Arbeiter hatten in den 30er Jahren in der Stadt die Vormachtstellung

Oerlinghausen zur Zeit der Machtergreifung der NSDAP (III) - Klassenkämpfe damals an der Tagesordnung - Aufmarsch der SA

 

Oerlinghausen. Die Bergstadt galt in den 20er und 30er Jahren als „rote Hochburg“ in Lippe. In unserer Reihe „Oerlinghausen zur Zeit der Machtergreifung durch die NSDAP“, die nach Dokumentationen der vier Schüler Uwe Gartenschläger, Andreas Vogt, Hans-Christoph Seidel und Andreas […..] entstanden ist, versuchen wir heute, diese Sonderstellung zu begründen. Die Bergstadt hatte einen Arbeiteranteil, der mit 75 Prozent überaus hoch lag. Diese Arbeiter unterschieden sich in ihren politischen Ansichten grundlegend von den eher konservativ eingestellten Bauern, die ja auch ein Hauptziel der NS-Propaganda von „Blut und Boden“ waren.

Das stark entwickelte politische Bewußtsein der Oerlinghauser Arbeiter ging sogar so weit, daß es beispielsweise in der Zigarrenindustrie üblich war, daß während der Arbeit aus dem SPD-nahen Volksblatt gelesen wurde und man später darüber diskutierte. Ein hoher Prozentsatz der Arbeiter war auch gewerkschaftlich organisiert. Die Nähe der Industriestadt Bielefeld, zu der Oerlinghausen von jeher ein engeres Verhältnis hatte als zum eher provinziell-bäuerlichen Detmold, gab entscheidende Impulse für eine größere Linksorientierung.

Die Trennung zwischen Arbeitern und Bürgern wird heute, so haben die Schüler in ihrer Dokumentation festgestellt, von vielen Zeitgenossen bedauert. Diese Spaltung habe sich auf beiden Seiten durch Haß, Intoleranz und Unverständnis bemerkbar gemacht. Die sogenannten „guten Bürger“ der damaligen Zeit wollten nicht mit Arbeitern, Proletariern oder „dergleichen Pack“ zu tun haben. Es gab Vorurteile wie das vom „vaterlandslosen Gesellen“ und „Bolschewisten“. Der bolschewistische Arbeiter diente in der Propaganda der Nazis dann auch als Bürgerschreck.

Die Arbeiter hatten damals in Oerlinghausen ihr eigenes Wohngebiet, und zwar rund um den Welschenweg. Gerade hier veranstaltete später die SA ihre provozierenden Aufmärsche, die oft in wüsten Schlägereien endeten. Heute ist die Gegend um den Welschenweg eher eine der besseren Wohngegenden in Oerlinghausen. Zu Beginn der 30er Jahre hatte die Arbeiterschaft auch eigene Sport- und Gesangvereine. So gab es beispielsweise die Arbeitergesangvereine Hoffnung Asemissen und Oerlinghausen, den Gesangverein Freiheit, Kachtenhausen, und Eintracht, Helpup. Freie Turnerschaften gründeten sich in allen drei Oerlinghauser Ortsteilen, und die Arbeiter hatten sogar mit der Segelfluggruppe „Sturmvogel“ ihren eigenen Flugverein.

1933 wurden alle Vereine aufgelöst. Es blieben nur die bürgerlichen Vereine, bei den Sportvereinen waren das der VfB und der TV Oerlinghausen. Die Schüler, die auch umfangreiche Befragungen durchführten, haben festgestellt, daß der Spalt zwischen Arbeitern und Bürgern nach 1945 nicht erneut aufgebrochen ist. Dies sei auch darauf zurückzuführen, daß die SPD keine eigenen Arbeitervereine mehr ins Leben gerufen habe.