Lämershagen
Der älteste und gleichfalls größte Hof im heutigen Stadtteil Lämershagen ist Meyer zu Selhausen. In einer Urkunde vom 19.April 947 bestätigt Kaiser Otto II. den Tausch des Hofes "Selihusen" aus dem Besitz des Bischofs von Paderborn an das Stift Schildesche. Seiner Gründerin , der Frau Marsuridis, wird Selhausen sogar als Stammgut zugerechnet. Zu ihrem Stiftsgut gehören auch die von diesem Meierhof abgespaltenen Höfe Westerheide, Sieweke an der Selhausenstraße sowie die an der alten Bergstraße nach Oerlinghausen gelegenen Höfe Halemeier, Wortmann und vermutlich auch Beste im Tal und der Hof Habigsberg auf der Höhe darüber gelegen.
Diese kleine Bauerschaft war spätestens 1244 dem Garensberger Grafen zugefallen.
Der große Einzelhof Meyer zu Wrachtrup dagegen, der oben an der heute nach ihm benannten Straße lag, war um 1200 an die Adelsherren von Lippe gekommen.
Hier setzte nun das Ringen um die Vorherrschaft damit ein, daß die Lipper angrenzend an ihren Meierhof am Oberlauf des Forellenteiches fünf "Häger" aussiedelten, nämlich die Höfe Traphöner, Wächter, Schütte, Pott und Ewert, die zunächst den Ortsnamen "Lerrenbringshagen" erhielten. Die lippischen Adelsherren, mit dem mächtigen Sachsenherzog Heinrich dem Löwen befreundet, hatten zur Sicherung des Gehöftes Wrachtrup auf dem Everskopf (Hünensaut) eine Befestigung angelegt, die als "Löwenburg" bezeichnet wurde. Daraus soll der Name Lämershagen entstanden sein.
In Lämershagen gelang den Ravensbergern später noch die Gründung der beiden Höfe Jostmeier und Kriemelmann im Waldgebiet südwestlich der Bauerschaft und des kleinen Hofes Altrogge weiter westlich davon.
Vom Meierhof zu Wrachtrup, der um 1900 aufgelöst wurde, ist vermutlich schon um 1500 der Hof "Arnd hinterm Berge" abgetrennt worden. Dieser lippische Hof ist 1787 durch Tausch preußischer Besitz geworden. Für eine gewisse Zeit mit dem Hofe Jostmeier vereinigt, erscheint Arnd unter der Nummer 18 um 1825 mit über tausend Morgen, überwiegend Waldgebiet, als größter der Gemeinde Lämershagen.
Bei der Markenteilung zwischen 1800 und 1837 konnten alle Althöfe beider Ortsteile von dem in der Senne gelegenen Gemeinschaftssitz verhältnismäßig große Teile erhalten. In Lämershagen ist nur der Meierhof zu Wrachtrup ausgeschieden. Die Mehrzahl aller jüngeren Besitzungen ist auf ehemaligen Gründen von Wrachtrup entstanden. Alle Hofschaften der übrigen Althöfe sind bis heute erhalten geblieben, einige allerdings unter anderem Namen und Eigentümer und mit geänderten Nutzungsformen. Nach und nach erwarb die Firma Windel die Höfe Arnd, Jostmeier, Kriemelmann, Sandmann und Brüggemann und wurde somit größter Grundbesitzer der Doppelgemeinde mit fast einem Drittel der Gesamtfläche, überwiegend Wald.
Meyer zu Selhausen war lange Jahre preußischer Landtagsabgeordneter. August Meyer zu Selhausen Bürgermeister 1912-1931.
Im Jahre 1825 war Meyer zu Wrachtrup der drittgrößte Hof in Lämershagen. Der Besitzer war Karl Loewe. Er war von 1848 -1863 Gemeindevorsteher und einige Jahre preußischer Landtagsabgeordneter. Das Anwesen wurde 1900 veräußert. Karl Loewe genannt Meyer zu Wrachtrup Bürgermeister von 1848 bis 1863.
Der "gräfliche" Hagen
Ein zur Holznutzung oder Einhegung von Wald vorgesehenes Gehölz nannte man Hagen. Die Landes- oder Grundherren hatten in den Hagen das Jagdrecht. Etwa 1200 begann man, diese Hagen zu besiedeln. So gründeten die Feldherren zur Lippe in der Nachbarschaft ihres Hofes Meyer zu Wrachtrup fünf Hagenhöfe, Leveringhagen genannt. Im Gegenzug gründeten die Grafen zu Ravensberg in einem nord-südlichen Querpaß des Teutoburger Waldes eine Bauerschaft mit acht Höfen, den "gräflichen Hagen". Das zugeteilte Land war für jeden Siedler ein zusammenhängendes Gebiet, die Waidhufe. Infolge ihrer besonderen Gründungsform unterstanden die Siedler dem Hagenrecht, einer leichteren Form der Eigengehörigkeit.
Gräfinghagen blieb über 600 Jahre eine selbständige Gemeinde. Der Lauf des Menkebaches bildete seither mit dem Hof Wöstenfeld hier die Grenze zu Lippe. Auf der Paßhöhe zu Oerlinghausen wurde König der Grenzhof. Im Quertal entstanden die Höfe Prante, Blome, Viehmeister, Moshage, Bögeholz und Posteher mit dem Sussiekbach als Scheidelinie. Die drei Höfe Prante, Blome und Viehmeister wurden später zu einem zweiten Hof Bögeholz zusammengefaßt, die Höfe König und Posteher in einer Hand vereinigt und der Hof Moshage verschwand ganz. Alle Hofschaften der Althöfe sind bis heute erhalten, zum Teil unter anderem Namen und mit geänderter Nutzungsform. Gräfinghagen wurde als selbständige Gemeinde mit der eigenständigen Gemeinde Lämershagen gemeinsam von einer Gemeindevertretung verwaltet. Seit 1930 bilden beide Bauerschaften das Dorf Lämershagen, heute den Stadtteil Lämershagen.
Die neuere Geschichte Lämershagen ist eng verbunden mit der Geschichte der SPD. Das wird deutlich an der Person des demokratischen Abgeordneten im Preußischen Landtag Löwe genannt Meyer zu Wrachtrup, aber auch an dem künstlerischem Schaffen seines Sohnes Karl Löwe. Nach der Kinder- und Jugendzeit in Lämershagen und einer bewegten Ausbildungszeit beginnt er sein künstlerisches Schaffen in Bielefeld. Hier geht es ihm um die Umsetzung seines politischen Bekenntnisses: Als SPD-Mitglied und Bildungssekretär will er die Arbeiterinnen und Arbeiter unmittelbar durch die Kunst ansprechen. So gestaltete er sechs 3,5m hohe Glasbilder für den Rütli-Festsaal, der im August 1928 von Reichsinnenminister Carl Severing eröffnet wurde. Sie sind Zeugnisse der Industriegeschichte. Drei der sechs farbigen Bleiglasfenster sind heute im Historischen Museum Bielefeld ausgestellt. Aber auch biblischen Themen wandte er sich zu, wie die Beispiele in der Oerlinghauser Kirche und in der Friedhofskapelle in Sieker zeigen. Karl Löwe, ein Künstler, der Menschen in ihrer Lebenssituation ansprechen wollte, zugleich aber auch die religiöse Dimension nicht ausklammerte.