Autobahnbrücke Lämershagen fertiggestellt
Feierliche Übergabe am 2. Juli - 40.000-Zentner-Pfeiler wurden bewegt - Wiederaufbau kostete eine Million DM
Der Wiederaufbau der zerstörten Autobahnbrücke bei Lämershagen, der vor einem Jahr in Angriff genommen wurde, geht in diesen Tagen seinem Ende entgegen. Am Sonntag, dem 2. Juli, wird die Brücke dem Verkehr wieder übergeben werden. Aus diesem Anlaß werden Vertreter der Bundesautobahnverwaltung in Offenbach, der Landesregierung und andere Behörden anwesend sein. Auch der Präses der Evangelischen Kirche Westfalens hat sein Erscheinen zugesagt und dem Festakt wird ein Feldgottesdienst in der Nähe der Baustelle vorausgehen. Der kurzen, aber dramatischen Geschichte dieses Bauwerkes, das zu den größten und wichtigsten Brückenbauten unserer Heimat zählt, wurde mit dem Wiederaufbau ein neues Kapitel angefügt, über das wir im folgenden berichten.
Nur wenige Tage vor der Kapitulation des 8. Mai 1945 ereignete sich an der Autobahn-Talbrücke in Lämershagen eine Katastrophe, deren unheilvolle Folgen in diesen letzten Tagen des Wirrwars noch niemand endgültig übersah. Sprengungen sollten den Vormarsch der Amerikaner aufhalten und zerstörten neben der Brücke im Teutoburger Wald beim Gasthaus Deppe die Autobahntalbrücke. Der dritte der sechs 15 m hohen Pfeiler stürzte in sich zusammen. Beide Fahrbahnen, bestehend aus sieben Feldern, die auf Rollen gelagert sind, schoben sich nach der Mitte zu. Was blieb, war ein wüstes Durcheinander unvorstellbarer Eisenstütze und Betonklötze. Der gesamte Verkehr auf der Autobahn mußte stillgelegt werden, ebenso der Durchgangsverkehr auf der Bundesstraße 63 zwischen Hillegossen und Oerlinghausen.
Die Amerikaner begannen sofort mit einer provisorischen Wiederherstellung. Lastwagen und Fuhrwerke wurden eingesetzt, die in pausenlosem Einsatz die gähnenden Lücken mit 80.000 cbm Erde füllten. 14 Tage später rollte der Verkehr wieder über beide Fahrbahnen.
Man hatte es jedoch versäumt, für genügend Rohre zur Ableitung des sich in dem Tal aus Richtung Oerlinghausen ansammelnden Wassers zu sorgen, denn die aufgeschüttete Erde bildete einen regelrechten Damm, der immer tiefer sank, und die Fahrbahn rutschte erklärlicherweise nach. So entschloß man sich schließlich zu einem richtigen Wiederaufbau.
Zwei amerikanische Behelfs-Brücken, auf jeder Fahrbahn eine, nahmen den Verkehr in Nord- und Südrichtung auf. Dann erst konnte man daran gehen, den ganzen Boden mühsam herauszubaggern.
Zunächst wurde die Südbahn mit den gesprengten Pfeilern 1, 2, 3 und 4 erneuert. Der Boden wurde weggebaggert und man mußte dabei feststellen, daß der Pfeiler 2 völlig fehlte, während der Pfeiler 2 sich um 40 cm verschoben hatte. Die beiden 15 m hohen Pfeiler werden neu erstellt. Vor dem Anschluß der heil gebliebenen Felder 5, 6 und 7 war ihre Einsetzung in die alte Lage notwendig. Jedes dieser Felder mit einem Gewicht von 1.850 t mußte zunächst um 18 cm gehoben und dann um 46 cm zurückgeschoben werden, um es wieder auf die alten Rollenlager setzen zu können. Fünf Monate später, am 18. Dezember 1949 wurde die Südbahn dem Verkehr übergeben und mit dem Bau der Nordbahn begonnen. Er gestaltete sich einfacher, da nur die Felder 4 und 8 zu ersetzen waren. Die übrigen Felder mußten jedoch ebenfalls geschoben und in die alte Lage gerückt werden.
Bei einer Länge von insgesamt 242,50 m und einer Breite der beiden Fahrbahnen von 22,70 m waren für die Wiederherstellung der Brücke gewaltige Mengen Material notwendig. Der Muschelkalk wurde wie bei der Erbauung aus Ochsenfurt am Main herbeigeschafft. 70 Mann hatten während der ganzen Zeit Beschäftigung. In den Tagen des Betonierens arbeitete man sogar in Tag- und Nachtschichten.
850 cbm Stahlbeton waren für die Südbahn, 200 cbm für die Nordbahn erforderlich. Die mit Preßluft betriebenen Abbauhämmer dröhnten zuweilen bis tief in die Nacht hinein, um die alte Fahrbahndecke zu entfernen. Eine Anzahl Sprengungen erleichterten die notwendigen Abbrucharbeiten. Der Kostenaufwand des Wiederaufbaus beläuft sich auf 1 Million DM. Die Brücke lagert auf insgesamt 42 Rollen und ist dadurch nicht starr. Eine besondere Eisenkonstruktion aus Beton und Eisen ermöglicht das Ineinanderschieben und Ausdehnen der Brücke während der warmen und kalten Jahreszeit. Den größten Anteil an den Wiederaufbauarbeiten hat die Firma Dyckerhoff & Widmann, Bielefeld, die in unermüdlichem Einsatz aller Kräfte binnen kürzester Zeit dieses mächtige Bauwerk wieder erstehen ließ.
[Bild: Harmonisch fügt sich die Pfeilerreihe der wiederhergestellten Lämershagener Autobahnbrücke in die Talsenke ein.]