Blutige Ostern am Tönsberg
Nach schweren Straßenkämpfen erzwangen die amerikanischen Panzer den Durchbruch bei Oerlinghausen
Wir entnahmen diesen Bericht dem Archiv der Stadt Oerlinghausen. Es handelt sich um keine Einsendung zu unserer Rundfrage „Vor fünf Jahren“, sondern um die erste Nachricht, die der Pfarrer der Bergstadt Oerlinghausen den Angehörigen der dort Gefallenen zukommen ließ. Am Fuße des Tönsberges und in den winkeligen Straßen der Stadt entbrannten heftige Kämpfe, die auch den Schicksal Befreiter bedeutungsvoll wurden.
Als am Ostersamstagabend die Luftschutzsirenen zum letzten Male über Oerlinghausen ertönte, war der minutenlang dröhnende Warnruf „Feindalarm“ von Paderborn herkommend, wo er Karfreitag und Karsamstag sich durchgekämpft hatte, an dem der Gegner in breiter Front auf den Teutoburger Wald zu, durch dessen Ereignisse er sich mit aller ihm zu Gebote stehenden Macht durchzukämpfen bereit war. Noch flutete das geschlagene deutsche Heer in wilden Haufen zurück, um irgendwo hinter der Weser vielleicht noch einmal zu einem letzten Halt zu kommen. Mittlerweile waren durch andere Truppen die Bergketten und die Stadt Oerlinghausen besetzt worden. Diesmal drang Geschützdonner herüber.
Im Laufe des Ostersonntagnachmittags waren nun die amerikanischen Panzer mit ihrer Infanterie bis unmittelbar an das Gebirge und die Stadtgrenze herangekommen. Die Panzersperren waren geschlossen und besetzt, die Truppen hatten ihre Stellungen bezogen, der Feind hatte sich mit seiner Hauptmacht in einer Entfernung von zwei bis vier Kilometern vom Gebirge und der Stadt aufgestellt. Um 18 Uhr setzte die Artillerieschließung ein, die zunächst auf die äußere Bergkette und das südliche Viertel der Stadt sich beschränkte. Mittlerweile sollte die Bevölkerung die Stadt verlassen, welcher Aufforderung viele, aber nicht alle nachkamen. Auch wir im Pfarrhaus hatten beschlossen, unter allen Umständen hierzubleiben. Am Abend und in der Nacht setzte sich der Amerikaner am Südosthang der Stadt fest, um das feste [...] zu fassen - die Autobahnbrücke bei Lämershagen war Ostersamstagabend bereits gesprengt und die Autobahn dadurch unbenutzbar. In dieser Osternacht brannten am Südende der Stadt einige Häuser durch Artilleriebeschuß nieder. Während der ganzen Nacht hörte man das Geknatter der Maschinengewehre und das Panzerfeuer von Gewehrschüssen, herrührend aus heftigen Spähtruppbegegnungen in der südlichen Bergkette des Teutoburger Waldes.
Mit der Frühe des zweiten Ostertages setzte nun der Hauptkampf ein, der bis zum Abend des nächstfolgenden Tages dauern und so manchem deutschen Soldaten das Leben kosten sollte. Der Gegner schon seine Panzerspitzen trotz der tapferen Abwehr in den Stadtteil der Stadt vor, besetzte dort einige Straßenzüge und ganze Häuserzeilen, die deutschen Truppen wichen nach dem Tönsberg, dem mittleren Höhenzug, der Stadtmitte und dem Schopketal aus, stießen aber von dort wieder vor. Es entbrannten heftige Kämpfe am Fuße des Tönsberges, im Welschenweg, um die Jugendherberge und den Windmühlenstumpf auf dem Tönsberg. Während der Kampf um den Tönsberg wechselvoll war, hielt der Gegner mit verbissener Zähigkeit den Teil der Stadt um Kirche und Pfarrhaus.
