Zum 100. Todestag des Soziologen Max Weber
Stadtgeschichte - Vor genau 100 Jahren starb der große deutsche Soziologe an der Spanischen Grippe. Immer wieder hatte er seine Verwandten, die Fabrikantenfamilie Weber, in Oerlinghausen besucht
[Bild: Marianne und Max Weber als Hochzeitspaar im Jahre 1893. Schon damals hatte sich Max Weber in der Wissenschaft einen Namen gemacht. | © Repro: Horst Biere / Quelle: Stadtarchiv Oerlinghausen]
[Bild: Hochzeit im Scherenkrug: Nach der Trauung in der Alexanderkirche fand die Hochzeitsfeier von Max und Marianne Weber im Restaurant des Kruges an der späteren B 66 statt. | © Repro: Horst Biere / Quelle: Stadtarchiv Oerlinghausen]
Oerlinghausen. Wenn Max Weber das Dorf Oerlinghausen beschrieb, geriet er ins Schwärmen. „Hier ruft alles Heimat, Heimat“, bekannte er seiner Frau Marianne in einem Brief in den kargen Tagen des Ersten Weltkriegs im Jahre 1917. Voller Emotionen dachte Weber, der schon damals als einer größten Soziologen und Nationalökonomen Deutschlands galt, an die vergangenen Tage, als das Paar in Oerlinghausen geheiratet hatte und schrieb: „Am Scherenkrug - Pfingsten vor 24 Jahren - weißt Du noch? Die Hochzeit drüben in dem Saal?“
Max und Marianne Weber, das war das intellektuelle Traumpaar zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Max Weber wohnte 1892 in Berlin und stand am Beginn einer großen wissenschaftlichen Karriere als er Marianne, geborene Schnitger, aus Oerlinghausen in der Hauptstadt kennenlernte. Max war Mariannes Onkel, denn beide stammten aus der Fabrikantendynastie der Webers. Carl David Weber, sein Onkel und Mariannes Großvater, gründete 1850 ein Leinenhandelshaus an der Detmolder Straße. Und im Jahre 1904 begann man - gemeinsam mit der Familie Müller - in der Weberei an der damaligen Bahnhofstraße mit der Produktion von Leinenstoffen.
Professur für Nationalökonomie
Marianne Weber hat ihren Mann Max zeitlebens an verschiedene Wohnorte begleitet und dabei selbst eine akademische Laufbahn absolviert. Sie hat sich dabei immer mehr zu einer aktiven Frauenrechtlerin und letztlich zur ersten deutschen Parlamentarierin (in Baden) entwickelt. Die beiden lebten zuletzt in Heidelberg, wo Max Weber eine Professur für Nationalökonomie innehatte. Immer wieder besuchten beide - mal gemeinsam, mal getrennt - im Laufe ihres Lebens ihre Verwandtenfamilie in Oerlinghausen.
Bickbeeren auf dem Tönsberg
Schon als Siebenjähriger berichtete Max Weber im Jahre 1871 in einem lustigen Brief an seinen Vater von seinen Erlebnissen aus dem großbürgerlichen Haushalt der Webers in Oerlinghausen: „Wir haben Bowle mit Erdbeeren getrunken und noch obendrein Rinderbraten und Lachs gegessen. Ich bin auch mit Karlo (seinem Cousin) oben auf dem Tönsberg gewesen und habe Bickbeeren gegessen.“
Als er seine Marianne kennenlernte, die beiden 1893 in der Oerlinghauser Alexanderkirche heirateten und dann im Scherenkrug feierten, wurde seine Bindung zum Bergdorf am Tönsberg noch enger. Max Weber genoss die Auszeiten von seiner Dozententätigkeit an den Universitäten und seine Aufenthalte in der „Sommerfrische Oerlinghausen“ sehr. Er litt jahrzehntelang an einer Nervenkrankheit, darum bildete Oerlinghausen für ihn eine Art Erholungsort. Auch wissenschaftlich interessierte er sich für das Textilunternehmen seines Onkels Carl David Weber und die Produktion in der Weberei. Max Weber forschte sein Leben lang im Bereich von Wirtschaft und Gesellschaft. Als Forschungsgebiet der industriellen Arbeit und seiner Beschäftigten wählte er sich oftmals die Fabrik seines Onkels.
