Vortrag über Oerlinghauser Flurbezeichnungen
Vortrag von August Reuter
M. D. u. H. [Übersetzung: Meine Damen und Herren]
Ich möchte Sie Ihnen heute etwas erzählen über die Wege unserer Heimat und - wenn dann noch Zeit ist - über neue Deutungen alter Flurnamen. Der älteste Weg von dem wir wissen, ist die Straße, die von Paderborn nach Osterholz und von dort, sich am Südrand des Gebirges haltend, über Augustdorf, Bartelskrug, Brackwede nach der andern Bischofsstadt Osnabrück führt. Von diesem uralten Wege zweigten überall dort, wo Einschnitte im Gebirge es erlaubten, Querstraßen, Paßstraßen ab, z. B. an der Dörenschlucht, in der Stapelager Schlucht u.s.w. Letztere Querstraße war recht unbedeutend, sie hat wohl nur dem Verkehr der Mönche gedient. Bedeutender war der Weg der von Halle nach Werther - Enger führte. Und uralt ist natürlich auch der Bielefelder Paß, durch den die Köln - Mindener Bahn führt und an dessen Ufer Junkermann seine Steinzeitfunde machte. Eine solch alte Paßstraße ist auch unsere Holterstraße und ihre Fortsetzung die Hauptstraße. Am Oerlinghauser Paß hat Hermann Dickmann seine bekannten Steinzeitfunde gemacht, die unseren Ort in Gelehrtenkreisen berühmt gemacht haben. An dieser Paßstraße entdeckte Dickmann sein germanisches Dorf. Vielleicht wohnten dort noch keltische Reste oder Welsche, die diesem Hang und dem Tal den Namen gaben: Welsche Egge und Im Welschen. Welsche Egge finden wir noch in Karten des 18. und 19. Jahrhunderts. Urkundlich zuerst erwähnt wird unser Oerlinghauser Paß am 1. Januar 1001. Diese Urkunde ist in den Lippischen Regesten unter Nr. 12 aufgeführt. Kaiser Otto III. erneuert in dieser Urkunde, die aus Rom datiert ist, auf Bitten des Bischofs Rethar des Stifts Paderborn seine Privilegien, weil die früheren Urkunden in der Feuersbrunst zu Paderborn im Jahre 1000 zerstört seien. Er erneuert darin namentlich auch das Grafenamt über die Gaue Padergau, Agau, Dreweresgau u.a., sowie ferner den Forstbann von dem Flusse Delkana an sich erstreckend durch Ardenna und Sinedi bis zu dem Wege, der nach Heerse führt. Der Fluß Delkana ist die Dalke oder der Menkhauser Bach oder Schopke, der noch heute Grenzbach zweier alter Grafschaften ist. Die Sinethi oder Sinedi ist die Senne, die Einöde Senne. Und bei Ardenna finden wir in der Vita Meinwerci den Zusatz: id est Osnig. Daß hier der Osnig mit Ardenna bezeichnet wird, geschah aus Heimweh oder Heimattreue oder wie wir es bezeichnen wollen. Als wir in der Ukraine einen lieblichen Fluß, den Teterew, antrafen, nannten wir Soldaten ihn „Mosel“; Auswanderer (aus York) nannten ihre Ansiedlung am Hudson „New York“ - So bezeichneten Mönche, die damals im Anfang der Christianisierung aus dem Frankenreiche zu den widerspenstigen Sachsen kamen, diesen Höhenzug mit dem