Haus Neuland - Tradition mit Zukunft

Die Anfänge von Haus Neuland - Ein Zeitzeugenbericht von Elfriede Eilers

 

Elfriede Eilers, langjährige Bundestagsabgeordnete (1957 bis 1980), Führungspersönlichkeit der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen und stellvertretende Bundesvorsitzende der Arbeiterwohlfahrt berichtet:

1928 bis 1930 wurde das etwa 8.000 m2 große Grundstück, auf dem heute das „Lila Haus” steht, durch die Sozialistische Arbeiterjugend (SAJ) von dem Bauern Gustav Detmer in Lämershagen gepachtet. Ich nahm bereits 1931 an einem ersten kleineren, gemischten Lager der Bielefelder Falken und Sozialistischen Arbeiterjugend teil, dem im Juli und August 1932 ein großes Lager folgte. An ihm nahmen Falken aus Bielefeld, Herford, Detmold und Osnabrück teil.

Die Zeltlagerpädagogik war ein wichtiger Bestandteil der Auffassung und Arbeit der Sozialistischen Arbeiterjugend bzw. der Kinderfreundebewegung, die in diesen Zeltlagern versuchten, mit Kindern Demokratie zu erleben. Die Zeltlager waren also so aufgebaut, dass man einen Dorfältesten oder Bürgermeister wählte, dass sich aus den einzelnen Zelten wiederum Sprecher zu einem Lagerparlament zusammenfanden, die dann auch einen ganzen Teil des Programms und dergleichen bestimmten.

Als einzige Sanitäranlage diente ein sogenannter Donnerbalken hinter einer Barriere: Es wurde also eine Grube ausgehoben, darüber war ein Balken gezogen wie einst beim Militär, und da hat man seine Bedürfnisse verrichtet. Wasser, zum Kochen wie zum Waschen, wurde der Schopke entnommen, aber auch noch nicht über eine Treppe, sondern man musste sich noch den Hang runterhangeln, und genauso wurde das Geschirr dort gewaschen.

Man erreichte die Senne noch zu Fuß. Ich wohnte in Schildesche und war damals vielleicht neun Jahre alt. Aber der Ehrgeiz packte einen dann ja doch, dass man den großen Topf, in dem selbst abgekocht wurde, oder aber den Wimpel der Gruppe mit der Aufschrift „Schildesche” zu tragen versuchte.

Auf dem Gelände stand eine grüne Baracke, die wahrscheinlich aus dem Ersten Weltkrieg übriggeblieben war und die man irgendwo billig erstanden hatte - genau wie das Bunte Haus der ÖTV weiter oben zum Markengrund hin, dessen alte Gebäude Lazarettbaracken aus dem Ersten Weltkrieg waren. Hier also wurden dann Brote geschmiert und wurde der Vorrat gelagert; hinter dieser Baracke war ein schräges Dach gezogen, mit zwei Pfählen gehalten und mit Teerpappe bedeckt. Darunter stand eine Gulaschkanone zum Kochen und Warmhalten der Verpflegung.

Die Nazidiktatur setzte der sozialdemokratischen bzw. Arbeiterbewegung und den Kinderrepubliken in Neuland ein Ende.

Bevor Hitlers „Geheime Staatspolizei” (Gestapo) zugreifen konnte, hatten die Genossinnen und Genossen alles, was beweglich war, in Sicherheit gebracht und den Platz mit seinen mühselig errichteten Bauten zum Schein an Oskar Wiethüchter, den Schwager Willi Möllers, verkauft. Dann erhob die Gestapo Geldforderungen an Oskar; erst nach Zahlung wurde Oskar Wiethüchters Besitzrecht anerkannt. Als dieser zwei Jahre später erkrankte, kaufte Willi Möller den Besitz und schloss mit Bauer Detmer mündlich einen zehnjährigen Mietvertrag über einen jährlichen Mietzins von 15 Reichsmark.

So trafen sich auch nach 1933 noch illegal Aktivisten der SAJ bzw. der Kinderfreunde auf dem Gelände, das relativ zugewachsen und daher nur schwer kontrollierbar war.

