Bielefelder Architekten in einem Vorgutachten: Pfarrhaus läßt sich für 300.000 DM renovieren!
Schon 500 Unterschriften der Bürgerinitiative - Diplom-Ingenieur Thiele: Pfarrhaus erhalten!
Oerlinghausen. Die Kostensituation für das Pfarrhaus, das die Evangelische Kirchengemeinde der Stadt zum Geschenk angeboten hatte, wird immer undurchsichtiger. Nachdem die Stadt vor einiger Zeit ursprüngliche Kosten von 290.000 Mark ermittelt hatte, gab Bauamtsleiter Friedel Potthast jetzt rund 800.000 Mark an. Ratsmitglied Bunte (SPD) sprach in der letzten Sitzung sogar von Kosten in Höhe von 1,5 Millionen Mark, ohne jedoch nähere Quellen für seine Ermittlungen zu nennen. Die Bielefelder Architekten und Diplom-Ingenieure Hanns Christian Thiele und Jette Thiele sind jetzt in einem Vorgutachten auf Renovierungskosten in Höhe von 300.000 Mark gekommen. Das Gutachten wurde dem Initiator der Bürgerinitiative, Dr. Carl-Ludwig Wachsmuth-Melm, übersandt. Die Bürgerinitiative, die sich in ihrem Aufruf für eine Überprüfung der Kosten und ein neutrales Gutachten einsetzt, hat inzwischen über 500 Unterschriften gesammelt.
In dem Vorgutachten der Bielefelder Architekten wird der Zustand der „konstruktiven Teile des 150 Jahre alten Fachwerkhauses in seinem konstruktiven Bestand als durchaus gut anzusehen“ bezeichnet. Unter gewissen Voraussetzungen sei es ohne weiteres möglich, das Gebäude weitere 50 Jahre nach heutigen Gesichtspunkten zu nutzen.
Die Bielefelder Architekten kommen zu dem Ergebnis, daß das teilweise aus Eichenholz oder gutem Nadelholz bestehende Gefüge nur äußerlich vom Wurm befallen sei. Lediglich an den Außenwänden seien in einigen Balken schadhafte Stellen festzustellen gewesen, die allerdings bereits durch Blech geflickt seien.
Wörtlich heißt es in dem Vorgutachten weiter: „Zwischenböden und Dielen allerdings müßten im südlichen Teil des Gebäudes über der Deele und dem ehemaligen Stall ersetzt werden. Ebenso müßte in diesem Teil der gesamte innere Wandverputz erneuert werden. Das darunter z. T. freiliegende Gebälk ist in gutem Zustand. Einen Abriß selbst dieses Gebäudeteiles halte ich für nicht empfehlenswert. In dem übrigen Gebäude sind erforderlich: Malerarbeiten insgesamt, Fußbodenarbeiten teilweise, Ausbesserungen des Wandputzes, teilweise Reparatur bzw. Auswechslung von Fenstern. Die vorhandene Heizungsanlage ist nur für einen kleinen Teil des Gebäudes ausgelegt. Für die Beheizung des gesamten Bauwerks ist eine wesentlich größere Anlage als die jetzige von 40.000 kcal Leistung einzubauen. Eine Gasheizung ist empfehlenswert. Sämtliche Heizflächen sind infolgedessen in ca. ⅓ des Gebäudes, desgleichen die sanitäre Installation, sofern weiterhin Wohnnutzung vorgesehen ist, zu ergänzen. Das Dach ist in gutem und verwendbarem Zustand.
Unter Berücksichtigung der vorgesehenen Baumaßnahmen veranschlagen wir eine Summe von ca. 300.000 DM Renovierungskosten. Die Erhaltung des Gebäudes ist abgesehen von der Notwendigkeit, daß mit öffentlichen Mitteln sparsam umgegangen wird, aus städtebaulichem und kulturellem Grunde dringend zu empfehlen. Das Pfarrhaus bildet zusammen mit der Kirche eine unverwechselbare Einheit über dem Schopketal und ist von diesem sowie der Umgehungsstraße des Ortes von Südwesten bis Nordosten beherrschend einzusehen. Im Zuge der Beruhigung des Ortskerns von Oerlinghausen nach Fertigstellung der Umgehungsstraße wird jede städtebauliche Maßnahme darauf hinzielen, diese Teil des Ortes in seiner Kleinmaßstäblichkeit mit der historischen Bausubstanz zu erhalten. Eine Gruppe von Neubauten in diesem dominierenden Bereich erscheint uns nicht notwendig. Neubauten können peripherer angeordnet werden, da der Ortskern hier gleichzeitig Stadtrand bildet.“
Hanns Christian Thiele gehört zum Vorstand der Bezirksgruppe des Bundes Deutscher Architekten in Ostwestfalen. Dieses Gremium hat eine Arbeitsgruppe für städtebauliche Fragen gebildet, die bereits in Herford, Wiedenbrück und Detmold anliegenden historischen Städten Untersuchungen angestellt hat. Ziel der Arbeitsgruppe ist es, wie Dipl.-Ing. Thiele mitteilte, besonders solch gefährdeten Fällen nachzugehen. Die Architektengemeinschaft will sich für die Erhaltung historischer Bauten einsetzen. Das Architektenbüro Thiele ist nach einem gutachterlichen Wettbewerb in dieser speziellen Angelegenheit auch in Herford tätig.