Ein Oberleutnant befahl: Kampf bis zum letzten Mann

Oerlinghausen Ostern 1945 im Zeichen erbitterter Kämpfe - 75 Soldaten, 20 Amerikaner und 5 Bürger wurden sinnlose Opfer

 

Oerlinghausen. Es ist müßig, heute darüber zu diskutieren, ob die Schlacht um Oerlinghausen in jenen Ostertagen des Jahres 1945 hätte vermieden werden können. Die Zeit hat die Wunden vernarben lassen. 75 junge Soldaten, das letzte Aufgebot der zersprengten deutschen Wehrmacht, mindestens zwanzig Amerikaner, fünf Bürger dieser Stadt, fanden bei den erbitterten Gefechten den Tod. Zwei Menschen nahmen sich aus Verzweiflung, aus Angst vor der Ungewißheit der Zukunft das Leben. Viele Soldaten, mehrere Einwohner erlitten Verletzungen. Das ist die traurige Bilanz eines Osterfestes, das in die Geschichte dieser Stadt eingegangen ist.

Als am Ostersonntag des 1. April 1945 die Luftschutzsirenen ertönten, schwante den Bürgern nichts Gutes. Sie waren es gewohnt, bei Signalen dieser Art in die Luftschutzkeller zu flüchten, denn der Krieg dauerte ja schon Jahre. Doch diesmal war es anders. Wie ein Lauffeuer hatte sich die Nachricht verbreitet: die Amerikaner sind auf dem Vormarsch. Paderborn ist fest in ihrer Hand, jetzt wollen sie den Kamm des Teutoburger Waldes überqueren. Die Gemeinden Schloß Holte und Lipperreihe hatten Einheiten der 2. US-Panzerdivision ohne Schwierigkeiten und ohne Waffengewalt genommen.

Zu allem entschlossen

Doch in Oerlinghausen war ein junger Oberleutnant, gerade 24 Jahre alt, fest entschlossen, den US-Soldaten Paroli zu bieten. Die Soldaten, die ihm zur Verfügung standen, waren das sogenannte letzte Aufgebot. Minderjährige Milchbärte, die man in viel zu große Uniformen gesteckt und kurz zuvor in Lipperreihe in einem „Kurzlehrgang“ im Umgang mit Waffen vertraut gemacht hatte. Sie waren Angehörige des Panzergrenadier-Ersatz- und Ausbildungsbataillons 62, die den Auftrag hatten, „bis zum letzten Mann“ eine Kleinstadt zu verteidigen. Hinzu kamen versprengte Soldaten ohne Waffen. Ausgerüstet mit ein paar Panzerfäusten und Karabinern sollten sie die alles niedermachenden Panzer der Amerikaner aufhalten. Der Appell besonnener Bürgerfrauen, die den Oberleutnant auf dem Rathausplatz bestürmten, die Stadt kampflos und ohne Blutvergießen zu übergeben, blieb ungehört. „Ich mache aus diesem Nest ein zweites Stalingrad“, soll er Überlieferungen zufolge gesagt und seine „Truppen“ in Stellung geschickt haben. Die Amerikaner hatten ihre Kanonen inzwischen unterhalb der heutigen Südstadt, etwa zwei bis vier Kilometer vom Tönsberg entfernt, aufgebaut. Kurz zuvor hatte der damalige Bürgermeister Möller noch in aller Eile Handzettel verteilen lassen. Die Bevölkerung wurde darin dringend aufgefordert, die Stadt zu verlassen. Viele zogen daraufhin nach Asemissen oder Helpup, doch die meisten blieben. Möglicherweise hofften sie immer noch auf ein friedliches Ende des Konfliktes. Um 18 Uhr fielen die ersten Schüsse. Vier Stunden später gingen das Haus Stölting am Stukenbrocker Weg und Teile von Sültemeiers Hof in Flammen auf. Das Gebäude der damaligen Segelflugschule fiel nicht durch die Amerikaner, sondern wurde gemäß dem Befehl der „verbrannten Erde“ von dem Flugplatzkommandanten und seinen Helfern angezündet. Die Amerikaner feuerten zunächst noch Leuchtgeschosse auf die äußeren Bergspitzen und den südlichen Teil des Tönsbergs ab. Die deutschen Soldaten erwiderten das Feuer. Am späten Abend und im Laufe der Nacht setzten sich die US-Soldaten am Südhang fest. Einige Häuser im Bereich des Welschenweges gingen nach Artilleriebeschuß in Flammen auf. Die Bewohner flüchteten mit Handkarren in Richtung Schloß Holte. Doch es sollte noch schlimmer kommen. Am zweiten Ostertag, kurz nachdem die Dämmerung der Nacht gewichen war, rollten die ersten Panzer in Richtung Innenstadt. Die schweren Geschütze walzten alles nieder, was sich ihnen in den Weg stellte. Die Amerikaner besetzten ganze Straßenzüge und eroberten mühsam Haus für Haus. Das zersplitterte Häuflein deutscher Soldaten wich auf den mittleren Höhenzug des Tönsberges aus, einige verschanzten sich in der Stadtmitte, andere im Schopketal. Unterhalb des Berges entbrannten erbitterte Kämpfe, vor allem am Währentrupweg, wo die ersten Opfer zu beklagen waren. Aber auch der Bereich um die Kirche und die Jugendherberge und vor allem Dingen der Berg wurden mit dem Verzweiflungsmut vieler umkämpft. Mit dem Mute der Verzweiflung stürzten sich die Soldaten mit Gewehren und Panzerfäusten auf die amerikanischen Panzer. Es gelang ihnen, den ersten Panzer, der sich der Kirche näherte, kampfunfähig zu schießen. Doch um welchen Preis! Minuten nach ihrem „Erfolg“ waren alle Soldaten tot. Sie starben im Kugelhagel der Amerikaner. Die Innenstadt glich einem Inferno. Aus mehreren Häusern schlugen die Flammen, die US-Soldaten besetzten Pfarrhaus und Kirche. Diesmal wechselte die Jugendherberge innerhalb weniger Stunden den Besitzer.