Es gab daneben noch eine andere Hütte - nicht weit von hier entfernt - in der Wolfskuhle in der Nähe vom Pollmannskrug. Dort hatte Arthur Ladebeck ein Wochenendgrundstück, und wenn man aus bestimmten Erlebnissen zurückkam und sie loswerden wollte, hatte man da ungestört Gelegenheit.

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Nach Kriegsende ging hier natürlich der Betrieb mit den Freizeitlagern wieder los. 1946 hat die Stadt Bielefeld ein erstes Zeltlager organisiert - Probezeltlager nannte sie es - unter der Überlandzentrale am Bunten Haus. Da gab es zwei Durchläufe, mit 30 Leuten ungefähr, damit man auch das pädagogische Raster und den Tagesablauf lernte. Auf dem Grundstück hatten wir z.B. keine Waschgelegenheit, da hat man sich in der Schopke gewaschen. Man lief barfuß; das war ganz besonders in der Nachkriegszeit schön, als man die Wäsche sowieso nicht richtig waschen konnte.

Ich habe dann 1947 das erste Zeltlager gemacht; wir hatten zuerst nur dieses Rund zur Verfügung, wo heute das Lila Haus steht. Die sanitäre Nutzung wurde dann natürlich schon etwas komfortabler. Unten im Tal, an der Schopke, stand eine Holztoilette - alles noch schön sparsam; wenn man sich da morgens eine Viertelstunde „separierte”, hatte man die Stimmung des Lagers. Dann wusste man durchaus, welcher Helfer nun zuverlässig war, welcher über das pädagogische Maß hinaus ging, wie die Verpflegung ankam und vieles mehr.

Als festgestellt wurde, dass das Quell- und Fließwasser in der Schopke so schlecht war, mussten wir einen Brunnen bauen und legten vom Haus her eine Pumpe, die wir geschenkt bekommen hatten.

Wir bekamen in den ersten Zeltlagerjahren von englischen Erziehungsbehörden - es gab beim englischen Militär einen Erziehungsoffizier - Grundnahrungsmittel. Man hätte sonst ja nicht wagen können, mit 300 Kindern bei Lebensmittelkarten und ohne Ernährungsreserve etwas zu veranstalten. Wir bekamen Haferflocken, Milchpulver, Grieß, Erbsen, Bohnen und Linsen. Einmal bekamen wir von schwedischen Genossen als Spende saure Heringe, die gab’s dann mit Erbsensuppe. Da wurde also wahnsinnig reingeschluckt. So 12 bis 15 Butterschnitten waren bei den halbwüchsigen Jungs keine Seltenheit. Hier unten in der Mühle - neben den Forellenteichen unten an der Schopke - da gab es das einzige Telefon weit und breit. Aber die Telefonverbindungen mussten noch angemeldet werden, und es dauerte oft eine halbe oder eine Stunde, bis man von Oerlinghausen bis Bielefeld zum Pressehaus eine Verbindung hatte. Wir konnten sowieso nur abends nach 22.00 Uhr telefonieren, denn erst dann konnten wir unseren Helfer in allen Lebenslagen erreichen: Emil Groß, der zweite Mann der Freien Presse - damals war er noch nicht Bezirksvorsitzender, aber der Kraftarm der Sozialdemokratischen Partei in Ostwestfalen-Lippe.

Wir nannten dieses Zeltlager „Neuland“. Mit diesem Namen hatte es folgende Bewandtnis: Unsere Fahnen und andere Materialien hatte ein Genosse in seinem Bauernhaus in der Werner-Bock-Straße gelagert. Als dieses Haus 1947 abgerissen werden sollte, fanden sie das alles wieder, darunter das Leinenband mit dem Dorfschild „Neuland” aus dem Sommerlager 1932. Danach benannten wir dann auch das erste Lager 1947 gleich wieder „Neuland”. Dorf II hatte übrigens „Rote Entwicklung” geheißen ...

