ORTSCHRONIK (Zusammenfassung)
Auszug betr. Kriegsende in Oerlinghausen
[Vorbemerkung: Wahrscheinlich von Postmeister Wilhelm Holzkamp geschrieben.
Sie muß schon vor 1933 geschrieben worden sein, und ist 1935 überholt worden, und nach 1945 auf den neuesten Stand gebracht.
Gegenüber der Reuterschen Chronik, ist sie eine Kurzfassung, allerdings weiter in die Neuzeit fassend. Die Geschichte des Postamtes Oerlinghausen ist von demselben Verfasser. (Fritz Soll sen. 1984).]
Am 25. Mai 1936 beging die Stadt unter großer Teilnahme der Einwohner und der Bevölkerung der näheren und weiteren Umgebung die Feier der ersten urkundlichen Erwähnung vor 900 Jahren mit einem großen historischen Festzug, der in der Zeit vom 23.5. bis 2.6. mehrmals die überaus reich geschmückten, dicht von Menschenmassen eingesäumten Straßen der Stadt durchzog. Während der Festwoche wurde am Barkhauser Berge bei den durch die Bemühungen des Schulleiters Diekmann wieder aufgebauten Germanenhäusern, deren Fundamente von dem Genannten an Ort und Stelle ausgegraben worden waren, täglich das Festspiel "Oerl Bark” von Oerlinghauser Laienspielern aufgeführt. Unter den Gästen waren auch Reichsminister Dr. Rust, der zum Ehrenbürger der Stadt ernannt wurde, und Reichsstatthalter Dr. Meyer.
Im Verlauf des 2. Weltkrieges wurde auch die hier vertretene Industrie zum Teil auf Kriegsbedürfnisse umgestellt, hieran war hauptsächlich die Leinenweberei Carl Weber & Co. mit der Herstellung von Fallschirmstoffen usw. beteiligt. In einer besonderen Abteilung wurden Granatköpfe hergestellt. Die Möbelfabriken fertigten Schränke für Lager und Kasernen sowie als Ersatz für mangelnde Ledersohlen solche aus Holz an.
In den letzten Kriegsjahren wurden hier und in den Gebäuden auf dem Segelflugplatz kleinere Truppenverbände untergebracht und für den Einsatz bereitgehalten. Ein Flugsicherungsdienst wurde für die Luftwaffe von dem NS-Fliegerkorps eingerichtet.
(1945) Als im letzten Kriegswinter das deutsche Heer vom Rhein ins Innere des Reichs zurückgedrängt wurde, sah die Stadt besonders in der zweiten Märzhälfte endlose Durchmärsche des geschlagenen Heeres. In der letzten Woche näherte sich von Süden her der Stadt eine amerikanische Armee. Einige hundert Mann verschiedener Truppen ohne Artillerie, zum Teil erst wenige Tage vorher eingezogen, sollten den Übergang der Amerikaner an dieser Stelle über den Teutoburgerwald aufhalten.
Am 31. März 1945 wurde gegen 20 Uhr die Feindannäherung der Bevölkerung durch anhaltendes Sirenengeheul angekündigt, die Amerikaner waren bis Paderborn vorgedrungen. Kurz darauf wurde die Autobahnbrücke in Lämershagen und am nächsten Vormittag gegen 10 Uhr dort die Straßenbrücke über den Einschnitt der Autobahn, gesprengt. Die Einfallstraße war inzwischen durch Panzersperren, am Kalkofen und in der Hauptstraße gesperrt. Am Ostersonntag (1. April) rückten feindliche Truppen bis in die Linie Augustdorf-Stukenbrock-Kreuzkrug vor und brachten dort über 90 Geschütze in Stellung, die abends bereits den Tönsberg von der Jugendherberge bis zum Denkmal der 145er unter Feuer nahmen. Kurz darauf loderten aus dem Verwaltungsgebäude und den Flugzeughallen, von der sich zurückziehenden Besatzung angezündet, die Flammen auf. Der Feind versuchte durch Spähtrupps vom Menkhauser- und Barkhauser Berge her die Sperren aufzurollen. Bei den Kämpfen gingen die Häuser Stölting am Stukenbrocker Weg und Schmidt, Unterm Menkhauser Berg in Flammen auf.
In den Abendstunden wurde von dem Bürgermeister Möller auf Anordnung des Ortskommandanten der Befehl zur Räumung der Stadt gegeben. Insbesondere sollten Frauen und Kinder sofort die Stadt verlassen. Ein großer Teil der Bevölkerung folgte angesichts der Gefahr dieser Aufforderung und bald wälzte sich der Strom der Flüchtenden, die notwendigste Habe auf Karren, Hand- und Kinderwagen verpackt, auf den Straßen nach Osten und Norden - ein trauriger Anblick!
