Tagebuch von Frau Helga Düring
Betr. Kriegsende in Oerlinghausen
[Anmerkung: Dieses Tagebuch wurde mir von Frau Helga Düring - Holterstr. gütigerweise zur Verfügung gestellt. Fritz Soll sen. - Februar 1985]
Oerlinghausen, den 9.5.1945. Was ich während der Ostertage und Kämpfe um meine Heimatstadt erlebte. Die Ereignisse der letzten Wochen, sowie das alles, was wir in den Tagen des Kampfes um Oerlinghausen erlebten, möchte ich hier niederschreiben und erzählen. Als am 29. März die feindlichen Panzerspitzen bis Brilon, in Richtung Paderborn, vorgestoßen waren, wurde der Oerlinghauser Volkssturm zusammengerufen. Auch mein Vater mußte des Nachts fort, um mit anderen Männern an den Panzersperren in der Senne Wache zu stehen. Gegen Morgen kam er zurück mit der Botschaft, daß die Spitzen auf Kassel abgebogen seien. Damit begann es hier eigentlich erst recht. Jedoch das Schießen der Artillerie hörten wir schon seit vielen Tagen sehr deutlich. Nun kam es immer näher. Die deutsche Front aus dem Ruhrgebiet zog sich täglich mehr zurück. Unsere Soldaten vermochten dem vielfach überlegenen Feind keinen Widerstand mehr entgegenzusetzen. Tag und Nacht zog die aufgelöste deutsche Front die Straße längs, nach Nordosten. Es war ein trauriger Anblick. Am 30. März fiel Paderborn nach schweren Kämpfen. Sonnabends hieß es: „In Schloß Holte wird gekämpft.“ So rückte Ostern heran. Jeder sah voll Spannung und heimlicher Angst auf die Festtage. Denn daß die nächsten Tage Entscheidendes bringen würden, war allen klar. Am Ostermorgen, es möchte gegen ½ 7 Uhr sein, wurde das Artillerieschießen so schlimm und kam so nahe, daß immer alles wackelte und dröhnte. Eiligst weckte Mutter uns und befahl uns so schnell wie möglich anzuziehen. In Erwartung der Dinge, die da kommen sollten, zogen wir jeder doppeltes Zeug an, unser bestes natürlich. Für den Fall, daß wir evtl. räumen müßten, hatten wir 8 Tage vorher schon das nötigste Zeug in Koffer eingepackt die wir nun immer zur Hand hatten. Lebensmittel, wie Brot, Butter, etwas Schinken und auch Pickert, packte Mutter jetzt noch in den Schultornister und Brotbeutel ein. Unsere Papiere durften auch auf keinen Fall vergessen werden. Das Artillerieschießen ließ von Zeit zu Zeit nach, wurde dann aber wieder um so doller. Christel und ich sind morgens noch zu Tante Erna gewesen. Obwohl Mutter starke Bedenken hatte wegen der Schießerei, sind wir doch heil wiedergekommen. So verging der Morgen. Aber eins habe ich noch vergessen. Sonnabends abends kam ganz unerwartet Onkel Ernst hier an, und zwar mit dem Fahrrad von Brockhausen. Die Freude über das Wiedersehen war groß. Am Osternachmittag stieg unsere Spannung. Man hörte, daß Stukenbrock die weiße Fahne gehißt und sich kampflos ergeben habe. Das Schießen hatte aufgehört, und wir hofften, daß unser Bürgermeister die Panzer so durchziehen ließ. Aber der Kommandant vom Flugplatz hatte mehr zu sagen. Er befahl: „Oerlinghausen muß und wird verteidigt werden.“ Selbst der Bürgermeister war dagegen machtlos.
