Wer waren die Weerths?

Straßennamen und ihre Bedeutung (IV) - Die Entwicklung der berühmten Familie schildert Bruno Hunke

 

Oerlinghausen. Die Weerthstraße im Oerlinghauser Stadtkern ist eigentlich eine Nebenstraße. Doch Hunderte von Kindern müssen täglich diesen Weg nehmen, um zum Schulzentrum zu kommen. Wer war eigentlich die Weerth-Familie, nach der diese Straße benannt wurde und welche Bedeutung hatte sie für Oerlinghausen. Bruno Hunke, Rektor i. R. der Oerlinghauser Volksschule und einer der besten Kenner der lippischen Heimat, schildert in der Reihe „Straßennamen und ihre Bedeutung“ die Geschichte der Familie Weerth. Hier sein Bericht.

Woher der Name Weerthstraße? Die an der Hauptschule vorbeiführende Weerthstraße hat ihren Namen erhalten, um an die Familie Weerth zu erinnern.

Der erste „lippische“ Vertreter dieser Familie war der Generalsuperintendent Ferdinand Weerth. Die noch heute geschätzte Fürstin Pauline hatte ihn im Jahre 1805 aus Kettwig nach Lippe berufen. Ihm wurde die Leitung der Landeskirche und des lippischen Schulwesens übertragen. Ferdinand Weerth hat die in ihn gesetzten Hoffnungen der fortschrittlichen Fürstin nicht enttäuscht. Vor allem hat er ein für die damalige Zeit vorbildliches Schulwesen im Pestalozzi-Geist geschaffen. Aus Dankbarkeit haben ihm die lippischen Lehrer 1901 vor dem alten Lehrerseminar in Detmold ein steinernes Denkmal gesetzt.

Sein Sohn Wilhelm Weerth war viele Jahre (1842−44 und 1852−84) als Seelsorger in Oerlinghausen. Er war zuletzt Superintendent und hat in unserer Kirchengemeinde segensreich gewirkt. Er ließ 1878 die Alexanderkirche renovieren und den alten Satteldachturm durch den heutigen 53 m hohen Turm ersetzen. Als Lokalschulinspektor sorgte er für die Volksschulen der Oerlinghauser Kirchengemeinde und gründete 1857 die „Rektorschule“, die Vorläuferin des heutigen Gymnasiums.

Sein Bruder Professor Dr. Carl Weerth gab am Detmolder Gymnasium Naturwissenschaft und Mathematik. Er war 1835 Mitbegründer und treibende Kraft des „Naturwissenschaftlichen Vereins für das Fürstentum Lippe“ und des Museums, Vorläufer des heutigen Landesmuseums. Mit großem Eifer sammelte er über 50 Jahre Ausstellungsstücke für sein Museum. Dabei war ihm vor allem sein Bruder Georg Weerth, der bekannte Dichter des Vormärz, behilflich. Dieser reiste als Kaufmann sehr oft nach Übersee. Von dort, besonders aus Süd- und Mittelamerika, schickte er viele exotische Raritäten für das Museum. Carl Weerth wandte sich auch an seinen Freund, den Dichter Ferdinand Freiligrath, der damals in London im Exil lebte. Freiligrath hat ihm viele wertvolle Museumsstücke aus England geschickt. Im heutigen Landesmuseum, in der Naturkundeabteilung, hat Professor Dr. Hansen ein „Historisches Naturalienkabinett“ eingerichtet, das an die Frühgeschichte des Museums erinnert. Carl Weerth war bis zu seinem Tode 1889 Leiter des Museums.

Er hatte sich einen würdigen Nachfolger ausgesucht und herangebildet, seinen Neffen Professor Dr. Otto Weerth. Dies war der älteste Sohn unseres Oerlinghauser Superintendenten Wilhelm Weerth. Nach der Pensionierung seines Onkels Carl bekam Otto Weerth 1876 dessen Stelle am Gymnasium. Er arbeitete viel mit seinem pensionierten Onkel in seiner Freizeit zusammen. So war es selbstverständlich, daß nach Carls Tode Otto Weerth zum Leiter des „Naturwissenschaftlichen Vereins“ und des Museums gewählt wurde. Er war ein anerkannter vielseitiger Gelehrter: Naturwissenschaftler, Archäologe und Historiker. Er hat sehr viele wissenschaftliche Arbeiten veröffentlicht. Noch mit 79 Jahren gab er die „Geologie des Landes Lippe“ heraus. Sein Lieblingsgebiet war die Paläontologie (Lehre von den ausgestorbenen Lebewesen). Unermüdlich suchte er überall Versteinerungen von Tieren und Pflanzen für sein Museum. So hat er in den Sandsteinbrüchen des Tönsbergs viele bis dahin unbekannte Fossilienarten entdeckt. Diese Arten, die man anderwärts noch nicht gefunden hatte, bekamen zum Teil Namen, welche auf die Heimat hinweisen. Ich führe einige dieser wissenschaftlichen Namen an: Dicoerobhanus lippicus Weerth, Dicoerobhanus Tönsbergensis Weerth, Dicoerobhanus Oerlinghusanus Weerth, Hoplites Teutoburgiensis Weerth. Nach der Veröffentlichung dieses letzten wissenschaftlichen Werks nahmen seine Kräfte ab. Zu seinem 80.80. Geburtstag hat ihn seine Vaterstadt Oerlinghausen 1929 zum Ehrenbürger ernannt. Darüber hat er sich sehr gefreut. Er starb 1930.

Sein Sohn, Studienrat Karl Weerth, Detmold, war Historiker. Er war ein eifriges Vorstandsmitglied im „Naturwissenschaftlichen und Historischen Verein für das Land Lippe“. Im Jahre 1948 gründete er mit Staatsarchivdirektor Dr. Kittel unseren Oerlinghauser Zweigverein des „Naturwissenschaftlichen und Historischen Vereins“. Der erste Vorsitzende dieses Ortsvereins war unser Altbürgermeister August Reuter. Karl Weerth hat in diesem Verein im Laufe der Jahre mehrere historische Vorträge gehalten. Er freute sich immer, wenn er in der Heimatstadt seines Vaters mit uns Oerlinghausern plaudern konnte über die Geschichte unserer Bergstadt. Er starb im Jahre 1959.

So verdankt unserer Heimat dieser Familie Weerth sehr viel auf kirchlichem, schulischem und wissenschaftlichem Gebiet. Darum sei unsern Stadtvätern gedankt, daß sie 19581958 auf Vorschlag des Lehrerkollegiums der Volksschule den Namen „Weerthstraße“ wählten.

[Bild: Die Weerthstraße in Oerlinghausen: Hunderte von Schülern gehen hier täglich zum Schulzentrum.                Foto: Burkamp]