Landser „requirierten“ Fahrräder, und die Bevölkerung stürmte Wehrmachtsdepots
In jenen Tagen vor 20 Jahren - Wagenladungen Ausrüstungsgegenstände und Uniformtuche zu „Zivilkleidung“ umgeschneidert
„Das wollen deutsche Soldaten sein! Das sind Strolche, Lumpen sind das!“ Wachsbleich und bebend vor Erregung stand er da und konnte das eben Erlebte nicht fassen.
Zufällig war der alte Heeper Handwerksmeister darüber hingekommen, wie ein Soldat unangemeldet das Haus durch die Tür des hinteren ehemaligen Scheunenanbaus betreten hatte, um sich ein Fahrrad auszusuchen. Der Uniformierte, offensichtlich auf der Flucht, und nicht in der Stimmung, sich in einen langen Disput über die Rechtmäßigkeit dieser Requirierung einzulassen, hatte wortlos die Pistole gezogen, als der Besitzer ihm das Fahrrad entreißen wollte.
„So ein Lump, so ein Feigling! Schämt sich nicht, mir grauhaarigem Mann die Pistole auf die Brust zu setzen. Stiehlt mir mein Fahrrad, um die eigene Haut zu retten. Mit dem Beil hätte ich ihm den Schädel eingeschlagen, wenn er nicht die Pistole gehabt hätte. Und dann schwingt er sich auf mein Rad und ist auf und davon.“
Für den alten Mann - Parteigenosse wohl weniger aus Überzeugung, als vielmehr vom Bedürfnis der Frau nach gesellschaftlichem Ansehen dazu getrieben, weil man doch auch gerne „mitmischte“ wollte -, der vom Kriege kaum mehr gemerkt hatte, als daß wir Ausgebombte in die oberen Räume seines Hauses eingewiesen wurden, und daß statt seines eingezogenen deutschen Gesellen die letzten Jahre ein polnischer Fremdarbeiter ihm beim Besohlen der Schuhe half, war eine Welt zusammengebrochen. Gegen Mittag des gleichen Tages ging das Gerücht, die requirierten Fahrräder lägen alle beim „Runkelkrug“ an der Autobahn. Wir, die Frau des Meisters und ich, ein 13-jähriger Junge, gingen mit zahlreichen Nachbarn vereint auf die Suche. Südlich der Autobahnunterführung, die der Straße von Heepen nach Eckendorf Durchlaß gewährt, lagen die Fahrräder zu Haufen an der Böschung.
Keine fünf Kilometer weit waren die Landser damit gekommen, dann hatten sie sie hinwerfen müssen und waren entweder von den Amerikanern in Gefangenschaft geführt worden, oder hatten ihr Heil in der Flucht in die nahen lippischen Bauernwälder gesucht.
Als wir ins Dorf zurückkehrten, fuhr eben unter der Eiche vor dem Heeper Amtsgebäude ein amerikanischer Jeep mit schußbereitem Maschinengewehr vor. Aber hier, wo vor „1000 Jahren“ demokratisch gewählte Amtsvertreter von den Nazis unter Schmähungen im „Triumphzug“ abgeführt worden waren, hatte niemand mehr Lust, sich ihnen entgegenzustellen.
Gerüchte waren in jenen Tagen schneller als heute Extrablätter. „Haben Sie schon gehört? Das Luftwaffenverpflegungsamt ist freigegeben worden. Wir wollen noch mal hin, einen Wagen voll haben wir schon geholt. Aber Sie müssen sich beeilen, es heißt, die Amis wollen alles in die Luft sprengen.“ Unser Hauswirt, der Schuhmachermeister, überwand seine ehelichen Skrupel, etwas zu nehmen, was ihm nicht gehörte, erst nach einigem Zureden von Seiten seiner Frau. Umso eiliger zogen auch wir dann mit einem Fahrradanhänger los. Und je näher wir den grauen Gebäudequadern kamen, desto heftiger erfaßte auch uns das Raubfieber der anderen. Nach den Jahren des Druckes und des Mangels herzten die Menschen mit gierigen Augen über die niedergerissenen Zäune, durch den aufgeweichten Lehm und stürmten plündernd die verlassenen Räume. Säcke voll Mehl und Zucker, Stoffballen, silberne Litzen, Ledersohlen, Uniformen, Stiefel, Trommeln – alles flog aus den Fenstern, wurde durch Kellerlöcher ins Freie gezerrt, und was sich in der Hast nicht fortschleppen ließ oder auf dem Bollerwagen und Karren keinen Platz mehr fand, wurde achtlos in den Dreck getreten.
Und wie Hunde die Meute, umkreisten bereits die ersten amerikanischen Jeeps den Tumult. Aber die Habgier war stärker als die Angst.
Wir zwängten uns durch ein Kellerloch ins Innere. Watend in herausgerissenen Stapeln von Kernledersohlen hasteten wir durch die langen Reihen der Regale, vollgepackt mit Schrauben, Bürsten, Leder und all dem Schuhmacherbedarf, der damals in den Werkstätten fehlte.
Wir packten, was wir kriegen konnten, packten, bis unser Fahrradanhänger überquoll und sahen dann zu, daß wir fortkamen, ehe der Boden zu heiß wurde.
Noch Jahre beherrschte das Fliegergrau in der ganzen Nachbarschaft die selbstgeschneiderte Garderobe. Die Bombenangriffe und die Nacht, in der mein Körper unter dem Geschützfeuer der Igelstellung bei Oerlinghausen wie unter Peitschenhieben zuckte, hatten meinen jugendlichen Drang nach heroischen Erlebnissen bereits erheblich gedämpft. Aber von dem so herrlich martialischen Klang, mit dem meine erbeuteten schwer benagelten Kommißstiefel auf dem Pflaster widerhallten, konnte ich mich erst trennen, nachdem ich mir in den drei Nummern zu großen Schuhen schmerzende Blasen gelaufen hatte.
Robert Neumann