In den Morgenstunden des Ostermontags setzte der Hauptkampf ein, es gelang dem Feinde, mit schweren Panzern die Sperren zu durchstoßen und bis zur Kirche vorzudringen. Der südliche Teil der Stadt wurde besetzt, bei den Häuserkämpfen wurden die Gastwirtschaft Elbracht und die Häuser Hansing, Hauptstraße 53, und Blanke, Pfarrstraße, in Brand geschossen. Im Verlauf des Tages und der folgenden Nacht wechselten Jugendherberge und Windmühlenstumpf mehrmals den Besitzer. In der Nähe der Kirche wurde ein Sherman-Panzer bewegungslos geschossen und blieb bis zum nächsten Tage liegen. Spät abends brannten auf dem Berge das Haus Diekhof und das geräumige alte Fachwerkhaus Hofbüker, Tönsbergstraße, nieder. In den Straßen durfte sich niemand sehen lassen, alles war in die Keller gebannt. Im Felsenkeller der alten Brauerei an der Tönsbergstraße hatten wohl 200 Menschen Zuflucht gesucht.
Die Amerikaner hatten am Kastanienkrug einen Verbandplatz eingerichtet, von wo die Toten und. Verwundeten nach rückwärts gebracht wurden.
Unsere Verwundeten wurden mit Hilfe des Roten Kreuzes zur Sammelstelle in der Ortskrankenkasse und in die Fabrikraume der Weberei gebracht. Die zahlreichen Toten konnten vorerst nicht geborgen werden.
Am 3. April erfolgte früh ein Angriff unserer schwachen Truppen vom Tönsberg und vom WeIschen aus, der die Amerikaner veranlaßte, vorübergehend bis zum Kalkofen zurückzuweichen. Im Laufe des Tages hatte der Feind den Sperriegel Oerlinghausen umgangen und war durch die Dörenschlucht und über Lämershagen vorgestoßen, seine Panzer rollten gegen 16 Uhr über Scherenkrug nach Osten. Schon seit dem Vortage lagen die Rückzugsstraßen nach Norden und Osten unter Artillerie-Feuer. Unsere Truppen zogen sich einzeln und in kleinen Haufen durch die Schluchten und Wälder zurück. Gegen Abend drangen die Amerikaner, jedes Haus durchkämmend, in den Rest der Stadt ein, damit den Weg freigebend. Noch in der Nacht begann der Vormarsch zur Weser, der tagelang anhielt. In der Nacht brannte noch das Heus Reuter in der Detmolder Straße aus.
Am 4. April meldete der Londoner Rundfunk: „Gestern Abend wurde der Ort Oerlinghausen im Teutoburgerwalde endgültig besetzt, nachdem der harte Widerstand der letzten deutschen Einheit im Ortskern überwunden worden war. Damit ist der Ruhrkessel so geschlossen, daß auch von außen her kein Ersatz gebracht werden kann. Die vereinigten US-Armeen rücken außerdem in breiter Front auf die Weser vor."
In den Straßen der Stadt und in den Wäldern lagen die Opfer der Kämpfe, die erst nach einigen Tagen eingesammelt werden konnten. Mehr als 70 Gefallene wurden am 9. April in einem Massengrab auf dem Friedhof beigesetzt. Von der Bevölkerung waren durch Kampfhandlungen umgekommen: Gastwirt Otto Elbracht, Gastwirt Heinrich Meier, Invalide Overbeck, Schüler Heinrich Heidenstecker und Fräulein Schlüter; diese hatte einem Verwundeten beistehen wollen.
Die Einwohner, denen anfangs nur wenige Ausgehstunden zugebilligt wurden, spürten bald die Härte der Besatzung durch zahlreiche Beschlagnahmen der Häuser, die geräumt werden mußten. Sämtliche Waffen, Feldstecher und Photoapparate mußten abgeliefert werden, Beraubungen von Wertgegenständen, besonders von Taschen- und Armbanduhren waren an der Tagesordnung.
Die Amerikaner wurden bald von Engländern abgelöst, denen im Sommer 1946 norwegische Truppen folgten. Als diese dann im nächsten Jahre weiter in den Nordharz verlegt wurden, folgte nach kurzer Pause das polnische Rote Kreuz, das von hier aus bis Sommer 1952 seine Tätigkeit ausübte.
Sieben Jahre nach Kriegsende wurden endlich die noch beschlagnahmten Häuser und auch das Stadthotel freigegeben.
(1953) Dieses wurde 1953 mit einem Kostenaufwand von 140.000 DM wieder instandgesetzt und gründlich umgebaut.
Durch die Zuweisung von Flüchtlingen aus dem Osten, besonders aus Schlesien, und den Zuzug von Obdachlosen aus den zerbombten Städten stieg die Einwohnerzahl schon bald auf 5.000 an. Die Unterbringung war nach der seit Jahren lahmgelegten Bautätigkeit und den Einsprüchen der Besatzungsmacht sehr schwierig. Erst Ende der 40er Jahre konnten laufend Neubauten erstellt und dadurch das Wohnungselend gemildert werden. 1949 wurde die in der Rektorschule am Kirchplatz und in Noträumen untergebrachte Oberschule in einen neuzeitlichen Anbau an die Volksschule nach der Umwandlung in ein Gymnasium verlegt. Die Rektorschule wurde gleichzeitig umgebaut und bedeutend erweitert, hier fand die Berufsschule eine neue Stätte. Daneben entstanden ganze Siedlungen, so an der Hanegge, in der Grüte, am Widfeld usw. Der Stadt gelang 1952 auch die Freigabe des Geländes und der Gebäude des Segelflugplatzes von der britischen Besatzungsmacht zu erwirken und damit dem wieder zugelassenen Segelflugsport zu einem neuen Aufstieg zu verhelfen.