Nachmittags mußte auch Onkel Ernst wieder fort. Er wurde hier allerdings von unseren Posten angehalten und sollte sich in der Volksschule melden. Da er doch nicht mehr durch kam bis nach Brockhagen, sollte er bei den Kämpfen um Oerlinghausen eingesetzt werden. Gegen 6 Uhr nachmittags wurden von der H.J. überall in den Straßen Zettel verteilt. Darauf stand, daß während der Kämpfe um Oerlinghausen die Bevölkerung in die Umgegend der Stadt evakuiert werden könne. Dieselben sollten sich dann um 8 Uhr auf dem Marktplatz einfinden. „Es sei aber eines jeden freier Wille.“ Diese Worte zerschlugen unsere Hoffnung, Oerlinghausen würde sich doch so ergeben und versetzten alle in große Erregung. Es wurde hin und her überlegt. Vater riet uns, wie Onkel Ernst vorher, hierzubleiben u. abzuwarten. Nun gut. Viele Leute packten schon ihre Habseligkeiten auf Fahrräder, Kinderwagen oder Karren und wanderten weg. Wir banden noch unsere Betten ein und verstauten sie mit den anderen Sachen im Keller. Mittlerweile wurde das Schießen wieder so schlimm, daß die Kinder immer schrien und nicht hierbleiben wollten. Der erste Panzer stand bereits bei Sültemeier. Tante Mathilde war schon weggegangen nach Asemissen. Nach langem Hin- u. Herraten entschlossen wir uns zuletzt schweren Herzens, auch zu gehen. Wohin, wußten wir selbst noch nicht. Es war inzwischen ½ 8 Uhr geworden, als wir fortgingen, nur mitnehmend, was wir tragen konnten. Es wurde auch höchste Zeit. Das Schießen kam immer näher und der Himmel war bei dem Aufblitzen jedesmal ganz rot. Also nur fort. Ob wir unser Haus so wiederfinden würden, wie wir es verließen? Ach wäre es doch nur schon vorbei, was bevorstand! Unterwegs rief uns schon jemand zu, wir müßten von der Straße, im Felsenkeller sei noch Platz. Also dorthin. Ganz atemlos kamen wir dort an. Viele Leute waren nicht darin, weil der Felsenkeller eigentlich nur für Alte und Kranke bestimmt war. Wir trafen Tante Erna und Tante Paula mit Tante Laura Posteher auch dort, und wir blieben. Da im Felsenkeller war es furchtbar feucht, und es tropfte von den Wänden. Das war nicht so angenehm. Wir hatten uns Decken und alte Mäntel zum Schutz gegen die Feuchtigkeit umgehängt. Wer noch einen Schirm hatte, spannte den natürlich auch auf. Für kurze Zeit ließ sich dieser Zustand wohl ertragen. Wir hofften auch felsenfest, daß wir allerspätestens am nächsten Morgen wieder nach Hause gehen konnten. Aber die kommenden Dinge sollten uns lehren, daß wir uns darin bitter getäuscht hatten. Die kalte Kellerluft machte sich nur allzubald bemerkbar, zumal wir doch fast immer stillsaßen oder auf einem trockenen Eckchen standen. Alle warteten voll Spannung, was die nächsten Minuten bringen würden. Ach, wurde uns die Zeit lang! Kam denn der „Ami“ immer noch nicht? Wir sehnten ihn direkt herbei, um aus diesem Loch wieder herauszukommen. Draußen vor dem Kino standen immer einige Männer Wache und unterrichteten uns zeitweise über die Vorfälle der Gegenwart. So erfuhren wir, daß der erste Panzer schon bei Sültemeier (jetzt Höhne, Blumenhandel) stehen sollte. Der Vormarsch der Amerikaner ging jedoch nur langsam vonstatten; denn unsere Soldaten leisteten an allen Ecken harten und heldenhaften Widerstand. Es mochte wohl gegen Mitternacht oder später sein, als Hasenbeins aus der Badeanstalt in den Felsenkeller kamen, ganz verstört und erregt. Ihr Haus hatte einige Treffer bekommen, und sie waren geflüchtet. – Allmählich verlangte der Körper auch sein Recht. Hunger und Müdigkeit machten sich bemerkbar. Wir hatten etwas an Eßwaren mitgenommen, von denen wir nun zehren konnten.
Tante Erna hatte u. a. auch ihren Liegestuhl mit im Felsenkeller. Wir haben abwechselnd darin gelegen und ein wenig geschlafen. Die Stunden verrannen schleichend. Wir hatten uns damit abgefunden, die ganze Nacht hier noch zubringen zu müssen. In der Morgenzeit, als das Schießen nachgelassen hatte und es draußen ruhiger wurde, ist Vater nach Hause gewesen, um dort nach dem Rechten zu sehen. Etwas später, als er schon wieder zurück war, unternahmen Tante Friedel, Mutter und ich noch einmal das Wagnis, nach Hause zu gehen. Wie ruhig und friedlich war es ringsum! Fern im Osten zeigte sich schon der Schimmer des herannahenden Morgen, und die Nacht mußte dem Tage weichen. Es mutete uns so eigen an, es war wohl die Stille vor dem Sturm. Nichts regte sich. Die Straße war verlassen.
