Rollkrug oder Zollkrug?
Als an der preußisch-lippischen Grenze noch der Schmuggel blühte
Der Rollkrug an der preußisch-lippischen Grenze hat in dem jungen Bielefelder Gastwirt Walter Drees einen neuen Pächter bekommen, der nach notwendigen Renovierungsarbeiten den historischen Krug in eine gepflegte Gaststätte verwandelt hat. Über die Bedeutung des Rollkruges, der u. a. einer alten Landkarte auch einmal „Zollkrug“ geheißen haben soll, stellte uns der frühere Bürgermeister der Bergstadt Oerlinghausen, August Reuter, interessantes Material zur Verfügung, das wir im Auszug wiedergeben.
„Es darf ohne weiteres angenommen werden, daß der Rollkrug auch eine Zollstation war, denn keine 300 Meter davon entfernt verläuft ja die Grenze zwischen Preußen und Lippe, die an der Landstraße durch einen hohen Grenzstein bezeichnet wird. So viele Autofahrer sehen sich verwundert nach dieser verwitterten Säule um und stellen dann mit Befriedigung fest, daß sie nun im ‚Ausland‘ sind.
Daß der Rollkrug eine alte Zollstelle war, wird gern zugestanden, aber den Namen ‚Zollkrug‘ hat er im Volke nie geführt. Er ist Anfang des 19. Jahrhunderts (nach G. Buschmann) vom Meier zu Ubbedissen auf dessen Lande genannt: die ‚Rulle‘ oder der ‚Rollkamp‘ - erbaut worden und hieß seitdem Rollkrug, plattdeutsch: ‚Rollkrooch‘. Die alte Flurbezeichnung hat dem Krug den Namen gegeben.
Für die Leute an der Grenze ist der ‚Zollkrug‘ immer von besonderem Interesse gewesen, nicht wegen des erquickenden Trunkes, sondern wegen des Zolles. Die ‚erdre‘ Straße ging am Rollkrug vorbei, aber die Oerlinghauser kannten alle auch geheime Wege ins ‚Ausland‘ - nach Preußen, und diese waren krumm und holperig, sie gingen durch Gebirge und durch die einsame Senne. Auf ihnen ist geschmuggelt worden oder wie man früher sagte: der Zoll ‚verfahren‘ worden in unzähligen Fällen. Allerdings glaube ich, daß durch die Senne viel mehr Ware nach Preußen geschmuggelt worden ist, als durch das Gebirge bei Grastrup.“
Grote, der Besitzer des bekannten Bartelskruges in der Senne, nannte sich zu damaliger Zeit „herrschaftlicher Zollverwalter“ und beklagte sich des öfteren über seinen Nachbarn, den Jakobskrüger, weil dieser den Kärnern gestatte, über seinen Acker zu fahren und so den Zoll zu umgehen. Grenzbeamte standen Grote nicht zur Verfügung.
Professor Dr. Otto Weerth schreibt über die Zollstelle im Bartelskrug folgendes: „Als sich nach Aufhebung der Kontinentalsperre und nach dem Sturze Napoleons die einzelnen deutschen Staaten durch Zollgrenzen voneinander abschlossen, mußten auch alle von Lippe nach Preußen ausgeführten Waren versteuert werden, was dann zu einem lebhaften Schmuggelhandel Anlaß gab, der bis zum Zollanschluß im Jahre 1842 gedauert hat. Außer den Erzeugnissen des lippischen Landes, vorzugsweise Leinen, wurden auch Kolonialwaren, die auf der Weser über Erder ins Land gekommen waren, beim Bartelskruge ausgeladen und dann von Packträgern gelegentlich unverzollt in das nahe Preußische gebracht.
Man muß nun nicht glauben, daß nur am Bartelskruge geschmuggelt wurde. In Oerlinghausen wohnten Kaufleute, die ihr nicht unbeträchtliches Vermögen dem Schmuggel verdankten. Ein Haus im Gehrenberg hieß allgemein ‚Das Schmugglernest‘. Als man 1897 das Haus umbaute, fand man zwischen den Fußbodendielen große Mengen geheimgehaltenen Kaffees. Der Besitzer ist später im Elend gestorben. Seine letzten Tage verbrachte er im Rollkrug, wo die Witwe Copoy ihm das Gnadenbrot reichte.“