Namen eines Heimatgebirges Ardenna, während zurückgekehrte Mönche die Ardennen wohl mal nur Osnig bezeichneten. Also durch diesen Osnig ging ein Weg, der nach Heerse führte. Man wird fragen dürfen, warum Paderborner Mönche hier das den Meierhof Heerse wählen zur näheren Kennzeichnung dieses Weges - und nicht Oerlinghausen oder Barkhausen. Nun sicher deshalb, weil Heerse damals der am weitesten nordwärts gelegene Besitz des Stifts Paderborn war. Er war für die Mönche das Ziel. Heerse, weit jenseits des Gebirges; das hier war der Weg nach Heerse, er ging über Barkhausen und auch über das kleine unbedeutende Vorwerk Oerlinghausen, das zu erwähnen nicht wert war. Barkhausen und Heerse waren wichtige, große Gutshöfe des Bischofs von Paderborn, sie sind erst 1607 endgültig zur Grafschaft Lippe gekommen, wenngleich der Graf zur Lippe schon vorher ein Vogteirecht ausübte. Also 1001 führte ein Weg über Oerlinghausen nach Heerse. In einer Urkunde, die 35 Jahre später erlassen wurde, nämlich unterm 25. Mai 1036, werden die beiden großen Meierhöfe Barkhausen und Heerse dem neugegründeten Kloster Busdorf in Paderborn geschenkt. Und mit diesen Höfen auch einige Vorwerke, wie Menkhausen, Oerlinghausen, Heepen, Eckendorf u. a. Das Amt Barkhausen erstreckte sich 1036 also bis vor die Tore von Bielefeld. Ist das richtig? Nein, denn 1036 gab es noch keine Stadt Bielefeld mit Mauern und Toren, sondern nur erst einen Hof Bilifeld, der zur Kirche in Schildesche gehörte. Heepen oder aus dem Vorwerk Heepen wurde später ein Meierhof und aus dem Vorwerk Oerlinghausen die Vogtei Oerlinghausen. Über diese Vogtei und über die Vögte Tofall und Bracht habe ich ja schon früher mal gesprochen. Von dieser Vogtei und von der nahe der Vogtei gelegenen Kirche führten nun wieder Wege ins Land. Z.B.: ein Kirchweg nach dem nächst gelegenen Vorwerk Menkhausen.
Der ging durch die Pfarrstraße und den Gehrenberg durchs Bruch. Ein Fahrweg von Menkhausen nach Oerlinghausen wird wohl immer im Zuge der Bielefelder Straße gelaufen sein, natürlich mit Ausnahme des letzten Stückes von der Howe bis zur Hauptstraße. Denn dort ist die Verbindung ja erst durch die Firmen Gebr. Blume geschlagen und später bei Ausbau der Straße durch Steinmeister und der Hergabe des Stöltingschen Gartens. Vorher ging man durch die Schulstraße, wenn man auf den Menkhauser Weg kommen wollte. Von der Vogtei bzw. dem Vorwerk Oerlinghausen ging natürlich seit unvordenklichen Zeiten ein Weg zum Hauptorte Barkhausen und weiter – wie wir vorher hörten - nach Heerse. Wie verlief dieser Weg? Eigentümlicher Weise nicht im Zuge der Hauptstraße, sondern über den Berg, also im Zuge der jetzigen Tönsbergstraße, also hinter Huwendieks Hause Hauptstraße 53 her, vor Hofbükers Hause her und dann hinunter zum Rathause.
