Vor genau 35 Jahren - brennende Häuser und Maschinengewehrfeuer

In den ersten Apriltagen 1945 war Oerlinghausen Kriegsschauplatz

 

Oerlinghausen (ps). Genau 35 Jahre ist es her, daß In den Ostertagen Anfang April des Jahres 1945 um jedes Haus der Bergstadt, um jede Gasse erbittert gekämpft wurde. Erschütternd Ist die Erinnerung für viele, die vom 1. bis 3. April die Zerstörung ihrer Heimatstadt, den sinnlosen Tod von 75 zum Teil sehr jugendlichen Soldaten und von fünf Mitbürgern mit ansehen mußten. Der Betreuer des Oerlinghauser Stadtarchivs, Stadtoberamtsrat i. R. Erwin Pott, stellte der NEUEN WESTFÄLISCHEN Aufzeichnungen zur Verfügung, die diese schrecklichen Tage In aller Lebendigkeit widerspiegeln.

In einem amerikanischen Geschichtsbuch der „Ninety-Fifth Infantry Division“ liest sich der Verlauf der Kampfhandlungen während der Überquerung des Oerlinghauser Passes, auf dem Weg an die Weser, so: „Die Anfangsziele wurden ohne Kampf genommen, und die Gruppe (Panzer mit Infanteristen besetzt) bewegt sich auf Oerlinghausen zu. Das Annäherungsgelände war bewaldet bis zu 100 m an die Stadt heran. Die Deutschen eröffneten das Feuer mit schweren MGs und flach gerichteten 20-mm-Luftabwehrgeschützen ... Am 2. April wurden von der L-Kompanie zusammen mit der I-Kompanie drei Viertel der Stadt bis Mittag gesäubert. Feindlichen Truppen gelang es während des Tages zweimal, ihren Weg in die Stadt zurückzugewinnen, doch Panzerzerstörer-Feuer zwang sie bei beiden Gelegenheiten wieder heraus. Nahezu hundert paramilitärische Truppenangehörige waren durch die Verteidiger zusammengeholt worden während der Nacht, und diese Verstärkungen kämpften mit ungewöhnlicher Hartnäckigkeit. Während der Operationen wurden 87 Feinde zu Gefangenen gemacht, doch erheblich mehr wurden vermutlich getötet...“

Ein Oerlinghauser Augenzeuge berichtet dazu: „im Paß von Oerlinghausen hatten deutsche Truppen Verteidigungsposten bezogen. Im Laufe des 1. April 1945 (Ostersonntag) waren die amerikanischen Panzer bis auf eine Entfernung von 2 bis 4 km an Oerlinghausen herangerückt. Gegen 18 Uhr setzte die Beschießung durch Panzer und Infanterie ein... Am Nachmittag des Ostersonntags war die Bevölkerung durch Handzettel aufgefordert, die Stadt zu verlassen, nur ein Teil der Bevölkerung kam dieser Aufforderung nach. Durch Artilleriebeschuß brannten in der Holter Straße einige Gebäude ab. In der Frühe des 2. April setzte der eigentliche Kampf ein, der sich hauptsächlich in den Straßen abspielte und bis zum Abend des nächsten Tages dauerte. Die schwersten Kämpfe entbrannten am Fuße des Tönsberges, am Welschenweg und im alten Stadtteil um die Kirche.“

ANDACHT IM INFERNO

Mittendrin in diesem Kampfgebiet befand sich auch Pfarrer Friedrich Schwarz, der mit seiner Familie tapfer bei seiner Gemeinde ausharrte. Es gab an diesem Ostersonntag keinen Fest-gottesdienst, eine kleine Andacht mußte genügen. Er schrieb in Erinnerung an diese Tage: „Während der ganzen Nacht hörte man das Geknatter von Maschinengewehren und das Peitschen von Gewehrschüssen. In der Frühe des 2. Ostertages schob der Gegner seine Panzerspitzen trotz der tapferen Abwehr unserer Soldaten in den Südteil der Stadt vor, besetzte dort einige Straßenzüge und ganze Häuserreihen.... Während der Kampf um den Tönsberg wechselvoll war, hielt der Gegner mit großer Zähigkeit den Teil der Stadt um Kirche und Pfarrhaus            Verbissen ging der

Häuserkampf weiter. In Kirche und Pfarrhaus drang der Amerikaner und hielt sie etwa 36 Stunden In seinem Besitz. Die ganze Nacht über dauerte starkes Artilleriefeuer an, ebenso am 3. April. Ein Wunder, daß bei dem starken Beschuß nicht noch mehr Zerstörungen eingetreten sind. Feuer- und Brandwolken schwelten über unserer Stadt, als das eingesetzte Kampfkommando durch Flucht die Stadt übergeben hatte - nun rollten die amerikanischen Panzer in endloser Kette durch unsere Straßen.“

BOMBARDEMENT ENTKOMMEN

Einer Tagebuchaufzeichnung aus diesen Tagen zufolge entkam die Bergstadt nur mit knapper Not einem zusätzlichen Bombardement - die grell leuchtenden Fliegertücher seien schon ausgelegt gewesen, heißt es da. Während die zurückgebliebene Bevölkerung im Keller saß, wurden 10 Wohn- und Geschäftshäuser total, 23 Wohngeschäfts- und Nebengebäude teilweise zerstört, in 54 Fällen war anderer schwerer Schaden angerichtet worden, und die durch Plünderungen verursachten Schäden beliefen sich auf 25.000 Mark.

Auf dem alten Friedhof bettete man die 15- bis 23-jährigen, die - „bleich, unterernährt, in viel zu weiten, schlotternden Uniformen" als Angehörige der Ersatz- und Ausbildungskompanien des 57. und 64. Panzer-Grenadier-Regiments die Stellung „Bergstadt Oerlinghausen“ auf jeden Fall halten sollten, in drei Massengräber, auf denen jetzt die Schneeglöckchen blühen.

Die Wunden, die der Krieg der Stadt zufügte, sind äußerlich geheilt. Und die Zeit machte auch den Schmerz stiller um die damals zu Tode gekommenen Einwohner. Aber in diesen Tagen zurückzublicken, einen Augenblick im Gedenken zu verweilen - das ist vielleicht auch nach 35 Jahren notwendig...