1948 haben wir überlegt, ob wir nicht ein Haus bauen sollten, und wenn wir im ersten Schritt nur den Keller schafften, um Vorräte lagern zu können. Darauf haben wir zugearbeitet. Abi Kahn, der „Laienpädagoge” war, aber von ganz exzellenter Art - er war viele Jahre im Jugendhof Vlotho und ist hinterher bei der Gewerkschaftsjugend im Ruhrgebiet hauptamtlich tätig gewesen, ein idealistisch eingestellter Junggeselle - war der Erste, der uns DM 500,- auf den Tisch legte und sagte: „Hier habt Ihr was zum Bauen, das ist das Geld für Zement”. Obwohl er gut verdiente, hat er sicherlich nicht über DM 300,- verdient, es war sofort nach der Währungsreform, als keiner sonderlich viel Geld hatte. Daraus könnt Ihr die noble Geste Abi Kahns ersehen, der bis zu seinem Tod im März 1982 hier ein Wochenendhaus bewohnte. [Fußnote:  Albert Kahn, genannt Abi, stammte aus Hamburg. Erging später als Jugendsekretär zur IG Bergbau nach Bochum. Dort oder im Archiv der Arbeiterjugendbewegung Oer-Erkenschwick sind seine persönlichen Unterlagen und Erinnerungen archiviert. Elfriede erinnert sich noch daran, dass Abi einmal eine Urne gefunden hat, die auf eine frühere germanische Siedlung hinwies und die er an seinem Häuschen aufbewahrte. Die wurde ihm eines Tages geklaut. Elfriede vermutet nach damaligem „on dit“, dass dieser Jemand die Urne für 10 Flaschen Schnaps verhökert habe.]

Wie beschafften wir das Geld zum Bauen?

1948 gaben die Amerikaner und die englischen Soldaten ihre eiserne Ration aus, wollten sie nicht mehr lagern; das waren eingepackte Waren: Pfefferminz, Schokoladenriegel, Kaugummi, ein paar Kekse, was Soldaten so über die Runden brachte. Diese wurden zu einem relativ billigen Preis angeboten über die Regierung in Detmold. Keine Jugendorganisation hatte das Geld, um dieses Angebot anzunehmen. Da hatten Willi Meinke und Emil Groß eine Idee: Die Einzigen, die schon Bargeld hatten, das war der Konsumverein in Bielefeld. Bei dem haben sie ein Darlehen aufgenommen, haben davon den gesamten Lagerbestand aufgekauft und dann ein großes Heidefest in der Senne ausgerichtet. Veranstalter war die Sozialdemokratische Partei, und die Mundpropaganda hieß: Da könnt Ihr auch Schokolade kaufen. Es gab auch damals schon Bratheringe oder Rollmöpse. Wir hatten noch 5-Pfennig-Scheine, erinnere ich mich. Ich kann mir nicht mehr vorstellen, wie sie aussahen. Ich weiß nur, als dieses Heidefest bei strahlendem Wetter an einem Sonntag zu Ende ging: Da haben wir in den typischen Hausfrauenschürzen das eingenommene Geld an den Ständen eingesammelt und es dann in Zigarrenkisten oder ähnlichem einsortiert nach 5-Pfennig, 10-Pfennig und 50-Pfennig, eine Mark, zwei Mark, fünf Mark; wir sind nicht dazugekommen, es zu zählen, weil es eben Nacht wurde. Es kam soviel an Reinerlös raus, dass wir unser Darlehen spielend zurückzahlen konnten und genug übrigblieb, um mit dem Bau anzufangen.

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Und dann haben wir, nachdem die Zeltlager zu Ende waren, im Herbst 1948, also drei, vier Monate nach der Währungsreform, angefangen zu bauen. Der erste Spatenstich wurde an einem Tag getan, an dem in Bielefeld eine Hungerdemonstration stattfand, weil wir zu wenig Kalorien hatten. Aber dann sind wir herausgefahren mit dem wenigen Essen, das wir hatten, und haben gearbeitet. Jede Gruppe der Falken, ob aus Lippe, Bielefeld, Gütersloher oder dem Paderborner Raum beteiligte sich an den Arbeiten. Wir übernachteten in Zelten und haben die Handlangerarbeit gemacht, ob Junge oder Mädchen.