Diese für Mensch und Tier unbequeme Trasse ist nur zu erklären, wenn man uralte wichtige Verbindungen und Ziele unterstellt. Eine solche uralte Verbindung war sicher der Kammweg, der Weg zum befestigten Lager am Ostabhang des Tönsbergs. Da sich in kampfreichen Zeiten das Volk des ganzen Gaues mit wertvoller Habe dorthin zurückzog, wird der Weg stets nicht gänzlich vernachlässigt gewesen sein, sondern schon früh in einem Zustande gewesen sein, wie wir ihn heute noch kennen auf der Strecke von Hofbüker bis zur Windmühle. Aber ich meine, das Tönsberglager allein rechtfertigt nicht diese unbequeme Hauptstraße über die Bergnase (vor Hofbükers Hause her). Es muß noch etwas hinzugekommen sein, das den Verkehr dort oben herlenkte. Vor 10 Jahren habe ich hier in diesem Verein schon mal der Vermutung Ausdruck gegeben, daß dort, wo heute Hollmanns und Kux Haus steht, früher eine Burg oder eine befestigte Anlage gestanden haben muß, der Bezirk um diese Gegend (z. B. dort wo Huwendieks Haus steht (Auf dem Berge 7) heißt ja noch heute Burghagen, also das Land, das mit im Gehege der Burg lag. Wahrscheinlich wird es sich bei dieser Burg um eine der vielen Holzburgen des frühen Mittelalters gehandelt haben, die in den Fehden Heinrichs des Löwen oder seines Freundes Bernhard des Zweiten zur Lippe mit den benachbarten Ravensbergern zerstört worden ist, ähnlich wie dies bei der Löwenburg (Hünensaut) bei Lewenbergshagen = Lämershagen der Fall war, die um 1180 zerstört wurde. Erst wenn man für diese Ecke dort oben eine wichtige Anlage sich denkt, kann man die Zweckmäßigkeit der Wegeführung über den Bergvorsprung einsehen. Ich werde in dieser Gedankenführung noch gestärkt durch folgende Erwägung:
Der Hang zwischen Hofbükers Haus und dem Gehrenberg, (mit andern Worten: die Gärten von Hofbüker, Overkott, Ritterbusch, Paradies, Nagel, Tölke u. Bornheim) heißt „der Keddelbrink“. Um 1750 bis 1800 wohnte dort auch ein Kolon Keddelbrink. Es heißt ferner, daß Nagel sein Haus am Keddelbrink erbaute. Was heißt „Keddelbrink“? - In Bielefeld hat man den Keddelbrink in „Kesselbrink“ umgetauft, weil der Volksmund aus dem Keddelbrink einen „Köddelbrink“ gemacht hatte. Und das Wort war etwas anrüchig. Aber einen Köddelbrink hat es nie gegeben. Warum hätte es auch wohl einen Köddelbrink geben sollen? Eine Ablagerungsstelle für Tierexkremente? Für die geringe Zahl Ziegen oder Hunde oder Schweine. Es fehlte nicht an Weide- oder Heideflächen! Das Vieh brauchte nicht auf dieser engen Fläche zusammengedrängt werden. Den wenigen Dünger brauchten die Bauern oder Kolonen selber auf ihrem Acker.
Nein, wir wissen heute, daß Keddel weder mit Kessel noch mit Köddel etwas zu tun hat. Sondern es ist gleichbedeutend mit Kette. Der Jäger nennt ein Volk Rebhühner eine Kette. Das Wort hängt nicht mit dem gebräuchlichen Wort Kette zusammen, das aus dem Lateinischen stammt (catena), sondern es ist eine altgermanische Bezeichnung für eine durch Verwandtschaft verbundene Schar. In dieser Bedeutung findet es sich in dem friesischen Wort „Kede“: Einer, der zur Kedde gehört, ist ein Keding, daher der Volksname Kedinger in Nordhannover und der häufiger vorkommende Ortsname Kedinghusen. Durch Erweichung des Auslauts in g wird aus Kedde Get und aus Keding, Gat und Gatting. Der Zusammenhang mit Gattung und Gatte wird klar. So erklärt sich auch der Ortsname Gettrup in Westfalen, der im Jahre 870 Gatingthorp hieß. Getmold ist die Malstatt der Kette. Jellinghaus, der bekannte Sprachforscher, führt noch an: Kettenbach, Kettelbeck, Kesselbach, Kattenbeck u.a.m.
