Steinhauer trotzte Fortschritt, allerdings nur neun Jahre lang
Ehemalige Hausweberei wird umgebaut / Seppe glaubte an den Erfolg - Steinhauer trotzte Fortschritt, allerdings nur neun Jahre lang
Oerlinghausen. Als um die Mitte des vorigen Jahrhunderts die Hausweberei infolge der Mechanisierung auch in Oerlinghausen fast völlig zum Erliegen gekommen war, versuchte ein Christian Seppe, dieser Tendenz trotzend, einen Neuanfang. Christian Seppe wohnte im Landerhaus und war von Beruf Steinhauer. Nebenberuflich war er Hausweber und seit 1852 verheiratet.
Als seine Frau nach einigen Jahren starb, heiratete er eine Nachbarin, die im heutigen Haus Steinbült Nr. 16 wohnte. Als Brautschatz brachte sie etwas Geld mit und das Einverständnis der Eltern, daß sie auf diesem Grundstück ein Häuschen bauen durften. 1864 fing Seppe an zu bauen.
Für Keller und Sockel des Hauses holte er sich Kalksteine aus der Dorfgemeinsame oberhalb des Schützenplatzes. Für den weiteren Bau wurden viele Sandsteine verwendet, die er als Deputat aus der Steingrube mitnehmen durfte. Alle Baumaterialien fuhr Christian Seppe eigenhändig mit der Schubkarre zur Baustelle.
Seppe bäumte sich vergeblich gegen den Niedergang auf
Die linke Seite des Hauses bestand aus zwei Räumen mit sechs Fenstern (siehe Bild), und hier hinein setzte Seppe drei Webstühle. Die Weberinnen, drei Frauen aus Augustdorf, kamen jeden Tag zu Fuß zur Arbeit. Es war also eine gewerbliche Weberei, ein Aufbäumen gegen den Niedergang.
Doch es kam, wie es kommen mußte.
1872/73 ging Seppe in Konkurs. Aber er hatte hilfreiche Nachbarn. Wilhelm Friedhof, später Friedhofsmühle, kaufte bei der Versteigerung das Haus (Kolonate Nr. 127, heute Steinbült 14) und ließ Seppe weiter darin wohnen. Fritz und Karl Berkemeier, die damaligen Besitzer des Landerhauses, ließen einen Teil ihrer Stallungen abreißen und bauten das kleine Häuschen, heute Landerweg 4. Sie nahmen 1875 den armen Christian Seppe als Mieter auf.
Bis 1946 wohnten dann drei Generationen der Familie Seppe in diesem Haus. Sohn August, geb. 1864, wurde kein Steinhauer, sondern Zigarrenmacher und spielte im politischen Leben Oerlinghausens eine maßgebende Rolle.
Wilhelm Friedhof verkaufte 1876, nachdem Seppe nun wieder ein Dach über dem Kopfe hatte, das Kolonat Nr. 127 an den Ziegler August Sturhahn, bis es in Erbfolge zuletzt auf Frau Tellert, geb. Sturhahn, in Bielefeld überging.
[Bild: 1864 begann Steinhauer Christian Seppe mit dem Bau dieses Hauses im Steinbült. Trotz des Niedergangs der Hausweberei installierte der nebenberufliche Weber dort einen kleinen Betrieb, der bereits neun Jahre später in Konkurs ging. Foto: Lahr]
Fritz Soll