Der Lohn unserer Arbeit bestand in für unsere damaligen Verhältnisse guter und reichhaltiger Verpflegung, die aus den Zeltlagerhilfen stammten, die die Engländer für die Jugendarbeit gaben. Neben dem ideellen Einsatz, den wir leisteten, war es für uns Anreiz genug, sich mal einen Tag richtig satt essen zu können bei der Arbeit. Bis auf die Elektrikerarbeit, die vergeben wurde, ist sonst vom Ausschachten bis zum Dachfirst alles in Eigenarbeit getan worden. Bauleiter oder Polier war August Berlin, der 1949 in den Bundestag kam und neben dieser anlaufenden Arbeit und seiner Funktion als Parteisekretär hier beim Aufbau in Haus Neuland half. Aber nicht nur die Jugend war tätig. Für die qualifizier- te Arbeit standen Samstag/Sonntag ältere Sozialdemokraten, aber vor allem aktive Gewerkschafter zur Verfügung.

Ich kann mich noch gut an die Grundsteinlegung erinnern. Der Bauleiter, August Berlin, hat dabei, wie sich das gehört, wie ich es aber damals nicht kannte, einen Bauspruch gesagt, der inhaltlich so ungefähr hieß: „Dieses soll ein Grundstein für unsere Arbeit sein, aber ein Eckstein für alle, die sich daran stoßen wollen, in Gedanken fest bei der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung.” Das Haus haben wir dann von Oktober 1948 bis zum 1. Mai 1949 errichtet!

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1. Mai 1949: Ich sehe uns da noch auf der Treppe sitzen, Mailieder singen. Wir hatten an diesem „Tag der Arbeit“ hart gearbeitet, bis das Haus sauber war, und damit gerechnet, dass die Kinder dann am nächsten Tag, am 2. Mai, eintreffen würden. Vor allem AWO-Helferinnen und SPD-Genossinnen aus Oerlinghausen haben diese Arbeit getan.

Genutzt wurde das Haus zuerst zur Kindererholung für drei Wochen. Schon damals bestand eine Verbindung mit der Arbeiterwohlfahrt. Die Schwester von Präses Wilms zum Beispiel, hat, wenn die Arbeiterwohlfahrt aus Löhne kam, als Leiterin dieser Freizeit der Arbeiterwohlfahrt mitgearbeitet, und ich hab manchmal mit ihr in einem Doppelzimmer genächtigt. [Fußnote: Dr. Ernst Wilms (1901-1998) war Präses der Evangelischen Landeskirche von Westfalen in der Zeit von 1948 bis 1968. Dr. Präses Wilms stand der Sozialdemokratie offensichtlich nahe, hielt sich in seiner aktiven Amtszeit jedoch öffentlich zurück. 1969 veröffentlichte er eine sogenannte Testimonialanzeige im Wahlkampf für die SPD. Im Februar 1983 trat er in die SPD ein, aus Solidarität mit Helmut Schmidt, dem am 1. Oktober 1982 von Genscher und Kohl gestürzten sozialdemokratischen Bundeskanzler und machte das in einem Leserbrief in der NW öffentlich. Und als Ausdruck der Missbilligung über die Art und Weise, wie sich Helmut Kohl im Gefolge eines neuerlichen verfassungsrechtlich grenzwertigen Misstrauensvotums mit den März-Wahlen 1983 seine parlamentarische Legitimation verschaffte, (vgl. hierzu Elfriede Eilers - Lebensbilder, S. 95-97, 153)]

Überwiegend waren hier in Neuland Ostwestfalen, aber es kamen auch Jugendliche aus dem Ruhrgebiet und vom Niederrhein - die haben gewöhnlich auf der anderen Seite drüben ihre Zelte aufgeschlagen - oder auch Berliner, meistens vom Jugendamt Wedding.

Ich traf übrigens noch vor kurzem in Bonn einige Leute aus Charlottenburg, und eine Frau fragte: „Elfriede Eilers, kommen Sie aus Bielefeld? Ja! Kennen Sie den Heinz Schmidt, den früheren Falkensekretär? Ja! Dann habe ich doch recht, dann bin ich bei Dir schon im Zeltlager gewesen!”