Der Keddelbrink ist also eine Versammlungsstätte einer Volks- oder Stammesgemeinschaft oder einer Sippe. Nun müssen wir uns mal folgendes vor Augen führen: Um das Jahr 1000, also weit nach germanischer Zeit, da war Oerlinghausen ein Vorwerk, d.h. günstigstenfalls ein Gutshof von der Größe der späteren Bracht'schen Güter. D.h. alle Gebäude konzentrierten sich um den Brachthof. Alles andere war unbebaut. Auch der Berg, auch die Tönsbergstraße, auch die Pfarrstraße und die Hauptstraße. Es gab keine Paradies-Ecke und kein Jägerhaus, kein Tölkenhaus und kein Elbrachtshaus. Auch noch kein Pfarrhaus dort, wo es jetzt steht, das ist ja erst 1816 gebaut. Es gab nur einen Weg nach Menkhausen (durch Pfarrstraße und Gehrenberg) und einen steilen Weg zum Berge herauf und drüben wieder hinunter. Aber von der höchsten Stelle dieses Weges, der jetzigen Tönsbergstraße, hatte man einen freien Blick weit ins Land. Auf das von Wald umgebene Menkhausen, auf den Habergau u.s.w. Kann man sich eine schönere, eine geeignetere Thingstätte denken als diesen Brink? Als diesen Hang? Es bleibt Ihner Phantasie überlassen, sich dort oben, wo heute Hofbükers Haus steht, eine Eiche oder eine große, schattige Linde zu denken; ein herrlicher Platz muß das gewesen sein, leicht zu erreichen vom Burgherren (Bathen [?] Haus!) aber auch vom Vorwerk (Brachtshof). Ja, meine Damen und Herren, da mußte der Weg dran vorbeiführen. Das älteste Haus von Oerlinghausen, das heute noch steht, liegt an diesem Wege! Es ist Garnjost's Haus, Tönsbergstraße 5. Es trägt in gotischer Minuskel die Jahreszahl 1553. Die Häuser der Hauptstraße auf der Strecke von der Tönsbergstraße zur, d.h. auf der Strecke von Haus-Nr. 53 (Huwendiek) bis Haus-Nr. 19 (Rathaus) sind viel später gebaut. Diese Hauptstraße war eben ursprünglich nicht da. Sie ist viel später erbaut worden. Der Zugang zur Kirche war vom Vorwerk, vom Hofe, von der Vogtei aus, jetzt Küsterweg; dort lag auch das Pfarrhaus. Der Haupteingang der Kirche war an der Gertkammer. Die Häuser der Pfarrstraße, früher Wehme genannt, sind erst nach 1780 gebaut worden. Das Haus Hauptstraße 53 (jetzt Schuhmacher Huwendiek) ist erst errichtet worden, als die Hauptstraße von dort bis Jägerhaus sich zu bilden begann. Vorher mußten alle Gespanne, alle Fuhrwerke über den Berg. Die Menschen kannten früher nicht das Wort Tierquälerei. Es wurde derbe auf die Pferde gehauen. Aber man versteht bei solchen Wegen, daß es einen Krug Helpup gab, dessen Besitzer Vorspann leistete. Ich erinnere mich, als 1893 mal ein ganzes Regiment Artillerie durch Oerlinghausen kam und, weil die Hauptstraße infolge Pflasterarbeiten gesperrt war, über den Berg mußte. Ich muß gestehen, das war ein herrliches Schauspiel!
Der Ausbau der Hauptstraße aber vollzog sich aus folgender Ursache: Beim Bau neuer Häuser in der Gegend des Bracht'schen Gutes wurde Sandstein verwandt, sowohl zum Sockel als auch für Fensterrahmen. Das Bracht'sche Schloß z.B. hatte nur solche Fenstereinfassungen, aber auch Treppen und Mauern der Holterstraße waren aus Sandstein. Diesen Sandstein brach man, wo man ihn am nächsten fand, d.h. an der jetzigen Hauptstraße. Die Häuser Bornheim, Tölke, Nagel, Paradies stehen alle in alten Steinbrüchen. Man nagte den Berg nicht allzu tief an. Wenn der Weg breit genug war und zur Not auch ein Haus dort stehen konnte, ging man mit dem Bruch weiter. Natürlich mußte