Sie standen auf dem Dachboden

Aus der Zeitungsbeilage „Unsere lippische Heimat“ Nr. 5 - 1959

 

Über 2000 Jahre alte Urne mit zwei Beigefäßen im Schopketal bei Oerlinghausen

Wohl zu allen Zeiten und in allen Kulturstufen hat der Mensch in sieh die Verpflichtung gefühlt, sich um seine Toten zu kümmern und sie pietäts-voll zu bestatten. In den ersten Anfängen wurden die Leichen auf ebener Erde oder in Gruben beigesetzt.

Eine Steinunterlage und ein Steinkissen unter dem Kopf kommen vor. Steinplatten über dem Kopf und den Beinen sind festgestellt worden. Beigaben von Speisen und Geräten sorgen für die Bedürfnisse des Toten. Es kommen Rücken- und Hockerstellung vor. Frauen und Kinder erhalten vielfach Schmuck mit ins Grab. Auch Teilbestattungen, wie in der Ofnet-Höhle (westlich Nördlingen bei Holheim), wo 9 Frauen- und 20 Kinderschädel vom Kumpf getrennt und in besonderen runden Gruben beigesetzt wurden, sind festgestellt.

[Bild: Germanische Leichenbrandurne mit zwei Beigefäßen aus einem Sandhügelgrab im Schopkebachtal (etwa 400 v. Chr.)]

Dann herrscht in nordischen Kreisen der „Hausgedanke“ vor, d.h. jeder Tote muß in einem Hause oder einer Nachbildung desselben beigesetzt werden. Die Nordleute führen in der jüngeren Steinzeit aus Findlingsblöcken große Bauten aus, die an ein Haus erinnern, die Megalithgräber. Uns am nächsten ist das bei Werste bei Oeynhausen. Eine ganze Reihe sind noch in der Lüneburger Heide vorhanden. Anschließend finden wir die Steinhügelgräber der Bronzezeit, bei uns im lippischen Norden und in der nördlichen und mittleren Kette des Teutoburger Waldes.

Im Gebiet von Oerlinghausen bis zur Dörenschlucht stellte ich im Jahre 1938 nicht weniger als 42 dieser Gräber fest. Die allmählich nun eintretende Brandbestattung ist bereits Ausdruck einer vergeistigten Seelen- und Jenseitsvorstellung. Die neue Bestattung ist zunächst die in Urnenfeldern, wie wir sie beispielsweise in unserem Lande in Wülfer finden. Die in der Steinzeit auftretenden Tongefäße in Gräbern waren Behältnisse für Speise und Trank, die den Toten Wegzehrung sein sollten. Erst ab Bronzezeit sind sie auch Behälter für Knochen- und Aschenreste der Leichenverbrennungen. Die neben den Urnen in Gräbern beigestellten kleineren Gefäße, die sogenannten Beigefäße, dienten zur Aufnahme von Trank- und Speiseopfern. Die mit Leichenbrand gefüllte und von einer Schale oder einem Scherben geschlossene Urne wurde auf den gewachsenen Bodenhügel darüber geworfen oder aus gestellt, darüber noch Verbrennungsasche geschüttet, dann ein Sand-Plaggen aufgeschichtet, oftmals auch noch als Bannkreis ein Graben um den Hügel gezogen. Die Hügel messen im Durchmesser 4 bis 20 m und eine Höhe von 0,20 bis 1,50 m. 117 solcher Sandhügelgräber konnte ich 1938 noch im Gebiet Oerlinghausen-Dörenschlucht feststellen.

Infolge der Industrialisierung der Senne und durch Verwüstung der dort operierenden Panzer wird ihre Zahl von Jahr zu Jahr geringer.

1929 grub ich 100 m nördlich der Oelmühle im Schopketal einen mittelsteinzeitlichen Wohnplatz aus, nicht ahnend, daß etwa 200 m von dieser Landzunge unter einer schwachen Bodenerhebung von 30 cm Höhe eine Leichenbestattung aus der Zeit um 400 vor Christi Geburt eines Tages ans Licht kommen würde.

Der so niedrige, dazu langgezogene Sandhügel machte ganz und gar nicht den Eindruck eines Sandhügelgrabes. Jahre später begannen die Schreckensnächte der Bombenangriffe. Wer es irgendwie schaffen konnte und die Möglichkeit besaß, kehrte der Großstadt, namentlich in den Nächten, den Rücken. So auch Frl. K. aus Bielefeld-Stieghorst. Gemeinsam mit ihrem Verlobten erwarb sie ein Grundstück an dieser Stelle im Schopkebachtal zur Errichtung eines Wochenendhauses.

Beim Begradigen des Geländes stießen sie in 30 cm Tiefe auf einen harten Gegenstand. Sie glaubten einen Dachziegel oder einen alten Topfscherben ans Tageslicht gebracht zu haben und warfen diesen achtlos beiseite. Doch beim weiteren Verlauf der Begradigung kamen an derselben Stelle, etwas tiefer, ein guterhaltener Topf mit schwärzlichem Inhalt und zwei kleinere, nur an den Rändern verletzte, zum Vorschein. „Sicher haben hier Kinder gespielt und die Töpfe vergraben“, meinte man. Da sie aber niedlich aussahen, bewahrte man sie im Wochenendhaus hinterher auf.

(Schluß folgt)

 

Verantwortlich für die Beilage „Unsere lippische Heimat“, Wilh. Eyring, Detmold