Im Haus dort in der ersten Etage gab es einen uns damals groß erscheinenden Saal, sicherlich nicht so groß wie dieser Seminarraum hier im Gelben Haus, glaube ich. Den hatten wir als Schulungsraum, den nutzten außerdem Gewerkschaften und die Partei. Schwierig war, dass sich die Küche in der Parterre befand und alles eine relativ steile Stiege hochgetragen werden musste. Da waren zwei Stufen, die ein wenig höher oder niedriger als die anderen waren. Was natürlich dazu führte, dass manche auch mal mit einer vollen Kaffeekanne gefallen sind.

Erste Heimleiterin wurde Frau Breitkopf, die vor 1933 sozialdemokratische Ratsherrin gewesen war. Ihr Sohn und ihre Tochter, die Geschwister Breitkopf, haben sehr viel an dem Haus getan. Ihr Mann war kriegsbeschädigt; hinterher stellte sich heraus, dass er TBC hatte und dann natürlich nicht mehr in dem Haus mit Kindern arbeiten durfte. All das, was dort getan wurde, ob es ums Kochen ging, ob ums Putzen oder die pädagogische Leitung von Seminaren, das alles wurde ehrenamtlich gemacht.

Es gab viele Frauen nach dem Zweiten Weltkrieg, die entweder mit Kleinkindern allein geblieben oder Witwen geworden waren oder wo die Männer sehr spät nach Hause kamen. Diese Frauen waren eigentlich dankbar, wenn sie auch mal für sich und ihre Kinder eine ordentliche Ernährung hatten, sich aus z.T. sehr engen Wohnverhältnissen mit ihren Kindern hier in die Senne begeben, ihnen Freiheit gewähren und sich selbst im Kreise von Gleichgesinnten wohlfühlen konnten. Es war also eine große Familie, und der, der am liebsten dahin kam, um dort aufzutanken, das war Emil Groß.

Damals fanden in Bielefeld Wochen der Jugend statt zu einem Thema, eine ganze Woche lang. In Workshops - würde man heute sagen - wurde diskutiert, meistens hier draußen in Neuland, veranstaltet vom Bielefelder Jugendring. Dort hatten wir einen sehr vertrauensvollen und guten Wart: Waldemar, aber Waldemar hat kaum einer gesagt, das war eben Schibi, ob der nun Pastor war oder nicht. Pastor Waldemar Schibilsky war in der Jugendbewegung so bekannt, so beliebt und so konfliktfähig. Der tolerante Schibi und der pragmatische und ein bißchen trockene Willi Meinke, die hielten den Jugendring zusammen. Nur die katholische Jugend marschierte immer ein wenig raus, aber dem Schatten und Charme von Schibi und Willi Meinke, dem konnten sich die Vikare meistens nicht lange entziehen und zogen dann mit am gleichen Strang im Interesse der Jugend. Aber Bielefeld hatte einen enormen Verschleiß an jungen Vikaren in der Jugendarbeit; wenn sie warm geworden waren, wurden sie von der Kirche wieder weitergeschickt, weil die Kirchenoberen diese „Koalition“ nicht so gern sahen.

Einmal bei einem Aufzug ergab es sich, dass vor den evangelischen Mädchen die Gruppe der FKK gehen sollte, und die Mädchen waren empört: „Sieh, die vor uns, das kommt nicht infrage.” Willi Meinke schlichtete das dann aber: „Also Kinder, was wollt Ihr denn! Solange die nicht in Dienstuniform kommen, sollte es Euch doch gleich sein.” Ich will damit nur den Ton kennzeichnen, der in der Zeit miteinander und untereinander gepflegt wurde.

Jährlich wurde ein großes Freiheitssymbol für die Jugend zum 1. Mai in Bielefeld errichtet, ein von der Sparrenburg herunter transportierter, geschmückter Maibaum. Vor dem Rathaus wurde eine Platte hochgehoben - da wurde gar nicht erst gefragt -, und der Baum reingepflanzt. Der Tanz in den Mai einigte alle Jugendorganisationen.

