Eine gescheiterte Ehrenbürgerschaft - Oerlinghausen und Marianne Weber

von Jürgen Hartmann

 

Die vieldiskutierte Biographie Max Webers von Joachim Radkau hat erst kürzlich wieder die außergewöhnliche Beziehung - die „Gefährten-“ oder „Kameradschaftsehe“ - des bekannten Soziologen zu seiner Frau Marianne ins öffentliche Blickfeld gerückt. [Fußnote: Joachim Radkau: Max Weber. Die Leidenschaft des Denkens. München 2005.] Mittlerweile sind zwar einige Abhandlungen zur Bedeutung der bürgerlichen Frauenrechtlerin erschienen, noch immer aber steht sie eher im Schatten Max Webers und eine umfassende Arbeit zu ihrer Lebensgeschichte gibt es weiterhin nicht. [Fußnote: Christa Krüger: Max und Marianne Weber. Tag- und Nachtansichten einer Ehe. Zürich 2001; sowie Bärbel Meurer (Hg.): Marianne Weber. Beiträge zu Werk und Person. Tübingen 2004.]

Wie in ihrer Geburts- und zeitweiligen Heimatstadt Oerlinghausen erwachte ein verstärktes Interesse an ihr überhaupt erst wieder zu Beginn der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Im September 1993 gründete ein Kreis um den Bielefelder Soziologen Richard Grathoff und die Historikerin Susanne Muesmann in Oerlinghausen das Marianne-Weber-Institut als gemeinnützigen Verein. Anlässlich des 100. Hochzeitstages des Ehepaares Weber am 20. September 1993 wurden das Institut und seine Arbeit öffentlich vorgestellt. Eine Ausstellung unter dem Titel „Marianne Weber — eine Frau aus Oerlinghausen“ war bereits seit Beginn des Monats im Bürgerhaus der Stadt zu sehen. [Fußnote: Lippische Landeszeitung vom 18.9.1993 und Westfalen-Blatt (Ausgabe Oerlinghausen) vom 16.9.1993.]

Inhalt der Ausstellung und die Intention zur Gründung des Institutes basierten auf einer zweijährigen Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, während derer Susanne Muesmann mit dem Aufbau eines Marianne-Weber-Archives betraut war. [Fußnote: Neue Westfälische (Ausgabe Oerlinghausen) vom 20.8.1991]

Bis dahin hatte man sich in ihrer Heimatstadt wenig mit ihr befasst. Natürlich wurden die Passagen ihrer „Lebenserinnerungen“ [Fußnote: Marianne Weber: Lebenserinnerungen. Bremen 1948.], die ihre eigenen Jahre in Oerlinghausen, die Hochzeit in der Bergstadt und die Studien des bedeutenden Soziologen in der Leinenweberei seines Onkels Carl Weber betrafen, gern zur Kenntnis genommen. Eine intensivere Beschäftigung wurde dadurch aber nicht ausgelöst, obwohl sicherlich einige Zeitzeugen Interessantes hätten beitragen können. Noch heute ist beispielsweise nicht eindeutig geklärt, ob Marianne Weber nach dem Zweiten Weltkrieg und vor ihrem Tod 1954 ihrer Geburtsstadt noch einmal einen Besuch abstattete. [Fußnote: Neue Westfälische (Ausgabe Oerlinghausen) vom 24.4.1992.]

Dieser Beitrag soll an eine kleine Episode aus der Beziehung der Stadt Oerlinghausen zu ihrer berühmtesten Tochter erinnern. Ein Oerlinghauser, der sich Zeit seines Lebens für die berühmte Persönlichkeit aus der lippischen Bergstadt am Teutoburger Wald interessierte, war der ehemalige Bürgermeister August Reuter. Reuter übte das Amt von 1919 bis 1933 und 1945/46 aus. Nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten wurde der für die bürgerliche Einheitsliste Antretende wegen seiner engen Zusammenarbeit mit den Sozialdemokraten, die bei den Kommunalwahlen stets die Mehrheit erzielten, kurzerhand durch SA und „Hilfspolizei“ seines Amtes enthoben und durch einen Nationalsozialisten ersetzt. [Fußnote: Vgl. dazu Uwe Gartenschlaeger/Jürgen Hartmann/Hans-Christoph Seidel: Eine rote Festung wird erobert. Der Nationalsozialismus in Oerlinghausen. Oerlinghausen 1986.] Die Absetzung und die „Machtergreifung“ vereitelten letztlich auch ein Vorhaben, das Bürgermeister Reuter vorgeschlagen und der Stadtrat am 27. Januar 1933 beschlossen hatte: die Verleihung der Ehrenbürgerschaft an Marianne Weber zu ihrem 63. Geburtstag am 2. August des Jahres. [Fußnote: Stadtarchiv Oerlinghausen, Protokolle des Stadtrates, Eintragung vom 27.1.1933.]

