Das Dorf der drei Höfe
Wo der lippische Graf gern jagte - Später versorgte der Ort Oetenhausen zwei Werke mit Rohstoffen, eine Ziegelei und eine Zementfabrik
[Bild: Die heutigen Bewohner Oetenhausens. Angelika Ober (hinten v. li.), Klaus Ober, Friederike Hanke, Solima Klimmek, Uwe Klimmek. Elisabeth Wiedemeier (vorn v. li.) Werner Höltke und Wilhelm Hanke. Foto: Horst Biere | © bi]
Oerlinghausen. Das waren noch Zeiten, damals im 17. Jahrhundert, wenn der Graf zu Lippe mit seinem ganzen Thronstaat auf Jagd ging. Nach dem letzten Halali erwartete der Regent von seinen Untertanen ein üppiges Festmahl mit vielen Speisen und vor allem Getränken - geliefert und serviert von den Hofbesitzern, bei denen die Jagd stattgefunden hatte. So war es auch in Oetenhausen, dem kleinen Ort an der Straße von Oerlinghausen nach Währentrup.
Denn gern jagte der lippische Graf auch in den Wäldern rings um Oetenhausen. „Noch heute ist ein Jagdstaken an der Grenze von Hanken Hof zu finden“, sagte Heimatforscher Werner Höltke bei einem Vortrag im Jägerhaus über den kleinen Drei-Höfe-Ort Oetenhausen. „Ein Jagdstaken war praktisch ein Grenzpfahl und diente zur Markierung zwischen dem gräflichen Jagdgebiet und einem Bauernhof.“ Der uralte Eichenholzpfahl, den Höltke vor einigen Jahren wieder aufgerichtet und restauriert hatte, stammte aus der Zeit zwischen 1580 und 1660. Oftmals fand das gräfliche Gelage nach der Jagd auch im sogenannten Schloss des Oerlinghauser Vogts an der Hauptstraße statt. Aber auch dann hatten die Bauern aus Oetenhausen für Speisen und reichlich Getränke zu sorgen.
[Bild: Bei der Blumenkohlernte auf Obers Hof arbeiteten viele Oerlinghauserinnen um 1940. | © bi]
Die drei selbständigen Höfe Oetenhausens, die in frühester Zeit einmal zum Gut Barkhausen gehörten, wurden nach ihrer Lage entlang eines Baches benannt „Ober“, der oberste Hof, „Lange“, der mittlere, zu dem auch Teile des „Langen Bergs“ gehörten und „Nieder“, der am unteren Teil des Bachs gelegene Bauernhof, der an Währentrup grenzte. Über Jahrhunderte hielten sich die Namen der Höfe. Dann im Jahre 1914 ging der 38 Hektar große Niedernhof auf den Bauern Stranghöner über. Allerdings nur kurze Zeit, denn bereits 1931 erwarb das Gut Wistinghausen die gesamte Ackerfläche des Hofs. Gutsbesitzer Haniel vom Gut Wistinghausen konnte so seine landwirtschaftliche Produktionsfläche deutlich ausweiten. Ein Teil der ungenutzten Gebäude allerdings wurde in den 1970er Jahren von Familie Wiedemeier übernommen. Sie modernisierte und renovierte das Anwesen und baute es zu einem hübschen Fachwerkhaus um.
Mit der Seilbahn über den Berg
Eigentlich waren Ackerbau und Viehzucht von jeher die Einkommensquellen der drei Höfe. Doch das änderte sich deutlich, als auf dem mittleren Hof Lange ein mächtiges Tonlager unter dem Ackerboden gefunden wurde. Damit besaß sein damaliger Besitzer, der Landwirt Reinecke, ein zweites Standbein, die Ziegelherstellung. Er baute den Ton ab und brannte ihn in seiner eigenen Ziegelei zu harten Ziegelsteinen. Höltke erzählt: „Die in Handarbeit abgebaute Tonerde wurde anfangs noch mit einem Pferdefuhrwerk auf einem Waldweg über den Querriegel zur heutigen Bundesstraße 66 befördert. Dort hatte Reineke seine neue Ziegelei errichtet.“ Als dann seit Anfang des vorigen Jahrhunderts auch Elektrizität zur Verfügung stand, transportierte man den Ton mit einer neugebauten Seilbahn über den Berg bis zur Ziegelei. „An die Masten der Seilbahn erinnern noch heute zwei Fundamente, die man in den Boden am Querriegel setzte“, berichtet Werner Höltke.
Bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts wurden die Ziegel in dem Werk in der Nähe der Bundesstraße gebrannt, dann stellte man die Produktion ein, und riss das große Fabrikgebäude mit seinem markanten Schornstein ab. Der landwirtschaftliche Betrieb von Reineke in Oetenhausen ging allerdings schon im Jahre 1907 an Bauer Hanke über, dessen Nachfolger den Hof noch heute bewirtschaften.
Der wertvolle Blumenkohl wurde von Sicherheitspersonal bewacht
Weitere Bodenschätze aus Oetenhausen entdeckte man Ende des 19. Jahrhunderts auf dem Hof Ober. In einem Waldstück am Ortsausgang von Oerlinghausen, das im Volksmund früher nur „Obern Berg“ genannt wurde, begann man seinerzeit mit dem Abbau von Kalkstein zur Belieferung einer Zementfabrik. „In dem von Buchen bewachsenen Wald weisen einige Mulden noch heute darauf hin, dass hier die Kalksteine herausgeholt wurden“, berichtet Werner Höltke. Die Kalksteine wurden in einer nahegelegenen Fabrik zerkleinert und gebrannt. Anschließend vermischte man den gebrannten Kalk mit gemahlenem Schiefer und stellte damit den Zement her.
Weil sich die Herstellung hier - auf der Nordseite des Tönsbergs - irgendwann als unrentabel erwies, stellte man im Jahre 1928 die Zementproduktion ein. Die Fabrikgebäude brach man in den folgenden Jahren ab. Erst im Jahre 1935 jedoch wurde ganz spektakulär der hohe Schornstein der Zementfabrik gesprengt, erinnert sich Werner Höltke.
Eine weitere Besonderheit wiesen die Ackerflächen auf Obers Hof (heute Riedemann) auf. Jahrzehntelang habe der Bauer nur Blumenkohl angebaut. Und damit der wertvolle Kohl nicht über Nacht gestohlen wurde, habe ein Wächter in einem kleinen Wachhäuschen mitten auf dem Feld die Anbauflächen bewacht. Viele Oerlinghauser Frauen, die an der Detmolder Straße wohnten, hätten dort als Erntehelferinnen in der Sommerzeit gearbeitet, erklärt Höltke.