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Neuland spielte in dieser Zeit für uns eine ganz wichtige Rolle. Für Konferenzen benötigten wir aber einen etwas größeren Raum als den Saal in Neuland. In Bielefeld wurde an der Karl-Eilers-Straße ein neues Druckhaus gebaut. Dem Neubau sollte eine große Baracke weichen, die sowohl als Reparaturwerkstatt wie auch als Warteschleife für die Fahrer der Pressewagen diente. Da hat der Willi Meinke mit ein, zwei Jugendlichen diese ganze Baracke auseinandergenommen, und die wurde da, wo jetzt der Saal steht (Blaue Halle), wieder aufgebaut. Dazu haben wir hinterher scherzweise erst mal ‘Reithalle’ gesagt. Und die haben nicht nur Jugendliche genutzt, sondern da wurden auch kleine Unterbezirksparteitage und Seminare veranstaltet.

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Davor, in den Jahren 1950 bis 1952, hatte sich herausgestellt oder angedeutet, dass in Nordrhein-Westfalen eine Bodenreform erfolgen sollte, derzufolge Grundeigentümer ab einer bestimmten Grundstücksgröße von ihrem Land abgeben sollten, um es anderen für Bauzwecke und dergleichen zur Verfügung zu stellen. Hier in der Senne gab es einen Großgrundbesitzer, Tenger von Lentzke. Der Neffe, Graf Schlieffen, kam zurück aus dem Osten, hatte dort seine Güter verloren, und dann hatte der Tenger von Lentzke gesagt: „Dann ist es besser, ich gebe dem Neffen so und so viel ab, bevor ich eventuell enteignet werde.” Schlieffen wiederum beschloss, einen Teil dieses Grundbesitzes, den er dann besaß, weiter zu verkaufen. Was lag näher, als Neuland zu fragen!? Was links von der Auffahrt vom Senner Hellweg hoch nach Neuland bis zum Fichteheim liegt, das ist das von Schlieffen gekaufte Land. Ich glaube, es sind mehr als 20.000 qm, für glaube ich, 20 Pfennig pro Quadratmeter.

Dort konnte man natürlich herrlich Zeltlager machen. Man wünschte sich hier ein Lager, da ein Lager, ganz hinten noch mal ein Lager. Zu den Sanitäranlagen zu kommen, war natürlich nicht ganz so bequem.

In einer Mulde in der blühenden Heide zu sitzen und zu singen, das war schon sehr idyllisch da. Und der eine oder der andere, der über das Grundstück geht, der sieht noch, dass da auf dem Gelände eine große Baracke steht. Diese Baracke hat ursprünglich einmal in Füssen gestanden. 1952 wurde sie dort nach einem Zeltlager abgebaut und kam nach Haltern, zum Halterner See. Am Ende eines Zeltlagers, das dort 1955 stattgefunden hat und wo Willi Meinke die technische Leitung hatte, meinten die anderen: „Ach diese Baracke, zweimal umgezogen - sie hatte damals übrigens noch ein Zeltdach - ist ja sowieso nicht mehr zu gebrauchen, ist ja total verrottet, die lassen wir hier stehen!” - Willi Meinke sagte: „Die bleibt hier nicht stehen. Wenn ihr sie nicht wollt, dann nehme ich sie mit”. Ich hatte in diesem Jahr ein Zeltlager, und jeden Abend, so eine Woche lang, musste ich sehen, dass ich ein halbes Dutzend großer Jungen zusammenholte, die die ganze Baracke für den Transport nach Neuland abbauten. Sie diente uns dann in den ersten Jahren auch noch für Volkstanz, Singen bei Regenwetter usw. Nach dem Bau der „Blauen Halle” wurde sie dann noch gebraucht für Plakatständer, und zwar bis heute, seit fast 50 Jahren!

So kommt es heutzutage noch manchmal vor, dass jemand zu mir kommt und sagt: „Mensch, ich hab doch vorige Woche noch Dein Gesicht abgekratzt”. Da stehen nämlich die Plakatständer, deren Plakate immer wieder überklebt werden, bis sie irgendwann abgekratzt werden. Und bei dieser Gelegenheit kommt von 1976, meinem letzten Bundestagswahlkampf, noch manchmal mein Bild zum Vorschein. Aber auch die Arbeit da draußen mit den Plakaten wird ehrenamtlich gemacht. Ich meine, in dieser Beziehung hat hier dieser Bezirk, dieser Raum, noch etwas Bodenständigeres, als viele andere es haben.

