Lange Debatten im Oerlinghauser Stadtrat über den Standort eines neuen Gymnasiums

Oerlinghausen kann ein solches Projekt nicht aus eigener Kraft finanzieren

 

Oerlinghausen. Den Rat der Stadt beschäftigte gestern abend in öffentlicher Sitzung die Standortfrage eines neuen Gymnasiums. Bereits im Jahre 1962 wurde im Stadtrat ein Beschluß gefasst, das bisherige Progymnasium in ein Vollgymnasium umzuwandeln. Das Kultusministerium hatte seinerzeit seine Genehmigung erteilt unter der Voraussetzung, daß in absehbarer Zeit ein neues Gymnasium errichtet wird. Damals glaubte man noch mit einem neunklassigen Gymnasium für 3,3 bis 3,5 Millionen DM auszukommen. Die Zahl der Schüler ist allerdings in den letzten Jahren derartig angewachsen, daß am Gymnasium bereits 12 Klassen bestehen und für 1967 380 Schüler in 14 Klassen erwartet werden. Deshalb sei ein zweizügiges Gymnasium mit 18 Klassen und allen erforderlichen Nebeneinrichtungen geboten. Ein solches Projekt allerdings würde etwa 6 bis 8 Millionen DM kosten. Stadtdirektor Otto Will bekannte gestern offen in der Ratssitzung, daß Oerlinghausen Kosten in dieser Höhe nicht verkraften könne, selbst wenn das Land 75 Prozent der Bausumme übernehme. Aus diesem Grunde soll ein Antrag gestellt werden, durch den das Land Nordrhein-Westfalen ersucht werden soll, die Trägerschaft für das Gymnasium zu übernehmen.

Bürgermeister Heinrich Schildmann ging eingangs der Debatte noch einmal auf die Ursachen der Schulraumnot in Oerlinghausen ein. Der stete Bevölkerungszuwachs seit Ende des Krieges und der Bau der Oerlinghauser Südstadt für etwa 6.000 Menschen seien die beiden Hauptfaktoren für das Anwachsen der Schülerzahl. Vor 15 Jahren wurde die damalige Rektorschule in ein Progymnasium umgewandelt. Vor 10 Jahren baute die Stadt eine neue Volksschule, und 1963 wurde der Beschluß zu einem Vollgymnasium gefasst.

Bereits vor einigen Monaten hatte sich der Rat der Stadt mit dem Standort des neuen Gymnasiums befassen müssen. Damals standen drei Projekte zur Debatte: das Gelände unterhalb der Volksschule, ein Gebiet unterhalb der Kirche und das Gebiet „Grüte“. Eine Kommission hatte damals herausgefunden, daß sowohl das Gelände unterhalb der Volksschule, als auch das Gebiet „Grüte“ für den Bau eines neuen Gymnasiums geeignet sei. Hier ergibt sich allerdings folgendes Problem: Das 34.000 qm große Gelände an der „Grüte“ ist mittlerweile ins Eigentum der Stadt übergegangen. Das Gelände unterhalb der Volksschule hingegen befindet sich in Privatbesitz und würde etwa 1 Million DM kosten, falls der Besitzer sich überhaupt bereit erklärt, das Gebiet abzutreten. Stadtdirektor Otto Will war der Meinung, daß für ein zweizügiges Gymnasium ein Gelände von mindestens 25.000 qm zur Verfügung stehen müsse. Dabei sind 12.000 qm für das Gebäude selbst und weitere 10.000 bis 12.000 qm für einen Sportplatz vorgesehen.

Studiendirektor Winter vom Städtischen Gymnasium hatte sich mit einer Eingabe an den Regierungspräsidenten in Detmold gewandt und in einem Schreiben auf die katastrophalen Verhältnisse am Oerlinghauser Gymnasium hingewiesen. Von den 11 Gymnasien des ehemaligen Landes Lippe verfüge die Oerlinghauser Anstalt über die weitaus schlechtesten Räumlichkeiten, schreibt Studiendirektor Winter. Das Gymnasium ist praktisch an drei verschiedenen Stellen untergebracht. Einmal wird in dem in den fünfziger Jahren errichteten Erweiterungsbau, zum anderen in der alten Volksschule und in den Räumen der Bundesanstalt der Unterricht abgehalten.

Ratsmitglied Hermann Dirkshof (FDP) führte ein Beispiel aus der hessischen Universitätsstadt Gießen an, wo ein Gymnasium für 500 Schüler auf einer 14.000 qm großen Grundfläche gebaut worden ist. Diekhof stellte zur Debatte, ob es nicht vielleicht doch möglich sei, das jetzige Schulgelände für ein neues Gymnasium zu verwenden. Stadtdirektor Will konnte jedoch erwidern, daß sich im Eigentum der Stadt nur ein 7.000 qm großes Gelände befindet, während die anderen Flächen im Privatbesitz sind.

Ratsmitglied Dr. Dorn (SPD) stellte die Notwendigkeit eines Gymnasiumneubaues klar heraus. Dr. Dorn setzte sich für ein Gymnasium ein, das über ausreichende Räumlichkeiten verfügen müsse, aber nicht aufwendig gebaut werden solle. Auch seine Fraktion habe früher einmal an eine Art Schulzentrum (Gymnasium und jetzige Volksschule) gedacht. Diese Vorstellungen habe man jedoch fallengelassen, nachdem bekanntgeworden sei, daß die innere Entlastungsstraße dieses Zentrum in zwei Hälften teilen würde.

Nach fast zweistündiger Beratung faßte der Stadtrat gestern abend den Beschluß, die „Grüte“ als Standort für ein neues Gymnasium auszuweisen.

Piet.