man sich auch nach dem Gestein, d.h. der Qualität richten. Auch Beckers Keller, die alte Brauerei, die um 1870 gebaut wurde, steht in einem früheren Steinbruch, auch Moritz's Schmiede. Auch von hier zog man mit dem Steinebrechen weiter nach unten. Der jetzige Weber'sche Park war Steingrube. Die Flurbezeichnung heißt noch heute so. Erst in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts wurden die Steinkuhlen von Lander und Richter u.s.w. (später Bauer) angelegt. So war man also in ebener Linie um die Bergnase herumgekommen und nun erst begann überhaupt die Erweiterung des Dorfes nach Osten hin. Das erste Haus war das jetzt Schuhmacher Huwendiek das um 1640 gebaut wurde und das kam so: Der Vogt Thofall war in Ungnade gefallen bei seinem Grafen zur Lippe, wurde seines Amts enthoben und sein Nachfolger wurde ein Sohn des Meiers zu Barkhausen. Dieser Vogt Barkhausen hat sich aber die Gunst des Grafen zur Lippe nicht zu wahren gewußt. Er verstand auch nicht viel vom Vogteiamt. Kurz und gut, als 1650 der Feldhauptmann Bracht nach Lippe kam, wurde dieser Landvogt in Oerlinghausen, übernahm die Thofall'schen Güter, und der inzwischen alt gewordene Vogt Barkhausen zog sich in den vor einigen Jahren vorher erbauten Krug Hauptstraße 53 zurück. Das Haus erhielt dann den Namen „zum alten Vogt“. Die Kruggerechtigkeit blieb in diesem Hause von 1640 bis 1863. 1863 erwarben die Brüder Paradies das Haus und richteten dort eine Zigarrenfabrik ein. Alle übrigen Häuser der Hauptstraße sind viel jüngeren Datums. Es ist kein einziges dabei, das über 150 Jahre alt ist. Sie sind sämtlich nach 1780 gebaut. Wir haben wohl ältere Kolonate, aber sie lagen jenseits des „alten Vogts“ also z. B. Hattenkerl Hof Nr. 2 an der Suijenstroden. Roedings Hof (jetzt „Essener Hof“ Niemeier Nr. 1.) dann das Haus der Frau Irma Herz, ein sehr altes Kolonat. Dann Groten Hof (jetzt Hauptstraße 57). Auch das Limbergsche Haus am Steinbült und Drewes am Steinbült sind alte Kolonate. Auch 3 Kolonate Auf dem Berge. Als um 1750 der Amtmann Hilmar sich ein neues Haus erbaute, d.h. unser jetziges Rathaus, da war dies ein weit vorgeschobener Außenposten.
Also das Amtshaus wurde 1740 gebaut, das zweitälteste Haus, die Mangel, 1811 (jetzt Langewort Hauptstraße 7.) Das Haus meines Bruders 1828, daneben Nagels Haus etwa um die gleiche Zeit, die Apotheke 1831.
An dieser Ecke wollen wir noch etwas verweilen. Wer vom Rathaus die Hauptstraße hinuntergeht, der beobachtet, daß das Haus Hauptstraße 3 etwas vorspringt, die Apotheke liegt viel weiter zurück. Und doch bildet die Hauptstraße bis zu Nr. 3 eine natürliche Linie. Erst hinter Nr. 3 beginnt die Schwenkung nach rechts zur Detmolder Straße Auch das erklärt sich demjenigen leicht und zwanglos, der um den Bau der Detmolder Straße weiß. Diese Detmolder Straße ist erst um 1829 gebaut worden. Vorher war die einzige Verkehrsader nach Osten die jetzige Marktstraße, früher Hellweg genannt. Diese alte Handels- u. Poststraße nach Detmold verlief am Rande des Frohnenschen Besitzes; der „Grüte“. Oder wir müssen umgekehrt sagen: der vom Haupthof Barkhausen abgetrennte Besitz des Frohnen des freien paderbornischen Amts Barkhausen, der Frohne mußte doch auch leben können und erhielt deshalb neben dem Hof Nr. 2 in Asemissen das Gehölz „Grüte“ bei Oerlinghausen. Also diese Grüte reichte im Süden bis an den Weg, der nach Detmold führt, an.
