Bielefelder Leinenhändler ging neue Wege
Vor 100 Jahren siedelte David Carl Weber nach Oerlinghausen über
Der Leinenhandel, der seit 1850 das wirtschaftliche Leben in Oerlinghausen beherrscht und viel Wohlstand nach hier gebracht hatte, lag seit 1830 - wenn auch nicht ganz still, so doch arg gedrosselt am Boden. In England waren die Spinnmaschine und der mechanische Webstuhl erfunden, und das nun billigere irische Leinen eroberte sich den europäischen Markt. Es wurde in Lippe und Ravensberg so mancher Handweber brotlos. Das Leinenweber-Elend ist oft genug beschrieben worden. Die reichen Oerlinghauser Leinenhändler, statt auf neue Methoden zu sinnen, setzten sich einer nach dem andern zur Ruhe und hinterließen ihren Erben den zusammenschrumpfenden Rest ihres ansehnlichen Vermögens. Dies besonders in der napoleonischen Zeit oft mühelos erworbene Vermögen wurde gemächlich verzehrt. Ehe die Brüder Bau die Errichtung der ersten Spinnerei wagten, vergingen noch mehrere Jahre.
Da versuchte ein junger Bielefelder Leinenhändler, der 36 Jahre alte David Carl Weber, mit neuen Methoden die Krise zu überwinden. Er hatte sich in der Welt umgesehen, hatte in Frankreich und Spanien neue Verbindungen angeknüpft und verlegte im Sommer 1850 von Bielefeld ins nahe lippische „Ausland“ nach Oerlinghausen.
Welches waren die Gründe zu dieser Übersiedlung? Erstens wußte er, welch feines Garn gerade in und um Oerlinghausen gesponnen und gewebt wurde. Er war hier den alten, kurzsichtigen Spinnern und Webern näher und sparte Zeit und Wege. Zum andern fand er bei Verhandlungen mit der lippischen Regierung ein weitgehendes und sehr schnelles Entgegenkommen. Seine einzige jährliche Steuer wurde auf nur 13 Taler festgesetzt.
Noch im Juni 1850 wurde seinem Antrag auf Aufnahme als Bürger des Amts Oerlinghausen entsprochen, und als er am 9. Juli 1850 in Bielefeld seine Braut Marianne Niemann geheiratet hatte, zog er nach einer kurzen Hochzeitsreise, die gleichzeitig Geschäftsreise war, mit seiner jungen Frau in das von Assessor Meier erworbene Haus Detmolder Straße 19.
Carl Weber entstammte einer alten Bielefelder Patrizierfamilie. Sein Vater Carl August Weber war Inhaber der Leinenhandlung Weber, Laer und Niemann und wohnte in dem klassisch schönen, heute der Bielefelder Handwerkskammer gehörenden Gebäude am Oberntor. Hier im stattlichen „Weberhaus“ hat Carl Weber seine Jugend verlebt. Hier hat er aber auch früh genug gespürt, daß eine neue Zeit seit 1848 angebrochen war, und mit diesen Erkenntnissen begann er seinen neuen Lebensabschnitt in Oerlinghausen.
„Es galt scharf zu arbeiten, in anderem Tempo und mit anderen Methoden als die Vätergeneration, die geruhsamer Lieferanten und Kunden auf sich zukommen ließ. Er durfte sich nicht zu schade sein, den großen Geschäften in Berlin und anderswo selbst seine Warenproben zu präsentieren und Aufträge zu werben. Die alten Bielefelder Kaufherren verdachten ihm dies; er wurde zeitweilig isoliert. Aber als der junge Unternehmer dabei zu gedeihen begann, setzten auch sie sich in Bewegung; die Geradlinigkeit wurde verjagt.“ (Aus Marianne Webers Lebenserinnerungen.)
Das Eigenartige, das Merkmal des jungen Unternehmers aber war, daß er trotz der Absatzkrise, trotz Kattun und Musselin, die in der Biedermeierzeit den Markt beherrschten, und trotz der Konkurrenz billiger englischer Ware beim handgewebten Leinen blieb, hier allerdings bei den besten Qualitäten. Die einwandfreie, sowohl in der Oerlinghauser Legge, als auch im eigenen Betriebe genau geprüfte Ware war sein Stolz und führte zu einem beispiellosen Erfolg. Bald gingen die Kisten mit feinstem Leinen von Oerlinghausen nach Frankreich, Spanien, Rußland, Mittelamerika, Südafrika, ja bis an den Hof der Königin Emma Kamehameha von Hawaii. Später wurde die Verbindung mit den USA besonders gepflegt.
Im Jahre 1875 trat der Bielefelder Kaufmann Bruno Müller in das Geschäft ein, heiratete am 19.8.1876 die Tochter Carl Webers und wurde Teilhaber der Firma, die von nun an Carl Weber & Co hieß. Der einzige Sohn Carl Webers trat 1889 als Teilhaber ein; seine Ehe mit Emily Brasseur blieb kinderlos.
Der Senior, inzwischen zum Geheimen Kommerzienrat ernannt, erlebte die Jahrhundertwende noch den Übergang zur mechanischen Weberei und starb hochbetagt und hochgeehrt im Jahre 1907. Ihm verdankt Oerlinghausen für die Wiederaufrichtung der Wirtschaft in der schlimmen Zeit vor 100 Jahren, seinem Wagemut und kaufmännischem Können die stete Entwicklung der hiesigen Textilindustrie, die heute Hunderten von Familien Arbeit und Brot gibt. Wahrlich Anlaß genug, nach 100 Jahren einen Rückblick zu halten und der Verlegung der alten Bielefelder Firma nach Oerlinghausen zu gedenken.
A. R.