Oerlinghausen - Hangsiedlung am Übergang
Kinderherkunft nach getrennten Quartieren - Gebirgsspaß als Schicksal
Oma Reuter hatte mir als 86-jährige anvertraut: „De lütken Jungens kumt iut de Hellkiuhlen, de Mäkens iut de Schopke“. Kinderherkunft in getrennten Quartieren war mir neu, war besonders, einmalig im Lande. So spionierten wir um den „Wäschesaut“, das Mädchenquartier in der Schopke herum, um die „Hellkuhle“, den Jungensbrunnen. Aber da war nichts Besonderes, Einmaliges. Nur wenig Wasser. Sagte einer „Da können die Lütten nicht mal untertauchen, wenn . . .“. Worauf ich: „Die Oerlinghauser haben das Grundwasser angezapft. Damals (als das mit den Kindern noch war) sprudelte und strudelte es nur so.“
Und wir dachten den Schopkesumpf zum See um, bevölkerten ihn mit Fischen und Bibern; ja auch Bibern, Skelettfunde hatten sie ja ausgewiesen. Inprovisierten Szenen aus dem steinzeitlichen Fischer- und Jägerleben, das (wie der findige Rektor der Bergstadt festgestellt) vor 6.000 Jahren an drei Dutzend windgeschützten und trockengründigen Stellen verrastet gewesen, am Menkhauser Bach und seinen Zuflüssen hinauf und hinunter, und beiderseits der Bergkette. Gestern hatten wir bronzezeitlichen Grabhügeln auf den Höhen nachgespürt (den „Germanenhäusern“), und im Grund nun stehen wir auf umschluchteten Lössporn. Da, wo Diekmanns Spürnase den altsächsischen Wohnboden freigelegt und durch Kugeltopfscherben zeitbestimmt hatte. Vor uns, über uns erheben sich die Häuser der Stadt, beherrscht von der mächtigen spitztürmigen Kirche wie Kücklein vor ihrer Glucke. Warum gerade hier, inmitten der sterilen Sandsteinkette? Was doch ohne Beispiel zwischen Osnabrück und Altenbeken, indem alle anderen Siedlungen der nördlichen Ausraumfurche zwischen Muschelkalk und Sandstein folgten.
[Bild: Blick in den gotischen Teil der alten Diakonatskirche]
Warum hier, verkehrsab, wo keinerlei Bodenschätze, kaum nährendes Hinterland?
Uns fällt ein, daß diese „Landergärten“ ihren Namen von der alten Landwehr zwischen Bruns- und Menkhauser Berg haben, Schluchtsperren, beiderseits mit Gräben, die wir eben noch abgelaufen. Wir besinnen uns des „Burghagens“ unterhalb der Jugendherberge und begreifen, daß all dieses, Landwehr, mutmaßliche Burg, Name der Stadt und auch ihr einst so berühmter Herbstmarkt dem Paß zu danken sind, der, besonders seit 1550 der Zoll von Wellentrup von der Wistinghauser Schlucht weg nach hier verlegt, Schicksal wurde für das Vorwerk „Orlinchusen“, noch 1036 ein kleiner Nebenhof von Barkhausen, einer unter fünfen. Weswegen die älteren Häuser, das Brachtsche, die Krüge entlang dem alten nordsüdlichen Helweg gestanden, der durch die Senne hindurch, die Lippe mit der Weser verband.
[Bild: Das spätromanische Portal]
Langsam stapfen wir den Steinpfad zur alten Gaukirche des Havergaus hinan, verhalten vor dem niedrigen stumpfbogigen Turmeingang, freuen uns der edlen Kelchkäpitale der Leibungspilaster, vernehmen in der Gesamtanlage Klänge aus der nach 1230 errichteten Hallenkirche St. Nikolai zu Lemgo, erkennen in den spätgotischen Fischblasen letzte Zutaten von 1511 und folgen gern dem Glöckner auf steiler Treppe aus überwölbtem Erdgeschoß in die Turmstube, wo uns besonders die Bronzeglocke von 1547 interessiert. Ihre Inschrift erscheint uns als plattdeutscher Urtext des Mottos zu Schillers „Glocke“: „Sanderus (Alexander ist Kirchenpatron) hete ick, de lebendigen, rope ick, de doten beschrie ick, deme donder sture ick. johan ahues de goet mick. apno do-mini MCCCCCXLVII. v. d. m. i. e.“ (ver-bum Domini manet in aeternum).
Wir sind wieder unten, queren den alten Helweg und steigen die „Himmelsleiter“ hinan. Die Häuser rechts und links scheinen mildem Berge verzahnt, zusammengeschweißt, einsgeworden. Meine Mädels zählen die Stufen, hüpfen, hetzen, überholen sich. Und ich? Ich halte Umschau, bei jedem Absatz. Immer umfassender werden die Durchblicke. Wie ein Symbol ist diese Treppe, Gleichnis des menschlichen Lebens, das, in rückschauender Sicht, immer tiefer, umgreifender, begreifender in die Ferne blicken läßt.
Und so, im Schatten des altehrwürdigen, efeuumsponnenen Judenfriedhofes, seiner Weitgewanderten und Zuendegekommenen, meine ich, daß auch sie, diese Ruhestätte auf der Höhe, nur ein Sinnbild sei, daß alles, mein Leben, Dein Leben, nur ein Übergang, wie Oerlinghausen, die Hangsiedlung über dem Paß.
Dr. A. Meier-Böke.