Daß diese Marktstraße der ältere Weg ist, zeigt deutlich diese Karte. Links Frohnescher Besitz, rechts vom Wege die Ländereien der Oerlinghauser Bürger, die alle im rechten Winkel auf die Marktstraße stoßen. Nun wird eine neue Straße gebaut (um 1829), und die durchschneidet rücksichtslos den Acker, sodaß nun zur an der Straße Spitze und stumpfe Winkel entstehen. Und als an dieser Detmolder Straße Häuser gebaut werden sollen, da ergibt sich die Notwendigkeit, erst die spitzen Ecken abzuschneiden und neue Grenzen zu ziehen, damit die Häuser im rechten Winkel zur Straße stehen. Der alte Herr Sprenger erzählte wohl mal, wie beim Bau der Detmolder Straße mancher Schnaps dazu geholfen hat, die Linienführung mehr nach Süden zu legen: Zur Erreichung einer besseren Lage seines elterlichen Grundstücks zur Straße. Und wie dann der Wegemeister gesagt habe: „Eck laube, wie mütt 'n paar 'n lüttken Tuck schieben“ [Plattdeutsch: Ich glaube, wir müssen ein paar ein kleines Stück schieben]. Das Haus, die jetzige Amtssparkasse, lag ursprünglich abseits der Straße. Es war ein alter Schafstall. So rückte die Detmolder Straße mehr nach rechts. Während die Fortsetzung der Hauptstraße ursprünglich so verlief, wie ich es auf der folgenden Karte zeige.
Nunmehr werden Sie verstehen, warum die Häuser Nagel (Nr. 5) und Reuter (Nr. 3) diese kleinen Schwung nach links haben. Das Haus Bremer, Hauptstraße 2, ist erst gebaut, als die neue Detmolder Straße fertig war. Desgl. Desgleichen die Apotheke. Die Apotheke paßt sich also der neuen Führung der Detmolder Straße schon an, denn 1831 war die Detmolder Straße fertig. Das Haus Nr. 2 (früher Böhmer) hieß vor 100 Jahren der „Schlingkrug“. Wenn man es heute wieder so nennen würde („Schlingkrug“!), ich glaube unsere Großstadtbesucher würden sagen: „Hier können wir erst mal ordentlich was verschlingen.“
Sie wissen nicht, woher die Bezeichnung „Schling“ kommt. Selbst diejenigen, die dem Kruge diesen Namen vor 100 Jahren gaben, wußten es nicht mehr ganz genau. Wir wollen uns aus einem früheren Vortrage ins Gedächtnis zurückrufen, was ein „Schling“ ist. So ein Schling spielte ja früher mal eine Rolle in der Geschichte unserer Heimat. In den fehdereichen Zeiten, im 15. u. 16. Jahrhundert schlossen die Grafen zur Lippe ihr Land an den Hauptverkehrsstraßen durch sogenannte Landwehren ab. Das waren bis zu 30 m breite Hainbuchenhecken oder Dornhecken, auch Knicke genannt, weil die Buchen in einer bestimmten Höhe umgeknickt und miteinander verflochten wurden, wodurch eine undurchdringliche Schutzwehr entstand. Durch diese breiten Hecken zog sich dann ein geschlungener Pfad, ein Zickzackweg, ein „Schling“. Der Schling wurde nun durch einen Schlagbaum gesperrt. Es wurden Schlinghüter angestellt, die auch Büscher (Böhmer) genannt wurden. (Ufflerbäumer, Schuckenbäumer, Kusenbäumer, Vlothoerbäumer, Bentrupperbäumer, Schleppenbäumer oder auch kurz Böhmer). Sie hüteten also den Schling oder das Schling. Und nun übertrug sich im Laufe der Jahrhunderte das Schling, also die Bezeichnung für den geschlungenen Weg auf den Sperrbaum, sodaß man später auch für den Chausseebaum oft „Schling“ sagte. Der alte Hellweg nun, die jetzige Marktstraße, ist zeitweise lange Jahrzehnte auch mal durch einen Baum abgesperrt gewesen worden. Es muß eine derbe Anlage gewesen sein, torähnlich. Und diese Anlage hieß das Meßdohrschling. Nach diesem Meßdohrschling, das etwa da stand, wo heute das Marktplatzhäuschen steht, ist der Schlingkrug genannt. Aus dem Meßdorp ist in unserer Flurkarte dann ein Mißttor gemacht worden, denn die Geometer konnten doch keine plattdeutschen Namen in den Flurkarten verzeichnen. Nun, sie hätten es nur bei dem Meßdohr lassen sollen. Denn die Verhochdeutschung von Meßdohr in Mißttor ist vollkommen falsch. Denn Meß auch Mesch (Familienname M) bedeutet das vermessene Land der Bauerschaft. Und wie fein dies Land dort vermessen war, an diesem Wege, hat uns ja die Karte gezeigt. Die Marktstraße lief hinten an der Waderfohr (Karte!) rechts der jetzigen Detmolder Straße. Der Neubau Redeker steht ungefähr mitten auf der alten Landstraße, die dort Hohlweg war. Wir sind gestern beim Schnatgang durch diesen alten Hohlweg gegangen, er bildet vom Oetenhauser Weg bis zum Kuhbraken die Stadtgrenze.
