Zur Goldenen Hochzeit der Eheleute Hermann Thomas und Frau, geb. Upmeier
am 19.10.1951
Liebe Frau und lieber Herr Thomas!
Lassen Sie meine Ausführungen beginnen mit dem Dichterworte: „Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit klingt ein Lied mir immerdar. Ach, wie liegt es so weit, ach, wie liegt es so weit, was mein, was mein einst war!“
Es ist wohl angebracht, dass wir an diesem, Ihrem beiderseitigen Ehrentage, zu dem meine Frau und ich Ihnen herzliche Glück- und Segenswünsche darbringen, einen Rück- und Ausblick auf Ihr Leben halten!
Vor 50 Jahren, ja, wie sah es damals aus? Es war um die Jahrhundertwende, die wilhelminische, geruhsame Zeit. Niemand sprach von Krieg und Kriegsgeschrei. Es gab keine Gehässigkeit unter den Menschen, geschweige unter den Nachbarn und Straßenanwohnern. Überall pulsierte Leben, und doch gab es kein Hasten und Jagen. Die Holterstraße war noch nicht gepflastert. Sie bildete eine Chaussee, mit Kalksteinen beschottert. Zur Linken war ein tiefer Graben, und zur Rechten stand vom Winkel bis zum Kastanienkrug eine etwa 80 cm hohe Hecke, mit dahinterliegendem Garten. Nur wenige Häuser, meist einstöckig, standen zur linken Seite: Hollmann (15), Schütten-Stoffel (17) und Upmeier (19). Vor dem Kastanienkrug ging der Weg zum Welschen ziemlich abschüssig und dann wieder steil bergauf. Linker Hand standen vier Häuser Ihres Vaters und Schwiegervaters (Meier bis Hellkamp), auch der Kastanienkrug gehörte dem alten Upmeier. Am Welschen treffen wir zunächst eine alte ungepflegte Hecke (heute August Koch) mit kleinem Garten dahinter. Dann kam ein paar Meter tiefes Loch, mit Kiefern bewachsen. In dieses Loch baute später der von Haustenbeck nach hier verzogene Wille ein Wohnhaus (Heidschuster-Recksiek). Zwischen Dreves und Puckert zog sich eine stattliche Tannenreihe hin. Auf der anderen Seite gegenüber war die Sandgrube von Hollmann (Holterstr. 15). Hinter Huwendiek (heute Henke) stieg der Boden zu einem stattlichen Hügel an, der mit Heidekraut und Kiefern (wie heute noch gegenüber bei Köster) bewachsen war. Dann reihte sich Feld an Feld, auf beiden Seiten bis zum Kolonat Strate. Wieder Felder kamen, und dann stand rechter Hand das letzte Haus am Welschen (heute Reineke).
Ein frohes Leben herrschte unter den Bewohnern am Welschenwege. In jedem Hause wurde gesungen. Außer den Zigarrenfabriken gab es in Oerlinghausen keine. Die Weberei und die vielen Tischlereien gab es noch nicht. Zu Hause waren die jungen Mädchen und Frauen damit beschäftigt, Hemden anzufertigen. Dabei wurde gesungen und erzählt. Es gab wohl kein Haus in dieser Gegend, wo das deutsche Lied nicht gepflegt worden wäre. Allerdings, die heute so sehr beliebten Schlager kannte man nicht. Nur die alten schönen Volkslieder bekam man zu Gehör, wie: „Sah ein Knab’ ein Röslein steh’n“, oder: „Am Brunnen vor dem Tore“ und wenn’s ganz lustig einmal zuging, hörte man auch: „Trinken wir noch ein Tröpfchen“ oder „Habt ihr nicht den kleinen Korn geseh’n“. Nach Feierabend saßen die Nachbarn wohl noch auf der Ruhebank vor ihren Häusern und frischten Erinnerungen aus längst vergangenen Zeiten auf. Die jungen Burschen und Ehemänner berichteten dann von ihren Militärjahren. Eine verschworene Gemeinschaft bildeten die Rotts, die Thomas und Meiers. Sie hielten, wie man sagt, wie Pech und Schwefel zusammen. Einer half dem andern. Missgunst und Neid gab es nicht. Der alte Holzschuhmacher und Althändler Upmeier war immer sehr rührig. Vor seinem Hause sah man immer lange gerade Birken liegen, die dann gemeinsam mit seiner Frau in bestimmte Längen zerlegt wurden, um daraus Holzschuhe in seiner Werkstätte zu machen. Hatte man ein Paar nötig, dann nahm er mit einem Holzstabe die Länge, notierte diese und nach 8 Tagen konnte man die gewünschten Holzschuhe für 65 Pfg. in Empfang nehmen. O, wie freute ich mich jedesmal, wenn ich ein Paar Upmeiersche Holzschuhe erhalten hatte. Sie passten immer so gut und waren so leicht und doch dauerhaft. Auch Lumpen nahm er gern an. Für weiße Lumpen erhielt man 12 Pfg., für bunte nur 3 Pfg. und für Alteisen etwa 2 Pfg. Aber das Geld hatte noch Wert. Für 30 Pfg. konnten die Erwachsenen bei Upmeier, der vorher die Wirtschaft innehatte, einen Liter guten Schnapses erhalten, für 5 Pfg. eine gute Zigarre, für 10 Pfg. ein Viertelliter Bier. 15 Zigaretten kosteten damals mit hinzugefügter Holzmundspitze 10 Pfg. Ja ja, liebes Jubelpaar, das waren noch Zeiten. Allerdings gab’s auch damals schon einige wenige schlechte Menschen, es gab schwarze und weiße Juden, die dem fleißigen Upmeier zu schaffen machten. Sie betrogen und hintergingen ihn, so dass er nach und nach seine vier Häuser mit Krugwirtschaft veräußern musste. Aber er ließ sich trotz allen Leides nicht unterkriegen, hielt die Ohren steif, und nun versuchte er, sich durch Ausübung des Holzschuhmachergewerbes und durch den Handel sich und seine Familie über Wasser zu halten. Wir müssen ihm bekennen, dass er’s geschafft hat. Dieses Erbgut ist auch auf seine Kindes- und Kindeskinder übergegangen (Thomas-Koch, eingedenk der Worte: „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen!“).
50 Jahre sind eine lange Zeit, wenn man sie vor sich hat. Doch wie schnell sind sie dahingegangen! Freud’ und Leid blieb Ihnen, geschätztes Paar, nicht erspart. Zwei Kriege, Inflation, Deflation, den Raub aller Ersparnisse haben Sie miterleben müssen. Opfer an Gut und Blut wurden auch von Ihnen gefordert. Standhaft haben Sie alles ertragen. Nun haben Sie, verehrter Herr Thomas, schon das biblische Alter erreicht, und Ihre Frau steht Ihnen nicht nach. Aber ist’s nicht ein Wunder, eine Gnade Gottes, dass Sie beiden noch so rüstig sind und Sie, Herr Thomas, noch immer Ihren Geschäften nachgehen können? Dafür wollen wir alle dem Herrgott danken und ihn bitten, Ihnen noch lange Gesundheit zu verleihen, damit Sie nach weiteren 10 Jahren die „Diamantene“ feiern können. Dann werde ich, so Gott will, nicht verspätet mit meinen Wünschen kommen, und unter Ihnen weilen.
Nehmen Sie nachträglich nochmals die herzlichsten Glückwünsche zu Ihrem Ehrentage entgegen.
von Ihren Nachbarsleuten
H. Diekmann und Frau.
Oerlinghausen, 28.10.1951