Tapfer wehrten sich die verzweifelt kämpfenden, ausgehungerten und zum Teil abgeschnittenen Soldaten mit Gewehr und Panzerfaust gegen einen in jeder Beziehung überlegenen Gegner. Das günstige Verteidigungsgelände in Oerlinghausen machte dem Gegner das Vordringen nicht leicht, wobei man allerdings auch den Eindruck hatte, daß der Gegner, der seines Sieges gewiß war, nach Möglichkeit Menschen, Material und Wohnstätten schonen wollte.
Einen Panzertrupp, der den ersten an der Kirche vorbeifahrenden Panzer erledigen wollte, warnte ich noch, was einige angesichts der Übermacht an dieser engsten und unglücklichsten Stelle dieses Unternehmens unterlassen, da die Soldaten damit nur sich selbst und den ganzen Stadtteil unglücklich machen würden. Aus meinem vom Feinde schon besetzten Gemeindeteil hörte ich telefonisch schon im voraus, mit welcher Macht der Gegner ankam. Hätten die Soldaten auf mich gehört, dann wäre manchem der Gefallenen sinnig das Leben erhalten geblieben, manches Haus der Stadt wäre nicht zerstört worden und manches Menschenleben aus meiner Gemeinde wäre nicht zu beklagen gewesen.
So wurde der Panzer zwar angeschossen, blieb aber gefechtsfähig, und der Erfolg war, daß einige Häuser in der Umgebung in Brand geschossen wurden und Soldaten ihr Leben lassen mußten. Verbissen ging der Häuserkampf weiter. In Kirche und Pfarrhaus drang der Amerikaner ein und hielt sie etwa 36 Stunden in seinem Besitz. Die ganze Nacht über dauerte starkes Artilleriefeuer, kreiste bei Tag und Nacht und Feuer. Ein Wunder, daß bei der starken Beschuß nicht noch mehr Zerstörungen eingetreten sind.
Auch am 3. April ging der Kampf um Kirche, Pfarrhaus, Tönsbergstraße und Tönsberg noch weiter und dauerte bis zum Abend dieses Tages. Um 19.30 Uhr, als das eingesetzte Kampfkommando durch Flucht die Stadt übergeben hatte, […..] über Oerlinghausen. Die amerikanischen Panzer teilten in endloser Kette durch alle Straßen, der Weser entgegen. Der Kanonendonner entfernte sich, und als ich am Morgen des 4. April die Straße der Stadt durchsah, sah ich sie überall tot - die beklagenswerten Opfer eines zwecklos gewordenen Kampfes.
Zuerst bekamen wir keine Genehmigung, die Leichen zu sammeln und zu beerdigen, aber nach einigen Tagen endlich kam die Erlaubnis. Es fanden sich hilfreiche Hände, welche die Toten aufsuchten. Sie lagen in den Straßen und in den Wäldern der Berge. Gesamthaft wurde die Arbeit getan, kein Winkel wurde vergessen, und auf dem Friedhof hob eine Kolonne drei große Gräber aus, in die Ausweispapiere, Nachlaßsachen und tödliche Verwundungsart die Toten geborgen wurden.
Am Montagmorgen sammelte sich eine große, vielhundertköpfige Menschenmenge auf dem Oerlinghauser Friedhof. Es war eine ergreifende Feierstunde. Nicht weit von uns brausten die amerikanischen Panzer und Lastwagen vorbei und über unsere Köpfe hinweg aften die Flugzeuge ostwärts, um zum letzten vernichtenden Schlage gegen die Verblendung und den selbstmörderischen Trotz auszuholen.
Sch.
[Bild: Auf dem jetzt vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge betreuten und vorbildlich ausgebauten Soldatenfriedhof am Buschkamp bettete man die Toten, die aus der näheren und weiteren Umgebung zusammengetragen wurden. Unsere Aufnahme zeigt den neu errichteten Haupteingang des stillen Soldatenfriedhofes in der Senne.]
[Bild: Dies Kreuz auf dem Friedhof am Fuße des Tönsberges bewahrt die Erinnerung an den Massentod blutiger Menschen, die in einen sinnlosen gewordenen Kampf um Oerlinghausen fielen. Foto: Gesche]