Der Weg aber der nach Heerse führt, ging über den Amtmeierhof Barkhausen; er führte vom Meßdohrschling an gerade herunter nach dem Gute, war bis 1900 ebenfalls eine hohle Gasse, sodaß zum jetzigen Marktplatz eine hohe Treppe heraufführte. (früher Taschen Garten). Der Hellweg und dieser Stöhnebrink, der direkte Weg nach Barkhausen, an dem das Kontorgegebäude von Müller & Co. liegt waren die Haupt-Zufahrtsstraßen für Oerlinghausen. Und sie waren bis zum 19. Jahrhundert von großer Bedeutung. Sie haben viel Verkehr gesehen, viel erlebt, viel Soldateska ist darauf gefahren, viel fremdes Kriegsvolk darauf marschiert, im 30-jährigen Kriege und im 7-jährigen. Was von Preußen, von Rietberg u. Ravensberg nach Lippe herein wollte, mußte über Oerlinghausen. Wenn die Grafen zur Lippe ihre holländischen Besitzungen besuchen wollten, mußten sie über Oerlinghausen fahren. Der Weg von Detmold nach Münster oder nach Dortmund und weiter zum Rhein führte über Oerlinghausen, wenn man nicht über Lippstadt reiste. Denn, m. D. u. H., die Chaussee Bielefeld - Scherenkrug - Helpup ist erst 1836 gebaut worden. Im lippischen Magazin Bd. I vom Jahr 1835 heißt es S. 318: „Für den Leinenhandel hat diese Straße dann eine große Bedeutung gewonnen.“ Vorher aber ging die Verbindung von Lippe nach Bielefeld über Oerlinghausen und dann über den Bartelskrug nach Brackwede. Der Bartelskrug war Zollstelle (nicht der Rollkrug). Neben diesen alten Hauptverkehrsstraßen gab es hier natürlich noch eine Reihe anderer Wege, die aber mehr lokale Bedeutung hatten. So ein Kirchweg für Wistinghauser und Stukenbrocker, die wir ja noch kennen und die ich nicht besonders zu beschreiben brauche. Dann gab es ferner noch sogenannte Triften, Kuhtriften u.s.w. Diese Wege wurden von Anfang an gleich sehr breit angelegt. Außer unserem Triftwege vom Welschen abzweigend, gibt es noch einen solch gleich breiten Weg dieser Art in der Senne und zwar den Weg, der die Holter Straße bei Sültemeyer rechts verläßt und zum Bartelskrug führt. Es handelt sich hier auch um einen Triftweg, denn die Oerlinghauser hatten ein Hütungsrecht in diesem Teil der Senne bis zu dem Bache, der hinterm Bartelskrug herfließt.
Und nun will ich noch einen Weg erwähnen den man an schönen Frühlingstagen mit Vorliebe wandert, das ist der Weg durch die Asemisser Tannen.