Der Beschluss wurde seitens der gleichgeschalteten Stadtverordnetenversammlung und des rein nationalsozialistischen Magistrates nicht weiter verfolgt. Ein Grund mag vielleicht in der politischen Haltung des Ideengebers gelegen haben. Wichtiger scheint aber das Verhältnis der Nationalsozialisten zu Marianne Weber und umgekehrt gewesen zu sein. Wie also standen die neuen Machthaber zur bekannten Frauenrechtlerin und wie stand Marianne Weber zum Nationalsozialismus?

Als eine der maßgeblichen Figuren der bürgerlichen Frauenbewegung, die nicht den Weg in nationalsozialistische Organisationen gefunden hatte, war Marianne Weber den Nationalsozialisten eher eine suspekte Gestalt. Sie, die frühere badische Landtagsabgeordnete der Deutschen Demokratischen Partei (DDP), hatte sich nach dem Tod ihres Mannes im Juni 1920 für einige Jahre aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Der nahezu völlige Rückzug ins Private endete Mitte der Zwanziger Jahre mit der Gründung der Salongesellschaft Geister-Tee. Rund 70 Personen umfasste dieser Zirkel, der sich vierzehntägig zu Vorträgen und Diskussionen im Hause Marianne Webers in Heidelberg traf. Am politischen Leben der Weimarer Republik nahm sie nicht weiter teil.

Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten verharrte Marianne Weber in einer Mischung aus Abneigung und Reserviertheit. Zum politischen Geschehen hielt sie Abstand und suchte Trost im Reformchristentum. [Fußnote: Margit Göttert: Gertrud Bäumer und Marianne Weber. Kampfgefährtinnen im Bund Deutscher Frauen vereine; in: Bärbel Meurer (Hg.): Marianne Weber. Beiträge zu Werk und Person. Tübingen 2004, S. 127-153, hier: S. 150.] Parteigänger der NSDAP lud sie allerdings nicht mehr zu ihren großzügigen Sonntagstees ein. Einige der Eingeladenen folgten wiederum den Einladungen aus Furcht, sich missliebig zu machen, nicht mehr. [Fußnote: Vgl. Christa Krüger: Max und Marianne Weber. Tag- und Nachtansichten einer Ehe. Zürich 2001. S. 224 f.] Vereinzelt unterstützte der Kreis jüdische Wissenschaftler und Freunde, von offener Auflehnung war er jedoch weit entfernt. Bis zu einem bestimmten Grad arrangierte sich Marianne Weber mit den Nationalsozialisten. In einem vermutlich 1935 verfassten Lebenslauf für die Reichskulturkammer machte sie sich die semantische Nähe von Friedrich Naumanns politischer Programmatik unter der Begrifflichkeit „national-sozial“ zunutze und stellte sich eher als unpolitisch dar: „In politischer Hinsicht stand ich Friedrich Naumanns Nationalsozialismus nah; jedoch war meine Natur weniger auf politische als auf ethisch-soziale Führung und Mitarbeit ausgerichtet.“ [Fußnote: Lebenslauf Marianne Webers für die Reichsschrifttumskammer bzw. den Reichsverband Deutscher Schriftsteller, ohne Datum (ca. 1935); in: Bundesarchiv, Bestand ehern. Berlin Document Center, Reichsschrifttumskammer zu Marianne Weber.] Dass Naumann überzeugter Demokrat war, blieb ihrerseits unerwähnt.

