US-Soldaten befreien 9 000 Gefangene aus dem „Stalag 326“

Vor 40 Jahren in Stukenbrock-Senne - Nur noch der Friedhof erinnert an das Lager - Von Volker Pieper

 

Schloß Holte-Stukenbrock (pivo). Vor vierzig Jahren, am zweiten Ostertag des Jahres 1945, endete ein Stück Schreckensherrschaft der Nazis zwischen Bielefeld und Paderborn: Amerikanische Panzertruppen, die sich auf dem Vormarsch Richtung Nordosten befanden, befreiten das „Kriegsgefangenen-Mannschafts-Stammlager 326 (Vl/K)“, kurz „Stalag 326“ genannt, am Ortseingang von Stukenbrock-Senne. Für 8.500 Russen und 410 Franzosen öffnete sich an diesem Tag das Tor zur Freiheit Zigtausende Gefangene - meist Russen, aber auch Italiener, Franzosen, Jugoslawen und Polen - hatten dort seit Mai 1945 ihr Leben lassen müssen. Sie verhungerten, wurden erschlagen oder auf grausame Weise zu Tode gequält. Man schätzt die Zahl der Opfer auf 65.000. Genau weiß das allerdings niemand, denn auch vier Jahrzehnte nach der Befreiung ist das Mosaik der Lagergeschichte noch immer äußerst lückenhaft. Heute erinnert nur der sowjetische Ehrenfriedhof, der 1945 von den Gefangenen selbst errichtet wurde, an dieses dunkelste Kapitel heimischer Geschichte. Er ist der größte in der Bundesrepublik. Das Lager selbst ist verschwunden. An gleicher Stelle befindet sich heute die Landespolizeischule „Erich Klausener“.

Eigentlich müßte es noch viele alteingesessene Bürger in Stukenbrock-Senne und drumherum geben, die sich an die Osterereignisse des Jahres 1945 erinnern können. Nur ein Zeitzeuge allerdings hat bislang seine Erinnerungen ausführlich zu Protokoll gegeben. Er heißt Anton Bangen und war von 1932 bis 1978 Pfarrer der katholischen Kirchengemeinde St. Achatius in Stukenbrock-Senne. Das Kriegsgefangenenlager fiel in seinen seelsorgerischen Bezirk. Kurz vor seinem Tode im Jahre 1978 hielt er vor Polizeischülern ein Referat über das Stalag 326. Seine Worte wurden per Tonband mitgeschnitten und auf diese Weise der Nachwelt erhalten.

Die Erde bebte

„Sie können sich nicht vorstellen: Das Brüllen der Russen, die Erde bebte förmlich, und in einem Moment waren 10.000 Russen frei", vernimmt man dort über den 2. Ostertag.

Der Jubelschrei der russischen Kriegsgefangenen, die seinen Angaben zufolge zum Teil aussahen „wie Skelette“, hatte sich bei Bangen nachhaltig eingeprägt. Und auch die Stunden danach: „Ich hab’ dann mit den Russen gesprochen, hab’ ihnen Zigaretten gegeben, und da freuten sie sich“, sagt er und berichtet weiter: „Das einzige, was sie haben wollten, waren Lebensmittel. Sie wollten essen. Die Kommandantur hatte da im Forellkrug in dem Saal das Kasino. Dort stand noch das fertige Essen. Da waren sie alle und fielen darüber her. Ein Russe hatte keinen Löffel, da bin ich noch in meine Wohnung gegangen und habe ihm einen Löffel geholt, damit er auch was mitkrieqte. Die haben solche Mengen gegessen, daß viele dieser ausgehungerten Menschen daran gestorben sind. Und dann zogen sie auf die Bauernhöfe, haben das Vieh geschlachtet, die Kühe, die Schweine und alles, was eßbar war, mitgenommen."

Diese Reaktionen der befreiten Gefangenen kann man nur nachvollziehen, wenn man die Zeit davor, die Zeit nationalsozialistischen Terrors lebendig werden läßt. Dafür reichen die Hinterlassenschaften Pastor Bangens allerdings - trotz einer Fülle von Detailinformationen - nicht aus. Inzwischen gibt es jedoch Gruppen und Einzelpersonen, die sich dem (ungeliebten) Thema angenommen und im Laufe der Zeit viele Mosaiksteine hinzugefügt haben. Der Arbeitskreis „Blumen für Stukenbrock“ gehört dazu, jene Gruppierung, die alljährlich zum Antikriegstag am 1. September eine Großkundgebung auf dem Soldatenfriedhof veranstaltet. Der Kreis muß sich freilich seit Jahren die Kritik gefallen lassen, daß er Geschichtsforschung im Dienste vorgegebener politischer Aussagen betreibt. Immerhin liefert die vom Arbeitskreis herausgegebene Broschüre mit dem Titel „Protokoll Stukenbrock“ einige Fakten über das Lager und Äußerungen Überlebender, die betroffen machen. Breiter Raum wird dem Bau des Ehrenmals gewidmet, das von den befreiten ausgemergelten Gefangenen in nur 23 Tagen am Rande des Friedhofs errichtet wurde. Es steht noch heute dort, allerdings in leicht veränderter Form: Ursprünglich krönte eine rote Fahne aus Gips den Obelisken. In den fünfziger Jahren, als der kalte Krieg in voller Blüte stand, wurde sie entfernt und durch das russisch-orthodoxe Kreuz ersetzt.