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Sie sehen, wie eng dieses Haus verwoben ist mit politischer Geschichte.

Als für eine kurze Periode die Sozialdemokraten unter Steinhoff gemeinsam mit den liberalen „Jungtürken” um den späteren Bundespräsidenten Walter Scheel und Willy Weyer die Regierung stellten, brachte Emil Groß rasch einen Antrag auf Baumittel für eine Jugendbildungsstätte bei Minister Hemesath ein. So entstanden die heutige Blaue Halle und das heutige Rote Haus. Die riesengroßen Wirtschaftsräume im Keller-  wir hatten 500 bis 800 Jugendliche zu verpflegen - wurden bereits für die Zeltlager im Sommer 1959 genutzt, die beiden neuen Häuser wurden am 17. Oktober 1959 eingeweiht.

Neuland wurde also dadurch erweitert, und es gab wieder einen großen Saal, so dass auch größere Veranstaltungen stattfinden konnten. Da sind dann auch Unterbezirksparteitage dann abgelaufen, das ist ja heute zum Teil auch noch der Fall. Es war interessant, dass hier viele Tagungen stattfanden.

1958 kamen die Sozialistischen Bildungsgemeinschaften hinzu; Geschäftsführer war Alois Hüser, seine damalige Sekretärin Ilse Lindau. Die organisierten Bildungsreisen, Vorträge, die hatten auch Bücher zum Ausleihen.

Ulrich Lohmar, Professor in Paderborn, der 1957 in den Bundestag gekommen ist, hat sehr viel Einfluß genommen. Im Vorfeld schon zum politischen Godesberger Programm der SPD hat er hier eine Bildungsarbeit aufgezogen und mit Alois Hüser dafür geworben, dass auch Nicht-Sozialdemokraten mit unseren Ideen gut bekannt wurden und dass der Wandlungsprozess mit dem Godesberger Programm von einer Klassenpartei zur Volkspartei weiter vollzogen und verbreitet wurde. So hatten wir sehr gute Vortragsveranstaltungen mit erstklassigen Rednern in der Pädagogischen Hochschule Bielefeld. Hinterher saß man auch noch mal mit denen in Biermanns Weinstuben oder im Bielefelder Hof zusammen.

In den sechziger Jahren zogen Lohmar und Hüser dann in Neuland die Wochenendseminare für Schüler und Studenten auf, mit ganz bedeutenden Rednern aus Politik, Wissenschaft und Gesellschaft, und zwar keineswegs ausschließlich Sozialdemokraten! Der Andrang war so groß, dass oft alle umliegenden Jugendherbergen, Vereinshäuser und Hotels angemietet werden mussten. Dies läutete eine neue Epoche ein, und daran knüpfte dann ja Eure Arbeit an, wie Ihr sie seit Mitte der 70er Jahre nach dem Weiterbildungsgesetz leistet. Dieses Stück Geschichte müsstet Ihr noch aufschreiben!

[Bild: Das Haus Neuland-Gelände]

A:         Das „Lila Haus“: In Betrieb genommen am 2. Mai 1949 (auf diesem Teil des

Geländes fanden 1930 bis 32 und 1947/48 die ersten Zeltlager statt)

B:         Baracke: Sie wurde 1955 aufgestellt, das Gelände zwischen 1950 und 1952

von Graf Schlieffen erworben

C:         Die „Blaue Halle“, eingeweiht am 17. Oktober 1959 (heute: Tagungshalle)

D:        Das „Rote Haus“, eingeweiht am 17. Oktober 1959

E:         Das „Grüne Haus“, 1975 eingeweiht als Werkstattgebäude

(heute: Seminarräume)

F:         Das „Gelbe Haus“, eingeweiht am 1. Oktober 1982; das Foyer verbindet

das „Gelbe“ und „Rote Haus“ sowie die „Blaue Halle“ - heute Tagungshalle miteinander.