Zu Hause angekommen, hat Mutter erst Feuer angemacht und Kartoffeln gebraten, die wir in einem Topf mitnahmen. Tante Friedel brachte noch den Rest von ihrem Osterbraten, einem leckeren Kaninchen. Nachdem wir selbst alle noch etwas gegessen hatten, türmten wir mit unserer Futterorge [vermutlich gemeint: Futter-Sorge/Vorrat] zurück. Im Felsenkeller wurde dann erst geschmaust. Die schönen, noch warmen Bratkartoffeln mundeten vortrefflich. Schade, daß es nicht mehr waren! Draußen tat sich nichts Besonderes, nur hin und wieder fiel ein Schuß. – Der folgende Tag brachte uns nur ein Stückchen weiter. Hansings und Elbrachts Haus brannten ab. Der erste Panzer sollte bereits an der Kirche stehen.
Ostertag, 2. April 1945. Am Nachmittag hieß es von offizieller Seite, im Felsenkeller dürften nur Alte und Kranke bleiben. Alle anderen sollten aus Oerlinghausen heraus. Nur wohin? Wir erinnerten uns an eine Kontaktadresse in Währentrup, Frau Bax. Wir gingen noch einmal nach Hause, packten das Nötigste auf einen Bollerwagen (ich schob noch mein Fahrrad, am Lenker hing eine Mettwurst, mit dem Nagel, der am Ende steckte, habe ich mir meine Strümpfe zerrissen, das werde ich nie vergessen). Also Richtung Währentrup. Es war lebensgefährlich in der Stadt. An allen Ecken standen Soldaten und bedeuteten uns, ganz schnell die Stadt zu verlassen. Es mochte gegen 19.00 Uhr sein, als wir bei Frau Bax eintrafen. Sie hatte ein Häuschen für sich allein und einige Landwirtschaft. Begeistert war sie nicht über unser Erscheinen (6 Personen). Aber wir konnten bleiben über Nacht. Da es Abendbrotzeit war und wir alle hungrig waren, kochte sie einen großen Topf voll Pellkartoffeln. Meine kleine Schwester, 7 J. alt, rief immer nach Brot, das wir aber nicht hatten. Doch wir wurden satt, hatten wir doch auch Mettwurst bei uns. In der Nacht fanden wir keine Ruhe. Wir wußten, Oerlinghausen sollte verteidigt werden. Da die deutschen Soldaten so hartnäckig stellenweise Widerstand leisteten (besonders auf dem Tönsberg hatte sich der Werwolf verschanzt), konnten die Amis nicht vordringen. Immer wieder gab es Schießereien. So beschloß der Ami, in dieser Nacht einen Fliegerangriff zu machen und die Widerstandsnester zu zerstören. Wir hatten alle große Angst! In der Nacht aber gab es ein furchtbar schweres Gewitter mit Wolkenbrüchen, wodurch die Flugzeuge nicht starten und ihren Angriff nicht ausführen konnten. Am nächsten Morgen übergab der Kommandant Oerlinghausen. So blieb unsere Stadt davor verschont, in Schutt und Asche gelegt zu werden. Wir sahen es als ein Zeichen des Himmels und waren Gott dankbar. Wie erleichtert waren wir, als wir am Morgen von der Übergabe hörten, war es doch für uns das Zeichen, wieder nach Hause zu können. Nach einem kleinen Frühstück packten wir unsere Siebensachen zusammen, vorn am Bollerwagen wurde eine weiße Fahne befestigt, das mußte sein! Je näher wir der Stadt kamen, um so bedrückter waren wir. Unterwegs begegneten uns die Militärfahrzeuge. Durch die Stadt konnten wir nicht. Wir gingen über den Berg (Tönsberg-Straße) und sahen bei Hofbüker die ersten toten Soldaten liegen. Nur noch ein Stück weiter. Ob unser Haus wohl noch steht? Dann riskierte ich einen Blick bei Sandmanns (heute Tiekötter) um die Ecke. Gott sei Dank – unser Haus stand noch! Beim Näherkommen entdeckten wir zwar einige Schäden – sämtliche Fensterscheiben waren zerbrochen und in den Keller