Chlorierte Kohlenwasserstoffe machen sich im Grundwasser breit

Verwaltung rätselt über Verschmutzung in Dalbker Brunnen - Grenzwerte zum Teil erheblich übertroffen / Ursache ist unbekannt

 

Bielefeld-Sennestadt (pivo). Die Geschichte hat etwas Abenteuerlich-Kriminalistisches: Da gibt es am Stadtrand von Bielefeld jemanden, der im Bereich Dalbke/Beckhof die Hausbrunnen ungenießbar macht. Doch wer? Vom Täter fehlt bislang noch jede Spur. 1987 fand das Wasserschutzamt bei Routine-Untersuchungen erste Spuren von Tri- und Perchlorethylen, chemische Verbindungen also, die im Verdacht stehen, Krebs zu erzeugen oder das Erbgut zu schädigen. Damals wurde nur in einem Brunnen der seit 1986 gesetzlich festgeschriebene Grenzwert von 25 Mikrogramm pro Liter überschritten. Heute, anderthalb Jahre später, hat sich die Situation dramatisch zugespitzt: Jetzt liegen schon zwölf Brunnen über dem Grenzwert. Dabei werden bis zu 300 Mikrogramm pro Liter gemessen. Weitere 25 Proben zeigen noch Werte zwischen 5 und 25 Mikrogramm pro Liter. Die Verwaltung schlägt Alarm.

In einer Informationsversammlung am Mittwochabend, zu der all jene eingeladen worden waren, deren Brunnenwasser mehr als 5 Mikrogramm „Per“ aufweist, erläuterten Dr. Friederike Nessel und Christoph Wittler vom Wasserschutzamt sowie Dr. Jürgen Schmidt, Chefarzt in den Städtischen Krankenanstalten Rosenhöhe, den gegenwärtigen Stand der Untersuchungen und gaben Verhaltenstipps.

Ihren Ausführungen zufolge haben die Betroffenen nur zwei Möglichkeiten: Entweder installieren sie in ihrem Haus eine Kohlefilteranlage oder sie lassen sich an das öffentliche Trinkwassernetz der Stadtwerke anschließen. Beide Alternativen kosten mehrere tausend Mark, die - solange der Verursacher nicht feststeht - jeder selbst aufbringen muß. Als (kostenlose) Zwischenlösung bietet die Stadt kleine Filteranlagen an.

Diese Empfehlungen lösten bei den Anwesenden nicht gerade Freude aus. In einer ersten Reaktion witterte einer der Betroffenen hinter der Aktion gar eine „Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für die Stadtwerke“. Diese Einschätzung war dann aber schon nach kurzer Zeit nicht mehr zu halten. „Wir sind froh über jeden, der noch sein eigenes Wasser verwenden kann“, machte der Leiter der Wasserbeschaffung bei den Stadtwerken, Rolf Baudisch, in der Diskussion unmißverständlich klar. An Wasser sei heute nichts mehr zu verdienen.

Baudisch wies auf die zunehmenden Probleme bei der Trinkwassergewinnung hin. Zum Beispiel mußte vor einigen Jahren der Brunnen 8 des Wasserwerks II geschlossen werden, weil in seinem Wasser - aus unerklärlichen Gründen - ebenfalls viel zu viel chlorierte Kohlenwasserstoffe gefunden wurden und noch immer werden. Aufgrund der fortschreitenden Fahne in Dalbke werden jetzt ähnliche Probleme für das Wasserwerk I befürchtet. Bislang ist das dort geförderte Wasser jedoch noch unbelastet.

Einig waren sich alle Teilnehmer der Informationsversammlung darin, daß so schnell wie möglich der Verursacher aufgespürt werden muß. Das scheint jedoch sehr schwierig und zeitaufwendig zu sein. Wie Christoph Wittler erläuterte, steht bislang nur fest, daß der Ausgangspunkt der Verunreinigungen nördlich der B 68 liegt. Möglicherweise sei dort Ende der 70er oder Anfang der 80er Jahre „etwas vergraben“ worden. Als denkbare Ursache kommt seiner Ansicht nach auch eine Altdeponie oder ein früherer Betriebsstandort in Frage.

Von seiten der betroffenen Brunnenbesitzer fiel in der Versammlung mehrfach der Name „BITEXA“. Der Textilausrüster auf der Grenze zu Oerlinghausen, dem seit Jahren immer wieder erhebliche Verschmutzungen des Menkebaches angekreidet werden, scheidet jedoch nach Ansicht des Wasserschutzamtes wegen der festgestellten Grundwasserströmungen mit ziemlicher Sicherheit aus. „Dann müßte das Wasser ja bergauf fließen“, betonte Wittler.

In der Versammlung fielen noch andere Hinweise. Dalbkes SPD-Bezirksvertreterin Hoffmann zum Beispiel nannte eine Hausmülldeponie im Schopketal in Oerlinghausen als möglichen Ausgangspunkt der Schmutzwasserfahne. Eine andere Besucherin der Veranstaltung hielt es für möglich, daß Industriebetriebe in Oerlinghausen die Verursacher sind und ärgerte sich darüber, daß die Verwaltung nicht schon von sich aus mit den Nachbarkommunen Kontakt aufgenommen hat.

So weit ist man in der Verwaltung jedoch noch nicht. Jetzt soll erst einmal ein „hydrogeologisches Gutachten“ erarbeitet werden. Es wird genaue Aufschlüsse über die Bodenbeschaffenheit einschließlich der Grundwasserströmungen geben. Die Verwaltung hofft, daß der Ausgangspunkt der Vergiftung dadurch enger eingegrenzt werden kann. Mit ersten Ergebnissen wird im Sommer gerechnet.

[Bild: Grundwassermessung im Sennestädter Ortsteil Dalbke.         Foto: A. Zygar]