Lob für den Onkel wegen seines Unternehmergeistes
[Bild: In der Oerlinghauser Weberei (auf dem heutigen Geländer der Fa. Oetker) machte Max Weber seine Studien über die Mitarbeiter und ihre Arbeitsbedingungen. | © Repro: Horst Biere / Quelle: Stadtarchiv Oerlinghausen]
So setzte er in seinen Schriften seinem Onkel Carl David Weber „gewissermaßen ein Denkmal“ schreibt die Historikerin Bärbel Meurer in einem Buch über Max Weber,
„er lobte ihn für seinen Unternehmergeist“. Schon die Art, wie das Leinenhandelshaus an der Detmolder Straße geführt wurde, in dem der Firmenchef seine Hausweber, die ihm das Leinen lieferten, quasi zu Arbeitern erzog, nötigte Max Weber großen Respekt ab. Dann, im Jahre 1904, als die mechanische Weberei (auf dem heutigen Oetker-Gelände) in Betrieb ging, verlegte Max Weber seine soziologischen Studien auf die Mitarbeiter, die Arbeitsbedingungen und die Arbeitsleistungen.
In der wissenschaftlichen Fachwelt besaß Max Weber schon damals den besten Ruf. Immer wieder wurde er zu Vortragsreisen und Veranstaltungen in ganz Europa eingeladen. Finanziell allerdings lebte das Paar vor allem von den Zuwendungen, die Marianne Weber aus den Anteilen ihres großväterlichen Betriebs erhielt.
Engagement im Militärlazarett
Der Erste Weltkrieg, der 1914 begann, machte insgesamt das Leben schwerer. Zwar engagierten sich Max und Marianne Weber anfangs für die neuen Aufgaben, indem sich Max beispielsweise für ein Militärlazarett in Heidelberg und Marianne für die Nöte der Frauen und Wohltätigkeitsfragen einsetzten, doch die Versorgungslage in den größeren Städten verschlechterte sich immer mehr.
Für den oftmals gestressten Max Weber wurde Oerlinghausen immer mehr zum Heimatort und Sinnbild eines ruhigen, beschaulichen Alltags mit guten Lebensbedingungen. „Durch das Fenster sieht man in die wunderbare westfälische Ebene bis zu den Weserbergen“. „Hier besteht mein Dasein aus Essen, Spazieren gehen, Schlafen... sich verwöhnen lassen.“ Weiter beschrieb er: „Ich gehe in den Wald und denke an nichts Wissenschaftliches“. Auch die Silberhochzeit feierten die beiden in Oerlinghausen, allerdings in kleinem Rahmen, denn im letzten Kriegsjahr 1918 war normales Alltagsleben nicht mehr möglich.
Gastprofessur in Wien
In der Nachkriegszeit bildete Heidelberg wieder den Lebensmittelpunkt für Max und Marianne Weber. Immer mehr setzte sich Marianne als Landtagsabgeordnete und Vorsitzende des Bundes Deutscher Frauenvereine für die Belange der Frauen ein, während Max Weber wieder im akademischen Betrieb engagiert war und auch wieder Gastprofessuren wie zum Beispiel in Wien annahm.
Doch ihr gemeinsames Leben fand ein plötzliches Ende durch eine der schlimmsten Epidemien, die die Welt bislang erlebt hatte. Die Spanische Grippe, die durch amerikanische Truppen nach Europa im Krieg eingeschleppt wurde, befiel auch Max Weber. An einer Lungenentzündung in Folge der Grippe starb er mit 56 Jahren am 14. Juni 1920 - vor genau 100 Jahren. Marianne Weberarbeitete über viele Jahre hinweg sein ganzes Lebenswerk auf. Sie starb 83-jährig am 12. März 1954.
Die Webers und Oerlinghausen
Als eine große Chance für Oerlinghausen sieht der Soziologie Dr. Johannes Müller die Verbindung von Max und Marianne Weber zur Bergstadt. „Schon als der Weltkongress der Soziologen in Bielefeld im Jahre 1994 stattfand, bekam Oerlinghausen einen hohen Bekanntheitsgrad in der wissenschaftlichen Fachwelt. Den Anschub sollte man auch touristisch nutzen.“ In wenigen Wochen macht die Stadt allerdings schon einen großen Schritt. „Am 2. August feiern wir den 150. Geburtstag von Marianne Weber“, sagt Inge Berghoff vom Marianne-Weber-Institut. „Wir wollen dann mit einem geführten Stadtrundgängen an die Lebensstationen von Marianne Weber erinnern.“