Lehrstuhl unter dem Wolkenmeer
Fliegende Sekretärin Ursula Moll
Hundert Meter über dem Flugplatz geschah es. Im eleganten Bogen hatte die Winde das Segelflugzeug in die Höhe gezogen - da riß das Schleppseil. Doch die Pilotin handelte schnell und sicher: Mit der linken Hand klinkte sie das wild pendelnde Seil aus, drückte dann die Nase des Flugzeuges nach unten und landete. Der Name der Pilotin ist Ursula Moll. Eingeweihte „alte Hasen“ der Segelfliegerei zeigten sich nicht erstaunt über das Flugmanöver der jungen Dame im Cockpit. Das war im Sommer 1964. Schon damals hatte sie von sich reden gemacht.
Jetzt berichteten auch New Yorks Zeitungen über die „fliegende Sekretärin“. Denn inzwischen ist Ursula Moll die erste und einzige Segelfluglehrerin zwischen Rhein und Weser. Um immer ganz nahe bei den Flugzeugen zu sein, lebt die gebürtige Wuppertalerin in Oerlinghausen und arbeitet als Buchhalterin und Sekretärin in der Segelflugschule am Rande des Flugplatzes.
Karriere
Am Wochenende schult sie dann in Brilon den fliegerischen Nachwuchs. Und die Flugschüler - meistens Männer - vertrauen der schlanken brünetten Frau. Angefangen hat diese für eine Frau noch ungewöhnliche Karriere im überfüllten Wartezimmer eines Wuppertaler Arztes, der die damals 25-jährige Ursula für das Fallschirmspringen tauglich schreiben sollte. Doch das Schicksal meinte es anders; denn hier lernte sie künftige Flugschüler kennen und schloß Freundschaft mit ihnen. Fast gegen ihren Willen nahm sie an der ersten Flugstunde teil. Ihre Reaktion: „Das lerne ich nie!“ Erst an jenem Tag hatte sie erfahren, daß Flugzeuge auch ohne Motor und Propeller fliegen können.
Zaghaft
Ursula Moll täuschte sich damals auf dem kleinen Flugfeld bei Wuppertal. Im Gegenteil, sicher und regelmäßig sammelte sie Flugschein auf Flugschein. Bald war aus der zaghaften Anfängerin eine Frau geworden, die wußte, was sie wollte. Mit dem Luftfahrerschein durfte sie zum ersten Male allein ohne Aufsicht eines Lehrers die Schönheiten des Segelfluges erleben. Doch vom ersten bis zum letzten Tag nutzte sie ihre Ferientage - „damals arbeitete ich noch in Wuppertal“ und übte und übte. Bald durfte sie, was selbst vielen ihrer männlichen Fliegerkollegen nicht erlaubt ist: Passagiere mitnehmen.
Über 1.000 Starts hat die „fliegende Sekretärin“ inzwischen absolviert - aber nicht immer allein. So nahm sie im vergangenen Sommer eine 83-jährige Dame mit in die Höhe und flog so vorsichtig, daß die alte Frau gar nicht daran dachte, Angst zu bekommen. Schwieriger war schon der Auftrag, mit einem 270 Pfund schweren Passagier über Oerlinghausen nicht an Höhe zu verlieren und wohlbehalten zu landen.
Perfekt
Für das Fallschirmspringen hat sich Ursula Moll nie wieder richtig interessiert. Sie müßte noch nicht „oben einsteigen“. „Angst habe ich nicht. Wenn man alles richtig macht, kann nichts passieren“, und die Dame hinter der Schreibmaschine lächelt. Dabei spielt sie etwas gelangweilt mit der Kordel ihres schlichten braunen Wollkleides. An die Gefährlichkeit ihres „Hobbys“ scheint sie nicht zu denken.
Für Ursula Moll hat es kaum eine Winterpause gegeben. Jetzt fährt sie jeden Sonnabend wieder zum Flugplatz in Brilon, um sich und ihre Flugschüler in die Höhe ziehen zu lassen. Aus der Sekretärin ist längst eine perfekte Fluglehrerin geworden. Der wuchtige erdrote Windsack auf dem Hangardach schwankt beliebig im Wind. Jenseits des Platzes heult der Motor einer Winde auf und zieht einen Segler in die Luft. Der erste Start an diesem Morgen. Alles ging klar.