waren einige Volltreffer gelandet – aber was machte das schon. Hauptsache, wir konnten wieder in unser Haus! O weh, in der Wohnung von Tante Mathilde hatten sich die Amerikaner einquartiert. Sie lagen mit voller Uniform und Stiefeln in den Betten. Der Küchentisch war voll bedeckt mit guten Speisen, sodaß man nicht ein Glas mehr hätte darauf unterbringen können! Sie waren recht freundlich zu uns, wir konnten uns ja nur mit Zeichensprache etwas verständigen. Sie aßen und tranken die köstlichsten Sachen u. a. auch unseren Schinken, den wir im Waschtopf versteckt hatten. Abends nach 20.00 Uhr mußten alle im Hause sein. Dann schlossen sie die Haustür ab, einer hielt immer Wache, von wegen der Partisanen. In unserer Wohnung war alles durchwühlt worden, sämtliche Schubladen standen offen und alles lag verstreut umher. Mitgenommen hatten die Eroberer nur meine silbernen neuen Ohrringe, die wir Ostern bekommen sollten und einige andere Wertgegenstände, auch Armbanduhren. Es gab im Haus weder Licht noch Wasser. Mein Vater machte sich als nächstes erst daran, die Fensteröffnungen notdürftig dicht zu machen. Unsere Betten waren noch da, um die hatte Mutter immer am meisten Angst gehabt.
Abends saßen wir beim Schein einer Kerze, später Petroleum-Lampe. Aber nach einigen Tagen waren die Leitungen bereits repariert, sodaß es wieder Strom gab. Wasser holten wir abwechselnd aus Pumpen in der Nachbarschaft. Es war alles eingeteilt. Was wir am wenigsten hatten, war Brot. Die Bäcker fingen zwar wieder an zu backen. Aber die Zuteilungen waren so gering, daß sie nicht reichten, um satt zu werden. Das Maisbrot schmeckte zwar gut, sättigte aber nicht. Jede Familie bekam beim Schlangestehen 1 kleines Brot, sowohl für 3 Personen als auch für 6. Nun mußte ja auch das Land noch bestellt werden. Wir hatten auf der gegenüberliegenden Straßenseite Land. Aber die Straße war Tag und Nacht in Bewegung. Ununterbrochen rollten die Amis mit ihrem Nachschub. Wir sahen dabei die ersten Farbigen, wie sie Kaugummi kauten und auch an Kinder verteilten (das war der Anfang vom Kauen!). Es war einfach keine Möglichkeit, die Straße zu überqueren, ohne Unterbrechung fuhren Panzer + LKW vorbei, Tag und Nacht. 8 Tage, 14 Tage? In den Läden gab es nichts zu kaufen, nur die nötigsten Lebensmittel wurden zugeteilt. Aber es waren in der Umgebung verschiedentlich Lager aufgelöst worden, in denen Lebensmittel für die Wehrmacht gelagert hatten. Da bin ich mit einer Tante oft losgeradelt, um etwas abzubekommen, z.B. gab es irgendwo dicke Graupen, oder Gries oder auch vielleicht Zucker! Es begann jedenfalls eine ganz schlechte Zeit in der Ernährung, die 3 Jahre dauern sollte, bis zur Währung [Währungsreform 1948]. Es gab einfach nichts außer den allernotwendigsten Zuteilungen. Wer nur darauf angewiesen war, na Mahlzeit! Zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel. Es gab auch kein Salz, darunter litt mein Vater besonders, er brauchte es eben. Jede Woche durfte ich nach Asemissen fahren und bekam bei einer Tante vom Vater 1 oder ½ Liter Ziegenmilch. Da konnten wir dann eine schöne Milchsuppe kochen. Wie herrlich! Mutter und Tante Mathilde sind auch über Land gegangen zu den Bauern, um Brot für ihre Kinder. Aber es war deprimierend; oft gab es nicht ein Stückchen, und wenn die Bauernfamilien am Tisch saßen zu essen. Da hatten wir es im Krieg mit der Versorgung besser gehabt.
Dez. 1983