Vor einem Jahr stand das Haus vom Nordischen Ring in Flammen
Aktenzeichen 3 UJs 66/83 immer noch ungelöst - Ermittlungen der Polizei laufen noch - Ruine bleibt ein Ärgernis
Oerlinghausen (Piet). Vorgestern vor genau einem Jahr ging das Haus des Nordischen Ringes, einer rechtsradikalen Organisation mit Sitz in Hamburg, in Flammen auf. Am 13. Mai 1983 hatten Anwohner gegen 5:40 Uhr Rauchschwaden entdeckt. Als sie die Feuerwehr alarmierten, war es bereits zu spät: Das alte Fachwerkhaus brannte vollständig nieder. Die Kriminalpolizei fand später zwei leere Benzinkanister in den Trümmern. Kein Zweifel: Hier waren Brandstifter am Werk. Nach ihnen wird bis heute gefahndet. Die Staatsanwaltschaft in Detmold, das 14. Kommissariat in Bielefeld und die Kripo Bad Salzuflen sind mit dem Fall beschäftigt. Doch die Akte AZ 3 UJs 66/83 ist immer noch ungelöst.
Dutzende von Spuren hat die Polizei in diesem Jahr verfolgt, vielen Hinweisen aus der Bevölkerung ist sie nachgegangen: bislang ohne Ergebnis. Auch Brandstifter, die in Zusammenhang mit anderen Taten gefaßt wurden, sind in Sachen „Nordischer Ring“ vernommen worden. Doch offenbar kommen sie für diesen Fall nicht in Frage. Dem Hilfsarbeiter, der vor wenigen Monaten drei Firmen anzündete und dann bei einem harmloseren Feuer erwischt wurde, kann mit großer Wahrscheinlichkeit der Brand am ehemaligen Tellmannschen Haus nicht angelastet werden. Hauptkommissar Gägert von der Kripo in Bad Salzuflen: „Der Mann befindet sich zur Zeit im Landeskrankenhaus Eickelborn. Er ist geistig nicht zurechnungsfähig. Die Brände hat er gelegt, um sich sexuell zu befriedigen. Ich gehe davon aus, daß er mit dem Feuer vom 13. Mai 1983 nichts zu tun hat.“ Dennoch will Gägert in den nächsten Wochen den Hilfsarbeiter noch einmal vernehmen.
Im 14. Kommissariat geht man nach wie vor davon aus, daß die Täter aus politischen Motiven gehandelt haben. Die Wellen der Emotion erreichten Anfang vorigen Jahres ihren Höhepunkt, nachdem der Nordische Ring hatte durchblicken lassen, er werde in dem fachmännischen Haus eine überregionale Begegnungsstätte einrichten. Am Abend vor dem Brand hatte die Volkshochschule Lippe-West eine Vortragsveranstaltung durchgeführt, auf der der Journalist Dirk Gerhard aus seiner Sicht die Ziele der Rechtsextremisten, vor allem aber des Nordischen Ringes zu analysieren versuchte. Sieben Stunden nach dieser Veranstaltung brannte das Haus ab. Zusammenhänge zwischen Vortragsbesuchern und Brandausbruch wurden zwar hergestellt, aber nie bewiesen. Die Kripo führte Dutzende von Vernehmungen. Fast scheint es, als werde der Fall nie oder erst in Jahren - möglicherweise durch ein Geständnis oder per Zufall - aufgeklärt.
Für die Oerlinghauser ist der Brand allerdings eine bleibende Erinnerung. Sie sehen die Ruine tagtäglich, wenn sie durch die Innenstadt fahren oder an der Menke spazieren gehen. Das Gebäude - oder besser - das, was davon übriggeblieben ist, verfällt immer mehr. Von Anfang an haben sich Stadt und Kreisverwaltung bemüht, den Schandfleck verschwinden zu lassen. Doch der Nordische Ring und sein Vorsitzender, Rechtsanwalt Rieger, nutzen alle Gesetzeslücken, um den „Bestand“ zu sichern. Stadtdirektor Fritz Bollhorst: „Eine Bauordnungsverfügung des Kreises zeigte keine Wirkung, weil der Nordische Ring natürlich sämtliche Rechtsmittel ausschöpft. Wir beschäftigen uns fast täglich mit dem Fall. Aber wir kommen nicht voran.“ Das liegt auch daran, weil der Nordische Ring den Versicherungswert möglichst „hochhalten“ und im (Finanz-)Poker mit der Stadt, die bekanntlich Teile des Grundstückes braucht, nicht allzu viele Federn lassen möchte. So besehen könnte die Ruine durchaus noch ein weiteres Jahr „ausgesteift“ bleiben.