Im Kirchturm verschanzt

Die Kämpfe gingen unvermindert weiter. Die Amerikaner hatten sich im Kirchturm verschanzt und schossen auf alles, was sich bewegte. Auch die Zivilbevölkerung blieb nicht verschont. Als ein deutscher Soldat blutüberströmt zusammenbrach, hielt es die 23-jährige Rot-Kreuz-Helferin Friedchen Schlüter, die mit ihren Eltern im Hause Pfarrstraße Nr. 2 wohnte, nicht länger in den sicheren eigenen vier Wänden. Sie rannte auf die Wiese oberhalb des Kindergartens, um den Soldaten zu verbinden. Doch bevor sie ihn erreicht hatte, streckte sie eine Gewehrkugel nieder. Friedchen Schlüter war eines von insgesamt fünf Opfern aus den Reihen der Bevölkerung. Heinrich Heidenstecker, Heinrich Meier, Wilhelm Oberbeck, Otto Elbracht - sie fielen ebenfalls in den Kämpfen um Oerlinghausen.

Bis zum 3. April leisteten die jungen deutschen Soldaten erbitterten Widerstand. Dann wurde die Einheit nach und nach aufgerieben, und die letzten Soldaten zogen sich nach Helpup zurück. Um 10.30 Uhr, so berichten Augenzeugen, rollte die endlos scheinende Kette der amerikanischen Panzer durch die Bergstadt.

Nur zögernd kamen die Bewohner aus ihren Kellern. Ihnen bot sich ein Bild des Schreckens. Überall lagen Leichen der jungen deutschen Soldaten, viele waren mit Kopfschüssen getötet worden. Man fand sie an den Straßenrändern der Innenstadt, in den Wäldern rund um die Schopke, auf dem Tönsberg. 75 junge Jugendliche, waren Opfer eines sinnlosen 3-Tage-Krieges geworden, weil ein junger Oberleutnant „Führer’s Befehl“ in diesen letzten Kriegstagen für ein Evangelium hielt. Nur mühevoll konnten die Toten identifiziert werden. Wer heute im Stadtarchiv die offizielle – mehrfach handschriftlich ergänzte – Namensliste in Händen hält, den überkommt unweigerlich ein Schaudern. Man liest Namen wie den des Obergefreiten Josef Henneßen aus Oberhausen, des Gefreiten Felix Schmidlin aus Hüfingen im Kreis Lörrach oder des erst 17-jährigen Panzergrenadiers Herbert Paul aus Gelsenkirchen. Franz Leitner aus Brixen war dabei, ein anderer kam sogar aus Cottbus. Einer der Gefallenen, ein Flugschüler, war erst 15. 19 Siebzehnjährige, sieben 18-jährige, viele zwischen 19 und 23 Jahre alt. Schüler, Schuhmacher, Hilfsarbeiter, Schlosser, Abiturienten.

„Endgültig besetzt“

Einen Tag nach Beendigung der Kämpfe meldete der Londoner Rundfunk: „Gestern wurde der Ort Oerlinghausen im Teutoburger Wald endgültig besetzt, nachdem der harte Widerstand der letzten deutschen Einheit überwunden worden war. Damit ist der Ruhrkessel so geschlossen, daß auch von außen her kein Ersatz gebracht werden kann.“ Die vereinigten US-Armeen rücken außerdem in breiter Front auf die Weser vor. Gleichzeitig haben die 1. und 9. US-Armee den konzentrierten Vormarsch auf das Ruhrkessel eröffnet. Mit der Schlacht um Oerlinghausen hatte die US-Armee das Ruhrgebiet weiträumig eingekesselt. Die amerikanischen Soldaten, die eine Linie von Hessen bis Bielefeld und dann über das südliche Münsterland und den östlichen Teil des Rheinlandes gespannt hatten, hielten damit das Herzstück der heutigen Bundesrepublik besetzt.

Am 9. April wurden die Opfer der Schlacht um Oerlinghausen beigesetzt. Hunderte von Menschen gaben den Soldaten das letzte Geleit. Von weither waren vereinzelt Angehörige angereist. An den Gräbern spielten sich erschütternde Szenen ab. Pastor Friedrich Schwarz stellte seine Trauerpredigt unter ein Wort aus der Offenbarung des Johannes: „Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben“, und sein katholischer Amtsbruder Pastor Jansen predigte in diesem ersten ökumenischen Gottesdienst, den Oerlinghausen aus wahrlich traurigem Anlaß erlebte, über das Johanneswort „Ich bin die Auferstehung und das Leben“.

Über die Ereignisse jener österlichen Apriltage ist in den folgenden Jahren viel gesprochen und viel geschrieben worden. Die alten Oerlinghauser halten die Erinnerung wach an jene schrecklichen Geschehnisse. Für die nachwachsenden Generationen ist es ein nahezu unverständliches Kapitel deutscher Geschichte. (Dieser Beitrag wurde dem Buch „Oerlinghausen Geschichte und Geschichten“ entnommen, das im Eigenverlag der Stadt erschienen ist).