Ja, so bezeichnet man ihn heute. Schade, daß die alte Bezeichnung nicht mehr gang und gäbe ist. Die „Asemisser Tannen“ sind ja erst jüngeren Datums. Die Tanne ist überhaupt erst vor 100 Jahren in Lippe eingeführt. Früher fragte man allgemein, wenn man nach Ubbedissen wollte oder nach Bielefeld: „Wo go wi her? Öbber Gräfinghagen oder öbberen Lamback?“ Der Berg, auf dem die Asemisser Tannen stehen, jener lange Rücken, der bis zur lippischen Grenze reicht, heißt der Lamback. In fälschlicher Weise wird diese Bezeichnung wohl auch mal auf den Bach angewandt, der die Grenze zwischen Lippe und Ravensberg bildet und in die Windwehe fließt. Ich meine das Bächlein, das am Heikotten (Johannsmann) vorbeifließt. Und man denkt dann, wie man bei der Schopke an die Schafe denkt, hier an ein Lamm, ähnlich wie bei Lämershagen. Aber wie Lämershagen nichts mit Lämmern zu tun hat - es kommt bekanntlich von Löwenbergshagen - so hat auch der Lamback nichts mit einem Lamm zu tun, und auch nichts mit dem Bach. Diese Namensbezeichnung gilt dem Höhenrücken. Der Name heißt auf plattdeutsch: Lamback. Wenn's von „Bach“ käme, müßte es ja plattdeutsch beke oder bieke heißen. Aber Back oder beck ist eben etwas ganz anderes! Der Beck oder Back (Maskulinum!) ist ein Hügel. Im heutigen Dänischen heißt der Hügel: Bakken. Verwandt damit ist Buckel. Lamback ist nach Prietze, den ich danach fragte, mit Landback zu erklären. Dieser Back war also eine Thingstätte für einen Gau. Und wenn wir berücksichtigen, welche Bedeutung das Amt Barkhausen hatte, wenn wir ferner auf die nahe Volksburg des Tönsberges blicken, so ist es nicht abwegig, wenn wir im Lamback, von dem aus man den Gau herrlich weit überblickt, die alte Volksversammlungsstätte erkennen. Ein ähnlicher Blick in die Weite bietet sich uns ja von der Femlinde aus. Und so dürfen wir schließen: Bei der Femlinde war die Gerichtsstätte des Amts. Der Lamback aber war die Thingstätte, die Versammlungsstätte des ganzen Gaues, der ja noch zur Zeit Wittekinds republikanisch sich selbst verwaltete.
An der Femlinde sagte mir ein Herr: „Dieser Blick hier und die Umgebung, das alles stimmt direkt friedlich.“ So ist es in der Tat. Es heißt von den Rittern, die ihre Burgen am Rhein bauten, sie hätten gewußt, wo es schön war. Nun, unsere Vorfahren hier im alten Germanien, im alten Sachsenlande, haben auch gewußt, wohin sie ihre Volksversammlungen legten. Auch hier vom Lamback der Rundblick ist besonders in diesen Frühlingstagen bezaubernd schön.
M. d. u. H. Ich bin der Aufforderung des Vereins für Natur- und Heimatkunde einen geschichtlichen Vortrag zu halten, deswegen gefolgt, weil wir durch einen geschichtlichen Rückblick unsere Heimat immer besser kennen lernen, unsere Heimat, aus der wir täglich neue Kraft schöpfen.
Vortrag, gehalten am 6. Juni 1932 im Verein für Natur- und Heimatkunde (Rathauskaffee.) z. d. A. Geschichte NA 7/6. 32
Quellennotiz zum Chausseebau
Lipp. Magazin Chausseebau Bd. I. 1835. S. 318. Die zweite Straße, welche gegenwärtig gebaut werden soll, wird Detmolder-Lemgo über Lage und Oerlinghausen mit Bielefeld in Verbindung bringen, da man kaum daran zweifeln darf, daß von der Königlich Preußischen Seite der Weg von Bielefeld über Ubbedissen bis an die lippische Grenze in eine Chaussee wird verwandelt werden. Diese Straße wird die großen Vorteile einer fast geraden Verbindung zwischen Bielefeld und Münster und Höxter, sowie des nächsten Anschlusses der Münsterschen Straße an die große Berliner Route gewähren, Oerlinghausen und Lage über Lemgo mit der Weser in Verbindung bringen und überhaupt den Verkehr der Gegenden, welche sie durchschneidet, sehr beleben.