Die Toten vom Tönsberg
Von Frau E. M. aus Oerlinghausen
Abschrift aus einer Zeitung.
48 Stunden lang hielt in den Ostertagen 1945 eine Randvoll uniformierter Kinder, die von Paderborn kommenden amerikanischen Panzer in den Oerlinghauser Bergen auf. Was von dieser in den Tod gejagten Jugend übrig blieb, ist in 3 Massengräbern auf dem stillen Friedhof am Fuße des heißumkämpften Tönsberges beigesetzt.) 71 sinnlos geopferte junge Menschen, von denen das holzgeschnitzte Kreuz nicht einmal alle Namen weiß.
Sie waren so jung, daß ich weinen mußte, als ich sie sah. Bleich, unterernährt, in viel zu weiten, schlotternden Uniformen zogen sie über die fahlen Feldraine und die violett knospenden Heckenwege dem Berg entgegen, der ihr Schicksal werden sollte. Jeder dritte trug einen Karabiner, ein paar eine Panzerfaust - so stolperten sie über das Pflaster der Stadt und gruben sich in dem struppigen Heidekraut ein.
Wie sie starben, davon weiß ich nicht viel, denn wir Frauen saßen in den Kellern, an deren Türen mal die Amerikaner, mal die Deutschen pochten; wir hockten neben blakenden Lichtstümpfen und horchten auf das Geknatter und die Einschläge der Artillerie, wir befanden uns in der Gesellschaft nickender Greise und angstvoll blickender Kinder, unsere Männer starben woanders.
Daß diese schnell zusammengerafften, in Uniform gesteckten Sechzehnjährigen einen völlig sinnlosen Tod starben, ahnten wir in der Enge unseres Kellers und fanden wir bestätigt, als am Tage nach Ostern die Schießerei verstummt war und wir über die Stiegen lichtgeblendet in's Freie taumelten. Da lagen sie auf dem Kopfsteinpflaster der steilen Bergstraßen, hinter Mauervorsprüngen, am Fuße zerspeilter Kiefern, in Reihen, einzeln-.
Nach allem, was wir hörten, hatte ein 24-jähriger Oberleutnant diesen wahnsinnigen Widerstand gepredigt - aus der sicheren Deckung seines Gefechtsstandes im Rathauskeller. Taub den Argumenten besonnener Bürger und den heftigen Beschwörungen der Frauen gegenüber, die um Schonung ihrer um den braunen Tönsberg gezogenen Stadt baten, hatte er mit der Armeepistole gefuchtelt und mit verbrecherischem Pathos erwidert: „Ich will aus diesem Nest ein zweites Stalingrad machen!"
Er sagte "Nest". Und die in diesen winkligen Gassen und spitzgiebeligen Häusern geboren waren, erröteten wie unter einer Ohrfeige. Was ihnen Heimat war, die österlich bunten Garten, die den Wäldern abgerungenen Felder, die bisher vom Krieg verschont gebliebene saubere Kleinstadt war dem landfremden Landsknecht nichts weiter als das Schachbrett eines größenwahnsinnigen strategischen Ehrgeizes.
Um diese Zeit - es war in der Frühe des 2. Ostertages - sickerte der Amerikaner mit seinen Panzern in jene Straßenzüge ein, die der Senne am nächsten liegen und arbeitete sich in zähem Häuserkampf bis zur Kirche vor. Fast schien es so, als würde das wechselvolle Ringen um den Tönsberg den Startbefehl der verderbenbringenden Geschwader auslösen, deren Bomben die kleine Stadt in einen einzigen Trümmerhaufen verwandeln würden. Die grellleuchtenden Fliegertücher waren bereits ausgelegt.
Da zog mit schwefelgelbem, düsteren Himmel der Abend des 3. April über die Heide des Tönsberges. 19.30 Uhr! Die letzten Schüsse verhallten. Aus den Dachluken des schiefergrauen Kirchturmes sahen die amerikanischen Scharfschützen, diesmal ohne Deckung! Ratternd und lärmend floß der Strom der in der Senne aufgestauten Panzer durch die engen Straßen der Stadt, den verdämmernden Weserbergen entgegen, wohin bereits vor Stunden die Verantwortlichen des Kampfkommandos geflohen waren - auch jener Oberleutnant.
Wir fanden ihn nicht unter den Toten, die wir aus dem Bereich der malmenden_Panzer von der Straße_zogen.
Londoner Rundfunk 4. April: Gestern wurde der Ort Oerlinghausen im TeutoburgerwaId endgültig besetzt, nachdem der harte Widerstand der letzten deutschen Einheit überwunden worden war. Damit ist der Rührkessel so geschlossen, dass auch von außen her kein Ersatz gebracht werden kann. Die vereinigten US-Armeen rücken außerdem in breiter Front auf die Weser vor. Gleichzeitig haben die 9. und 1. US-Armee den konzentrierten Vormarsch in den Ruhrkessel eröffnet!
Aus einem Artikel der Neuen Illustrierten 1951, „Warum die Amerikaner Berlin nicht eroberten!" Ich habe diese Zeilen s. Zt. Abgeschrieben.
[Handschriftlicher Vermerk: I. Schwarz. Es würde mich interessieren, wer Frau E. M. war? Siehe obigen Bericht.]