon konkrete Verhandlungen mit der Arbeiterwohlfahrt geführt worden?

Dreckshage: Leider nicht. Das Thema Pfarrhaus kam sehr schnell in den Rat und wurde leider auch sehr schnell zu den Akten gelegt. Meines Erachtens ist das Thema nicht hinreichend diskutiert worden. Die Ratsmehrheit hat die Schenkung ein wenig voreilig ausgeschlagen. Man hätte mehr Zeit haben müssen, um die tatsächlichen Sanierungskosten zu untersuchen.

NW: Herr Dreckshage, was könnte man Ihrer Meinung nach noch aus dem alten Pfarrhaus machen?

Dreckshage: Außer der Altentagesstätte, die ich wie gesagt für vordringlich halte, hätte man eventuell auch ein Museum dort einrichten können. Ich habe in einem Gespräch mit einem leitenden Herrn des Düsseldorfer Verkehrsministeriums dortige Kreise für den Gedanken eines „Deutschen Segelflugmuseums“ interessieren können. Wir haben den größten Segelflugplatz der Welt. Eine solche Einrichtung stünde uns als Segelfliegerstadt gut an und wäre sicherlich auch eine weitere Attraktion für den Fremdenverkehr. Außerdem gibt es in Oerlinghausen Schätze des Stadtarchives, die es wert sind, einer breiten Öffentlichkeit bekanntgemacht zu werden statt in den Kellern zu vermodern.

NW: Was muß Ihrer Meinung nach getan werden, um das Pfarrhaus noch zu retten?

Dreckshage: Erst einmal brauchen wir ein wenig mehr Zeit, um die präzisen Kosten zu ermitteln. Dann sollten wir noch einmal im Rat darüber sprechen, wozu wir allerdings eine Zweidrittelmehrheit brauchten, und mit den Trägern sozialer Belange Gespräche hinsichtlich der Schaffung einer Altentagesstätte aufzunehmen. Auch Verhandlungen mit anderen möglichen Zuschußgebern dürften nicht aussichtslos sein. Ich denke beispielsweise an den Landesverband Lippe und den Landeskonservator. Ich bin der Meinung, wir sollten alles tun, um dieses Stück Alt-Oerlinghausen der Nachwelt zu erhalten.

[Bild: Das alte Parrhaus.          Foto: Burkamp]

Piet