Zementfabrik am Tönsberg kam nur langsam in Schwung
Die Suche nach Bodenschätzen in Oerlinghausen (2): Konkurs und Todesfall schon vor dem Start
Oerlinghausen. Bodenschätze und die Suche danach haben in den vergangenen Jahrhunderten in der Bergstadt eine nicht unerhebliche Rolle gespielt. Dabei wurde nach Steinkohle und Eisenerz gegraben. Nebenbei bohrte man Heilquellen an, legte Schieferlagen frei und errichtete eine Zementfabrik. Über die Entwicklung dieser Fabrik berichtet Werner Höltke im zweiten Teil des historischen Rückblickes.
1910 verkaufte Eduard Basse das Gut Wistinghausen an die Berliner Landbank, die wiederum an die Familie Hangel veräußerte. Als Vermittler betätigte sich ein Herr Krumpelmann, der dafür ein 128 Morgen großes Grundstück mit dem Schiefervorkommen am Tönsberg erhielt. Von den Bauern Wilhelm Hanke und Hans Ober wurde im September 1911 eine weitere Grundstücksfläche erworben, auf der Fabrikanlagen, ein Wohnhaus mit Büros und ein Verbindungsweg zwischen Fabrik und Oerlinghausen erstellt werden sollen.
Nach gewaltigen Erdbewegungen, bei denen im Winter 1910/1911 viele Ziegler aus Oerlinghausen und Umgebung mithalfen, wurde als Verbindungsweg vom Schiefersteinbruch zur neu zu bauenden Fabrik ein Damm aufgeschüttet. Dabei müssen schätzungsweise 14.000 Kubikmeter Erde und Gestein aufgeschüttet worden sein. Für damalige Verhältnisse eine gewaltige Menge. Der Schieferbruch bekam den Namen „Mathilde“.
Um einen Verbindungsweg zwischen dem Schieferabbau und der Schieferverarbeitung herzustellen, wurden auch 300 Meter der alten unteren Herrmattstraße, damals Badstraße, neu verlegt. Leider mußte hierfür das Haus „Hanke Haisel“, ein altes Fachwerkhaus, abgerissen werden.
Eduard Busse, der mit einem Teil seines Geldes vom Verkauf des Gutes Wistinghausen das Objekt mitfinanzierte, leitete mit Krumpelmann die Arbeiten am Gut Wistinghausen aus. Aber bereits vor Fertigstellung der Anlagen mußten die beiden Konkurs anmelden. Krumpelmann hat dies gesundheitlich so mitgenommen, daß er ein Jahr später verstarb. Den Betrieb übernahm die Berliner Landbank, und Otto Simon, einer ihrer Direktoren, wurde Geschäftsführer. Er bezog eine Wohnung und ein Büro im gekauften Hause „Wilder Jäger“.
Am Anfang hatte man mit der Fertigstellung des Betriebes zu tun, damit eine Produktion in Gang kam. Ein tragisches Unglück ereignete sich beim Einschalen eines Betonträgers. Der Zimmermann Koch aus Oerlinghausen war abgestürzt und seinen schweren Verletzungen erlegen. Großer Schwung kam in der ersten Zeit in den Betrieb nicht hinein.
Bei der Produktion von Schieferöl und Zement fiel am Anfang sehr viel Abfall an. Auf die Frage von Wilhelm Hanke an den Arbeiter Wilhelm Kampmann, wo der Abfall bliebe, antwortete dieser: „Das geht alles ins Bergische“. Hiermit meinte er nicht das Absatzgebiet der Oerlinghauser Möbelindustrie, sondern es wurden Löcher in der Umgebung aufgefüllt. Inzwischen war es dem Chemiker Otto Tekens mit seinem Mitarbeiter Meier aus Oerlinghausen gelungen, wasserdicht wirkenden Zement herzustellen, und eine kleine Produktion kam in Gang. Für seine Erfindung soll Tekens von der Zementindustrie 10.000 Mark erhalten haben.
Der fein geschriebene Schieferbruch war ein Kalk und verschiedenen Zutaten gemischt und in Spezialöfen gebrannt. Das entstandene Produkt „Antiaquazement“ wurde im Verhältnis 4:1 normalem Zement beigemischt. Bei der Umsetzung der Laborversuche in Betrieb ging es nicht ohne Rauch- und Geruchsbelästigungen zu. Die Gemeinde Oerlinghausen und vor allem die Inhaber der Firma Weber erhoben Einspruch gegen den Betrieb, wobei letzteren die höheren Löhne ein Dorn im Auge waren.
In einem Beschwerdebrief an das Fürstliche Verwaltungsamt schreibt der Oerlinghauser Gemeindevorstand: „Wir erhalten gerade deswegen Besuch der vielen Sommerfrischler und Sonntagsausflügler, weil unsere Luft besser ist als diejenige der Städte, und wir sind verpflichtet, alles zu tun, um diese wertvolle Einnahmequelle zu erhalten“. Da man sich im ersten Weltkrieg befand und die Firma Schieferöl aus Schiefer herstellen wollte, ließ die lippische Regierung diesen Einspruch nicht gelten. Das Schieferöl war ein Produkt von vielen Versuchen und soll nur beim Stapellauf von Schiffen als Gleitöl gedient haben.
Erschwerend für die Produktion war Ende des Krieges der Arbeitskräftemangel, und für Kalibohrungen rund um Wistinghausen warb der Schlachtermeister Grosche auch einige Leute durch Zahlung höherer Löhne ab. Die lippische Regierung ließ sich die erfolglosen Kalibohrungen fast 1,8 Millionen Mark kosten. Wieviel Zement in der Fabrik produziert wurde, ist nicht bekannt. Ein Auftrag von 200 Zentner „Antiaquazement“ im Februar 1918 für Küstenschutzbauten in Norderney ist sicher erwähnenswert. Bezeichnend für den Zustand des Werkes war, daß auf den verlegten Feldgleisen die Loren mit dem Schiefer vom Steinbruch bis zur Fabrik von einem Ochsen gezogen wurden.
Als sehr kostenträchtig stellte sich die Versorgung der Zementfabrik und des Bürohauses mit Gebrauchs- und Trinkwasser heraus. Das Trinkwasser wurde durch eine Rohrleitung von der Quelle des Haferbaches am „Wilden Jäger“ bezogen. Nur für die Genehmigung der Rohrleitung, die auf der Tönsbergseite der unteren Herrmannstraße verlegt wurde, mußte die Zementindustrie 28 Mark an die Gemeinde Oerlinghausen zahlen.
Das Gebrauchswasser floß von mehreren Quellen am Tönsberg in einen Teich mit einer Absperrmauer versehenen Teich unterhalb des sogenannten Blockhauses. Von dort wurde es mit einer Wasserhebeanlage durch eine Rohrleitung in ein 200 m3 fassendes eingemauertes Becken vor der Zementfabrik geleitet.