Tatsächlich wurde ihr Verhalten als nicht regimefeindlich eingestuft. So ließen die Behörden ihr ihre Publikationsmöglichkeiten. Marianne Weber nutzte sie. Für die von Gertrud Bäumer herausgegebene Monatsschrift „Die Frau“ verfasste sie auch nach der Machtübernahme noch einige Artikel [Fußnote:  Fragebogen zur Aufnahme in die Reichsschrifttumskammer, 7.12.1938; in: Bundesarchiv, Bestand ehern. Berlin Document Center, Reichsschrifttumskammer zu Marianne Weber.] und wenige Jahre später erschien ihr Buch „Die Frauen und die Liebe“. [Fußnote: Marianne Weber: Die Frauen und die Liebe. Leipzig 1935.] Von der Reichsschrifttumskammer erhielt sie im Februar 1939 auch den Befreiungsschein für die Veröffentlichung ihres Werkes „Erfülltes Leben“, das aber erst nach dem Krieg 1946 erschien. [Fußnote: Befreiungsschein Nr. 1316/1/4, 22.2.1939; in: Bundesarchiv, Bestand ehern. Berlin Document Center, Reichsschrifttumskammer zu Marianne Weber. Marianne Weber: Erfülltes Leben. Heidelberg 1946.] Die Sonntagstees in ihrem Haus in Heidelberg blieben auch über die Kriegsjahre „ein eingeschränkter Schutzraum liberalen Denkens, kein Ort des Widerstandes.“ [Fußnote: Christa Krüger, S. 225.]

August Reuter, der von den Nationalsozialisten abgesetzte Bürgermeister, hatte die Jahre des NS-Regimes außerhalb Lippes überdauert. Mit dem Ende des Krieges wurde er von Oerlinghauser Bürgern in die Bergstadt zurückgeholt. Im Frühjahr 1949 nahm Reuter brieflichen Kontakt mit Marianne Weber in Heidelberg auf. Er hatte ihre „Lebenserinnerungen“ [Fußnote: Marianne Weber: Lebenserinnerungen. Bremen 1948.] gelesen und war von den Passagen, die die Bergstadt betrafen, berührt. Die Antwort der mittlerweile 78-jährigen Marianne Weber auf seinen ersten Brief vom März 1949 ist in Reuters Nachlass im Staatsarchiv Detmold erhalten:

„Hochgeehrter Herr Reuter!

Sie haben mir durch Ihre lieben Briefe eine große Freude gemacht. Ich danke Ihnen dafür herzlich. Jeder

[Bild: Marianne Weber, 1903 (Kopie im Besitz des Verfassers)]

derartige Widerhall tut wohl. Dass es in Oerlinghausen noch Menschen gibt, die sich meiner erinnern, hätte ich nicht gedacht. O, wie gerne würde ich noch einmal per Flugzeug kommen und das Städtchen Wiedersehen (es wird verändert sein inzwischen). Aber bei meinem hohen Alter und meiner Altersschwäche wird es kaum dazu kommen. Das ist sehr schade; denn durch meine Arbeit an den ,Lebenserinnerungen’ kam mir Oerlinghausen wieder sehr nahe. Ich freue mich so, dass meine Erinnerungen Ihnen gefallen. Zu meiner dortigen Familie habe ich momentan leider kaum Beziehungen; es ist schmerzlich, dass man sich so auseinanderlebt. [...] Sie möchten ein Bild von mir haben. Ich habe z.Zt. nur ein ziemlich grausliches Altersbild und ein junges Bild mit Max Weber, leider schon ein wenig verblasst, zur Verfügung. Vielleicht werden Ihnen diese beiden Fotos immerhin etwas geben. Wenn Sie Zeit haben, so lesen Sie doch auch mal mein ,Lebensbild Max Webers’. Ich weiß zwar nicht, ob es jetzt zu haben ist; es kommt in die zweite Auflage. [...] Ich glaube, Sie würden Freude daran haben. Nun grüße ich Sie von Herzen als Ihre Marianne Weber.“ [Fußnote: Marianne Weber an August Reuter, 15.3.1949; in: Staatsarchiv Detmold D 72 Reuter Nr. 10.]

Die Korrespondenz brach nach einem weiteren Brief Reuters offenbar ab. Und auch die Reise in ihre Heimatstadt Oerlinghausen scheint die hochbetagte Frauenrechtlerin nicht mehr angetreten zu haben. Ein Anlass hätte die Umsetzung von Reuters Vorhaben der Verleihung der Ehrenbürgerschaft sein können, das aber in Vergessenheit geraten war. Beinahe auf den Tag genau fünf Jahre nach ihrem Brief an August Reuter verstarb sie in Heidelberg. Zur Trauerfeier waren auch zwei Schülerinnen der Marianne-Weber-Schule aus Lemgo angereist, um vor dem Sarg ihrem Vorbild zu danken. [Fußnote: Rhein-Neckar-Zeitung vom 19.3.1954; zitiert nach: Bärbel Meurer (Hg.): Marianne Weber. Beiträge zu Werk und Person. Tübingen 2004, S. 268.] Unbekannt ist, ob auch Gäste aus Oerlinghausen von ihr Abschied nahmen.