Der wohl umfassendste Beitrag zur Erforschung der Stalag-Geschichte stammt von Michael Siedenhans aus Schloß Holte, heute Geschichtsstudent an der Universität Bielefeld. Als Schüler nahm er Anfang vergangenen Jahres mit einer Arbeit über das Lager am Wettbewerb der Körber-Stiftung Deutsche Geschichte „Alltag im Nationalsozialismus“ teil und gewann auch prompt einen Preis. Bei seiner damaligen Arbeit wurde er tatkräftig von Reinhard Otto unterstützt. Otto ist Geschichtslehrer in Oerlinghausen. Seit zweieinhalb Jahren befaßt er sich selbst intensiv mit dem ehemaligen Kriegsgefangenenlager in Stukenbrock-Senne. Veröffentlicht hat er allerdings noch nichts, obwohl er vermutlich inzwischen über das größte Archiv in Sachen Stalag 326 verfügt. „Das soll in Zukunft irgendwann einmal nachgeholt werden“, sagt er. Solange ist die Siedenhans-Arbeit also das Standardwerk.

Im Juli 1941, erfährt man darin, nach dem Überfall der Deutschen auf die Sowjetunion, trafen die ersten Kriegsgefangenen im Stalag ein. Zu diesem Zeitpunkt war das Lager erst provisorisch hergerichtet. Beispielsweise befand sich die Verwaltung noch im Gasthaus Forellkrug. Das Dorf Stukenbrock-Senne hieß deshalb im Wehrmachtsjargon „Forellkrug über Paderborn“.

Die Belegstärke soll anfangs etwa 15.000 betragen haben, vorgesehen war eine Kapazität von 100.000. Soviel Kriegsgefangene hat es im Stalag 326 aber nur einmal gegeben: im Winter 1942. Anschließend sank die Zahl wieder, da die „erfolgreichen“ Jahre der Wehrmacht vorbei waren. Zwischen 1943 und 1944 wurde das Lager auf die heute bekannte Größe verkleinert. Die Belegstärke verringerte sich auch deshalb, weil viele Kriegsgefangene in die Bergwerke des Ruhrgebietes verfrachtet wurden oder an Krankheit, Hunger und Mißhandlung durch Wachmannschaften und SS zugrunde gingen.

Obwohl die Behandlung der Gefangenen generell schlecht war, gab es doch Unterschiede zwischen den Nationalitäten. Die Russen - in der nationalsozialistischen Propaganda als „Untermenschen“ oder „degenerierte Bolschewiken“ beschimpft - hielten sich im „Niemandsland“ des Lagers auf. Sie mußten sich ihre Unterkünfte, zumeist Erdhöhlen, selbst bauen, während die Polen, Jugoslawen und später auch die Franzosen und Italiener immerhin in Holzbaracken hausen durften.

Wunden sitzen tief

Doch damit nicht genug: Auch die Ernährung war katastrophal. Schließlich taten menschenverachtende Behandlungmethoden und sadistische Bestrafungen ein übriges. Wenn auch das „Stalag 326“ kein Konzentrations-, sondern ein Kriegsgefangenenlager war, gab es hier doch alle Formen unmenschlicher Praktiken bis hin zum kaltblütigen Massenmord. Stellvertretend für die zigtausendfachen Qualen, die in Stukenbrock-Senne durchlebt werden mußten, mag das folgende grausame Erlebnis stehen, das eine ehemalige Zeitzeugin vor einigen Wochen gegenüber dieser Zeitung schilderte:

Ivonne K. fährt ihr sechs Wochen altes Kind spazieren. Nach wenigen Metern kommt sie zu den Baracken, in denen die ukrainischen Gefangenen leben. Vor der Baracke ist ein Menschenauflauf, im Zentrum der SS-Hauptmann Müller, der - wie immer - ständig mit einer Peitsche gegen seine Stiefel schlägt. Dann steht dort ein Stuhl, und über dem Stuhl hängt ein Seil mit einer Schlaufe. Ivonne K.: „Und die Mütter standen mit der Kindern auf dem Arm und weinten.“ Mehrfach fragt sie die gleichgültigen deutschen Zuschauer, was denn los sei. Doch niemand antwortete ihr. Als sie vorbeigehen will, schreit der SS-Mann sie an: „Und sie bleiben stehen. Sie sind nämlich genau solch ein Kroppzeug wie die!" „Die“, das waren die sieben jungen Männer, die Minuten später wegen „Nahrungsmitteldiebstahls“ auf den Stuhl klettern mußten. Dort wurde ihnen der Strick um den Hals gelegt und der Stuhl unter den Füßen weggezogen. Ivonne K. ist noch heute fassungslos:

„Dann lief noch ein Zittern durch ihren Körper. Die Mütter weinten und die Brüder weinten. Ich habe so laut gebetet, daß die Leute dachten, ich sei verrückt geworden. Die Jungen haben sie dann wie die Schweine auf einen Haufen geschmissen und im Wald verbuddelt.“

Für Ivonne K. wie für viele andere, die das nationalsozialistische Martyrium im „Kriegsgefangenen-Mannschafts-Stammlager 326 (Vl/K)“ und anderswo erlebten und überlebten, wird der Krieg niemals enden. Zu tief sitzen die Wunden. Für sie mag es deshalb wie ein Hohn klingen, wenn alle Jahre wieder über die Zahl der Toten auf dem sowjetischen Soldatenfriedhof diskutiert wird. Ob es nun 65.000 sind oder ein paar tausend weniger. Viel zu viele sind es allemal.